Kabane und Liebe: Sommerresidenz im Gänsehäufel

29. Juli 2017, 09:00
81 Postings

Das Wiener Gänsehäufel ist nicht nur eines der größten Freibäder Europas, es ist auch Sommerresidenz für fast 300 Kabanenbewohner

Es ist einer dieser kühlen Tage, an denen sich nur hart gesottene Sonnenanbeter ins Freibad trauen.Bibbernd blicken sie zum Himmel und hoffen, dass sich wenigstens ein paar Sonnenstrahlen durch die dicke Wolkendecke kämpfen und in ihr Gesicht verirren. Ansonsten herrscht an diesem Tag eine gespenstige Ruhe im Wiener Gänsehäufel. Lediglich ein paar Krähen und Schwäne haben es sich am Ufer der Alten Donau gemütlich gemacht. Lauscht man dem Rauschen der Blätter und dem Ruf der Vögel, man könnte fast vergessen, dass man in einem Freibad mitten in der Großstadt ist.

An heißen Sommertagen sieht es hier natürlich anders aus. Rund 30.000 Badegäste finden zur Hochsaison Platz auf dem riesigen Areal, das in mehrere Zonen unterteilt ist. Während Familien vor allem den Oststrand mit Wellenbecken und Wasserrutsche aufsuchen, verschlägt es Ruhesuchende zumeist in den Westen des 330.000 Quadratmeter großen Freibades.

foto: alex stranig
Das Kabanendorf befindet sich in unmittelbarer Nähe zum Weststrand. Auch wenn das Bad voll ist, bleibt es hier ruhig.

In unmittelbarer Nähe zum Weststrand befinden sich auch die in Reih’ und Glied stehenden Vorbaukabinen, sogenannte Kabanen. Dabei handelt es sich um kleine Betonhäuschen mit Terrasse, Vordach und drei Quadratmeter großen Kabinen, die völlig unterschiedlich gestaltet sind. Mit Gartenzwergen auf der Terrasse, Rattansofa oder einer Piratenfahne am Dach. Wer das Glück hat, eine dieser Kabanen zu besitzen, versucht so oft es geht, hier zu sein. Wolken, Wind oder Regen sind kein Grund, zu Hause zu bleiben.

foto: alex stranig
Hermine und Franz Wöber verbringen den ganzen Sommer in ihrer Kabane. Schlechtes Wetter ist für sie kein Grund, zu Hause zu bleiben.

Auch Franz und Hermine Wöber sind heute ins Gänsehäufel gekommen, das sie schon vor vielen Jahren zu ihrer persönlichen Sommerresidenz erklärt haben. "Wir fahren den ganzen Sommer nirgends hin. Das hier ist unser Sommerurlaub. Wenn es regnet, sitzen wir unter der Markise. Die frische Luft tut uns einfach gut", sagt Franz Wöber. Nicht jeder hier hat den Luxus, einen ausfahrbaren Sonnen- und Regenschutz zu besitzen.

Alles was man braucht

Neben einer Markise befinden sich aber auch Liegestühle und Decken für kühlere Tage wie heute in der Kabane des Ehepaars. Auch für Geschirr, Besteck und Kaffeekanne ist genügend Platz. Die Kästen hat der rüstige Rentner selbst montiert. Gegessen wird im Restaurant oder direkt am Tisch vor der Kabane. "Wenn es nicht zu heiß ist, dann koche ich auch hier. Manchmal wärme ich auch nur etwas auf, das ich zu Hause vorgekocht habe", sagt Hermine Wöber. Essen und Getränke werden in der Kühltasche verstaut. Früher sei hier auch viel gefeiert worden, jeder habe etwas mitgebracht und man habe gemeinsam gegessen. Das komme heute eher selten vor, sagt das Ehepaar.

foto: alex stranig
Die Gestaltung jeder Kabane ist individuell – von puristisch bis sehr ausgefallen.

