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Reportage mit Video11. August 2017, 08:00

Ein helles Klirren durchschneidet die Schmiede, wenn der Hammer auf das Eisen trifft. Rote Funken sprühen über den Amboss und beleuchten die umliegenden Zangen. Die Hammerschläge bestimmen den Takt der Arbeit, in Ybbsitz sind sie zum Rhythmus des Lebens geworden. Gleich neben dem Gemeindeamt im Zentrum des Ortes steht die Skulptur einer Sanduhr. "Panta Rhei", Alles fließt, steht auf dem Schild davor. Der Grundsatz des griechischen Philosophen Heraklit gilt gerade in Ybbsitz. Über die Felsen und Hänge der Berge fließt die Kleine Ybbs, in den Schmieden und Öfen fließt das Metall. Die Eisenverarbeitung hat in Ybbsitz eine jahrhundertelange Tradition, ihre Bewohner sagen statt Marktgemeinde lieber Schmiedegemeinde.

der standard

Dass sich in Ybbsitz alles um das Eisen dreht, merkt man an den vielen Details im Ort: die eiserne Bushaltestelle am Ortseingang, die Stahlbrücken über die Kleine Ybbs, die künstlerischen Eisenfiguren an den Plätzen. Rundherum strecken sich die Spitzen des Alpenvorlands in die Höhe. An deren Hänge schmiegen sich die alten Hammerschmieden, deren hölzerne Wasserräder früher die Maschinen antrieben.

Die Gemeinde mit nicht ganz 3.500 Einwohnern liegt im niederösterreichischen Mostviertel an der sogenannten "Eisenstraße": Bereits im elften Jahrhundert wurde Eisenerz vom steirischen Erzberg abgebaut. Als das Holz für die Schmelzöfen rund um den Berg knapp wurde, transportierte man das Erz in die umliegenden Täler. Ybbsitz bot mit seiner Wasserkraft und dem Waldreichtum gute Bedingungen für die Eisenproduktion. Es entstand eine bedeutende Kleineisenindustrie im Ort. Erst im Zuge der Industrialisierung, die eine ortsunabhängige Eisenproduktion ermöglichte, ging auch die Zahl der Schmieden in Ybbsitz zurück. Von den 65 Hammerwerken Mitte des 19. Jahrhunderts blieben nur eine Handvoll dem Ort erhalten.

foto: jakob pallinger
Sepp Eybl kaufte ein 500 Jahre altes Schmiedehaus. Heute arbeitet er immer noch als Schmied in Ybbsitz.

Sepp Eybl ist einer davon. Ein Schmied, wie man ihn sich vorstellt: Er trägt aufgerissene Jeans, eine Schürze, hat muskulöse Arme und große Hände. Sein weiß gestrichenes Schmiedehaus steht direkt neben der Ybbs – schon seit fünfhundert Jahren. Nachdem das Haus 28 Jahre leer stand, kaufte und renovierte Eybl es. Heute organisiert er in der Schmiede Kurse, fertigt Griffe, Türklinken und Stühle an oder gestaltet Gräber für den Wiener Zentralfriedhof. "Das Schmieden ist wie mit Plastilin spielen", sagt Eybl. Man müsse kreativ sein und sich die Formen der Materialien gut vorstellen können.

Das Schmieden stirbt aus

Eybl führt durch seine dunkle Werkstatt: Zangen hängen an den Wänden, dutzende Hämmer sind nebeneinander aufgestellt, ein Amboss steht vor dem Schmelzofen, rundherum sind sogenannte Federhämmer und Schwanzhämmer aufgebaut. Wenig später brennt der Ofen, und Eybl hält mit der Zange das glühende Eisen. 800 Grad seien es im roten Bereich, 1.350 Grad im weißen, erklärt Eybl.

foto: jakob pallinger
Werkzeuge in der Schmiede.

Trotz seiner Begeisterung für sein Handwerk weiß Eybl, dass das Schmieden ein aussterbender Beruf ist. Immer weniger Schmiedelehrlinge habe es über die Jahre gegeben.

