"L’Orfeo": Herzen und Steine erweichen

    27. Juli 2017, 16:54
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    Monteverdi-Auftakt mit John Eliot Gardiner

    Salzburg – Wild entschlossen, den Eindringling in der Luft zu zerreißen und an den Höllenhund zu verfüttern, stellt Charon sich dem klagenden Sänger entgegen. Er hebt die zur Klaue verkrampfte Hand. Und schüttelt im nächsten Moment irritiert den Kopf: Überirdisch schöne Klänge vergolden die graue Trostlosigkeit am Grenzfluss zum Totenreich. Wenn der Fährmann zum Gesang des Orfeo diese verkrüppelte Hand sehnsüchtig den Saiten der Harfe nähert, will das Herz vor Mitleid bersten. Er selber darf kein Mitleid haben – "dieses Gefühl ist meiner Stärke nicht würdig" –, aber er darf einschlafen.

    Vor 450 Jahren wurde Claudio Monteverdi geboren. Sir John Eliot Gardiner und die Salzburger Festspiele huldigen dem Mitbegründer der Gattung Oper und präsentieren seine drei erhaltenen Opern Orfeo, Ulisse und Poppea in einem Zyklus halbszenischer Aufführungen in der Felsenreitschule. Zusammen mit dem Dirigenten schuf die französische Regisseurin Elsa Rooke lose "Spielszenen", die sich unprätentiös und vollkommen organisch aus der Musik heraus entwickelten.

    Gardiner hat mit seinen Ensembles, English Baroque Soloists und Monteverdi Choir, einmal mehr Maßstäbe gesetzt mit einer L’Orfeo-Interpretation, deren überwältigende Wirkung dem scheinbaren Verzicht auf alle Effekte zu danken ist: Weder ru bato-bewegte Phrasierungskunst noch Extreme in Dynamik und Agogik, sondern allein organisches Fließen markierte diese Sternstunde. Umso stärker war denn auch die Wirkung bewusst eingesetzter Instrumentenfarben vom machtvollen Klang der Posaunen und Zinken bis hin zum Pianissimo der Harfe.

    Krystian Adam sang die Titelpartie darstellerisch quasi mit dem Gestus des selbstverliebten Heldentenors und sängerisch mit der geradlinigen Wendigkeit des Alte-Musik-Experten: So vereinte dieser Orfeo erstaunlich viele Merkmale moderner, aus purer Selbstbezogenheit entstandener Zerrissenheit auf sich. Hana Blažíková verzauberte Klarheit und Natürlichkeit als La Musica und als Euridice. Dass der Totengott seinerzeit auf Proserpina abgefahren ist und sie zu seiner Gemahlin gemacht hat, verwundert nicht, wenn sie ihn mit der Schlichtheit und Eindringlichkeit der Sopranistin Francesca Boncompagni betört hat.

    Handverlesen und überragend in allen großen und kleineren Rollen war dieser Orfeo ein Sängerfestspiel vom Bewegendsten. (Heidemarie Klabacher, 27.7.2017)


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