Die Töchter und Söhne Kanaans leben noch heute

    28. Juli 2017, 06:00
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    Genuntersuchungen zeigen, dass die bronzezeitlichen Kanaaniter der biblischen Geschichte im Libanon bis in die Gegenwart überdauert haben

    Cambridge/Wien – Die Bibel kennt Kanaan als das Land, in dem "Milch und Honig fließen" – und tatsächlich müssen bereits während des Neolithikums die Menschen in der heutigen Levante und den weiter im Osten angrenzenden Landstrichen Bedingungen vorgefunden haben, unter denen es sich gut leben ließ. Nicht umsonst gilt die Region als Wiege der menschlichen Kultur. Während der Bronzezeit existierten an der östlichen Mittelmeerküste, wo heute die Staaten Syrien, Libanon, Israel, Jordanien und die Palästinensergebiete liegen, florierende Stadtstaaten.

    Das erste Alphabet

    Der unter der Bezeichnung Kanaaniter zusammengefassten Volksgruppe ist nicht zuletzt jenes erste echte Alphabet zu verdanken, aus dem der überwiegende Teil der heute verwendeten Alphabete hervorging. Im weiteren Verlauf der Geschichte breiteten sich die Handel treibenden und seefahrenden Semiten – die alten Griechen kannten sie als Phönizier – über den gesamten südlichen und westlichen Mittelmeerraum aus und gründeten dort viele Kolonien, die selbst den Römern Paroli bieten konnten.

    Wer aber waren diese Menschen, deren Vernichtung der Gott der Hebräer der Überlieferung nach befohlen hatte? Und was wurde schließlich aus ihnen? Archäologische Belege aus der Frühzeit dieser Volksgruppen sind jedenfalls Mangelware. Und auch den schriftlichen Zeugnissen über die Kanaaniter, die mehrfach in der Bibel und ägyptischen Texten vorkommen, ist im historischen Sinn nicht zu trauen.

    Unerwartete Kontinuität

    Was ihre Herkunft und ihr weiteres Schicksal betrifft, sind daher genetische Untersuchungen wesentlich aussagekräftiger. Eine solche umfassende Analyse hat nun ein internationales Forscherteam im "American Journal of Human Genetics" vorgelegt, und die Ergebnisse sorgten für eine Überraschung: Wie es scheint, sind die Kanaaniter des zweiten Jahrtausends vor unserer Zeitrechnung in den nachfolgenden turbulenten Epochen nicht einfach verschwunden.

    Die Wissenschafter um Marc Haber vom Wellcome Trust Sanger Institute bei Cambridge in Großbritannien stellten vielmehr fest, dass die bronzezeitlichen Kanaaniter direkte Vorfahren der modernen Libanesen sind: Der Vergleich des Genoms von 99 libanesischen Bürgerinnen und Bürgern mit dem Erbgut aus rund 4.000 Jahre alten Knochen von fünf Kanaanitern aus der heutigen Stadt Sidon ergab eine mehr als 90-prozentige Übereinstimmung.

    "Wenn man bedenkt, wie komplex und abwechslungsreich die Geschichte dieser Region in den vergangenen Jahrtausenden verlief, war für uns äußerst verblüffend, dass sich ein dermaßen großer Anteil des ursprünglichen kanaanitischen Erbmaterials in den heute lebenden Libanesen wiederfindet", meint Co-Autor Chris Tyler-Smith.

    Lokale Bauern und Zuzügler aus dem Osten

    Die restlichen nicht übereinstimmenden genetische Merkmale dürften nach Ansicht von Haber und seinem Team von anderen eurasischen Populationen stammen, die vor 3.800 bis 2.200 Jahren im Zuge von Eroberungszügen von außerhalb ins Land kamen. Die Genomanalyse zeigte darüber hinaus, dass die Kanaaniter selbst aus einer Mischung aus lokalen neolithischen Bauern und Migranten hervorgingen, die vor rund 5.000 Jahren aus dem Osten in die Region eingewandert waren. (Thomas Bergmayr, 28.7.2017)

    • Der Vergleich von Genmaterial aus rund 4000 alten kanaanitischen Gräbern aus dem heutigen Sidon mit DNA-Proben von modernen Bürgern des Libanon weist eine unerwartete Kontinuität nach.
      foto: claude doumet-serhal

      Der Vergleich von Genmaterial aus rund 4000 alten kanaanitischen Gräbern aus dem heutigen Sidon mit DNA-Proben von modernen Bürgern des Libanon weist eine unerwartete Kontinuität nach.

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