Obwohl jeder für sich zu sein scheint, wirkt hier alles wie eine eingeschworene Gemeinschaft. Der kleine gepflasterte Weg, der an den kleinen Häuschen vorbei führt, ist immer im Blick der Kabanenbewohner. Sie erkennen sofort, wer hierher gehört, wer Besucher ist oder wer nur aus Neugierde durchspaziert. Auch wenn der Bereich für alle Badegäste offen steht, auf die riesige Wiese vor den Kabanen traut sich offenbar selbst an heißen Sommertagen kaum jemand.

Wer es doch wagt, sein Handtuch dort auszubreiten, wird schnell merken, dass hier alles einem strengen Ritual folgt. So werden kurz vor Mittag Tische gedeckt, Salate gewaschen und die Gaskartuschen aufgedreht um das Essen zu wärmen. Pünktlich um zwölf Uhr steht vor den meisten Kabanen das Essen auf dem Tisch. Während sich kurz danach die einen noch beim Geschirrabwaschen unterhalten, bereiten die anderen bereits die Liege für die Mittagsruhe vor.Jetzt wird auch den Besuchern auf den Handtüchern klar, dass sie lautes Sprechen und Lachen einstellen sollten. Zumindest so lange, bis eineinhalb Stunden später Kaffee getrunken und Kuchen gegessen wird. "Einmal kommen die Nachbarn zu uns auf einen Kaffee, ein anderes Mal sitzen wir bei den Nachbarn", sagt Franz Wöber, dem besagte Nachbarin gerade ein Stamperl mit Schnaps bringt.

foto: alex stranig
Oliver Vogl ist seit drei Jahren Kabanenbesitzer. Er schätzt die Ruhe und die angenehmen Nachbarn.

Auch Oliver Vogl ist seit drei Jahren stolzer Kabanenbesitzer und mit 38 Jahren einer der Jüngeren hier. Mit den Ritualen hat er sich arrangiert, mit den Nachbarn pflegt er ein gutes Auskommen. "Man begegnet einander hier respektvoll. Mittlerweile lasse ich mich auch manchmal von der Mittagsruhe mitreißen und mache ein kurzes Schläfchen nach dem Essen. Ich verstehe nicht, warum sich nicht mehr junge Leute für eine Kabane interessieren. Nach einem stressigen Arbeitstag kommt man hierher und ist sofort in einer anderen Welt", sagt Vogl, der sich nach einer TV-Reportage über das Gänsehäufel für eine Kabane anmeldete. "Nach vier Jahren kam der Anruf. Da habe ich zugeschlagen".

Schön der Reihe nach

Aktuell beträgt die Wartezeit für eine der 290 Kabanen rund sechs Jahre. "Es gibt ein Vormerkbuch, in dem alle Personen entsprechend ihrer Anmeldung gereiht sind. Wir verwenden bewusst ein Buch, damit es zu keinen Manipulationen kommt", sagt Martin Kotinsky von den Wiener Bädern. Die Miete beträgt rund 600 Euro und beinhaltet drei Saisonkarten. Mitbenützer können die Kabane nach drei Jahren übernehmen. Wer jene von Familie Wöber einmal übernehmen soll, wissen sie noch nicht. Im Moment ist ihre Enkeltochter als Mitbenützerin eingetragen. Jetzt wollen sie ihre Sommerresidenz aber erst einmal selbst noch einige Jahre nutzen und so viel Zeit wie möglich hier verbringen. "Wir wohnen nicht weit entfernt vom Gänsehäufel. Meistens machen wir uns hier schon das Abendessen und gehen kurz vor Badeschluss duschen. Wenn wir zu Hause sind, können wir gleich in den Pyjama", sagt Franz Wöber. Schließlich will man den nächsten Badetag wieder voll ausnutzen und so früh wie möglich hier sein. Ob mit oder ohne ausgefahrener Markise. (stra, 29.7.2017)

Share if you care.