Bürgermeister Josef Hofmarcher will deswegen die alte Schmiedekunst in Ybbsitz so gut wie möglich erhalten. Die Schmiedetechnik müsse sich aber auch weiterentwickeln, etwa in Richtung moderner Architektur, so Hofmarcher. Alle zwei Jahre findet deswegen in Ybbsitz auch das "Ferraculum" statt, ein Schmiedefest, bei dem Schmiedemeister aus ganz Europa nach Ybbsitz kommen, um Erfahrungen und Ideen miteinander auszutauschen. Umgekehrt reisen Hofmarcher und die Ybbsitzer Schmiede zu Künstlern und Architekten in der Ukraine, Tschechien und den USA.

Vom Ortsschmied zum Exporteuer

Ybbsitz lebe heute mehr denn je von der Eisenverarbeitung, sagt der Bürgermeister. 70 Prozent der Bewohner seien in der Eisenindustrie tätig. Neben Schweißern, Schlossern und traditionellen Schmieden wie Sepp Eybl haben sich in Ybbsitz auch international exportierende Metallbetriebe angesiedelt. Die bedeutendsten sind Welser Profile mit rund 1.800 Mitarbeitern in ganz Europa, die Firma Riess, die unter anderem den bekannten Kelomat-Druckkochtopf herstellt, sowie der Werkzeughersteller Sonneck und das Stahlbauunternehmen Seisenbacher. Sie alle seien aus alten Schmieden hervorgegangen, sagt Hofmarcher.

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Die Riess Email etwa wurde im 16. Jahrhundert als Hammerschmiede gegründet und befindet sich nun seit neun Generationen im Familienbesitz. Auf dem Firmengelände zeigt Geschäftsführer Friedrich Riess mit dem Finger zur Kleinen Ybbs. Hier seien früher die Wasserräder für die Energiegewinnung gestanden. Und auch heute noch werde der Strom mit drei Wasserkraftwerken hergestellt. Im Inneren des Unternehmens wird Metall geschliffen, gebogen und gestrichen.

Eine Besonderheit sei das Emaillierungsverfahren: Dabei werden kleine Glasstücke geschmolzen, auf das Metall aufgetragen und anschließend kurz bei hoher Temperatur mit dem Metall verschmolzen. Emailliert werden Töpfe, Pfannen, Geschirr, aber auch Straßenschilder und Tafeln. Insgesamt 136 Mitarbeiter sind in dem Unternehmen beschäftigt, exportiert werde in 38 Länder, darunter auch China, Südkorea, Japan und Griechenland.

foto: jakob pallinger
Die Firma Riess emailliert Töpfe, Pfannen, Geschirr.

Schmieden als immaterielles Kulturerbe

"Wir sitzen hier im Zentrum", sagt Riess und blickt zu den bewaldeten Hügeln rund um das Betriebsgelände. Die Verkehrsverbindung im Ybbstal sei zwar nicht optimal, dafür habe man aber eine starke Verbindung zum Ort und qualifizierte Mitarbeiter. Ein Großteil der Arbeiter komme aus der Umgebung, sagt Riess.

Trotzdem plagen Ybbsitz Probleme, wie sie auch in anderen Gemeinden existieren: Ein Mangel an Lehrlingen und Fachkräften sowie ein genereller Bevölkerungsrückgang. Habe es vor vierzig Jahren etwa noch 410 Schüler in der Schule im Ort gegeben, seien es heuer nur mehr 150, sagt Bürgermeister Hofmarcher. Fünf Prozent weniger Einwohner habe Ybbsitz im Vergleich zu vor zehn Jahren.

Zwischen alten Traditionen und neuen Entwicklungen gebe es ein laufendes Spannungsverhältnis, so Hofmarcher. Mit den traditionellen Schmieden auf der einen Seite und den expandierenden Firmen auf der anderen. Er habe Angst, dass Ybbsitz zu einer Industriegemeinde werde. Gleichzeitig wisse er, dass sich die Betriebe öffnen müssen, um auf dem Markt bestehen zu können. Seit 2010 gehört das Schmiedehandwerk in Ybbsitz zum immateriellen Kulturerbe in Österreich. Darauf sind die Ybbsitzer stolz. Und auf ihre Eisenprodukte sowieso. (Jakob Pallinger, 11.8.2017)

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