"Pyre" im Test: Fantasy-Sport mit epischer Tiefe

    28. Juli 2017, 08:49
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    Eine hübsche und originelle Mischung aus Sport, Adventure und Taktik

    Das US-amerikanische Entwicklerstudio Supergiant Games ist Indie-Freunden wohlbekannt: Schon der Erstling "Bastion" bezauberte im Jahr 2011 durch seine originelle Erzählweise, fantastische Musik und solides Gameplay, das nachfolgende "Transistor" bot großartiges Art-Deco-Design und taktische Rundenkämpfe. Nun ist mit "Pyre" das wohl ambitionierteste Spiel des Studios erschienen – eine ziemlich einzigartige Mischung aus Adventure, Taktik-Rollenspiel und Sport.

    Als namenloser Begleiter einer zu Beginn dreiköpfigen Truppe von ungleichen Abenteurern ist es das Ziel, durch die Absolvierung von "Ritualen" der Verbannung in die unwirtliche Welt von "Pyre" zu entkommen. Diese gestalten sich als teambasierte Duelle, in denen sich zwei Teams von drei Spielfiguren im Kampf um einen Energieball gegenüberstehen; wer als Erster damit das Feuer in der gegnerischen Spielhälfte löscht, hat gewonnen. Spielerisch stellen sich diese Matches als Mischung aus Basketball und einer Art taktischem MOBA-Gameplay in klein dar: Gesteuert werden kann jeweils eine Figur, der Besitz des Balls führt zum kurzzeitigen Verlust offensiver Fähigkeiten, und Verwundungen oder nur Berührung durch Gegner schickt vorübergehend ins Aus. Was simpel klingt, erweist sich durch unterschiedliche Figureneigenschaften sowie nach und nach hinzukommende Spielelemente schnell als kurzweiliges Sportspiel mit vielen taktischen Möglichkeiten.

    Umwerfende Präsentation aus einem Guss

    Man tut "Pyre" jedoch absolut Unrecht, wenn man es "nur" an seinem zugegeben zentralen Gameplay-Element beurteilt, denn das Rundherum erhebt das Spiel vom spannenden Zeitvertreib zum epischen Spielerlebnis. So wie in "Banner Saga" ist nämlich auch hier die sich entspinnende Geschichte mehr als nur schmückendes Beiwerk zu den klassisch interaktiven Spielpassagen, denn die Welt von "Pyre" ist ebenso faszinierend wie vielschichtig geraten und stellt Spielerinnen und Spieler wieder und wieder vor folgenreiche Entscheidungen.

    Es sei an dieser Stelle nicht allzu viel verraten, doch auch erzählerisch wandeln sich die actionreichen Duelle von anfangs mäßig herausfordernden Geschicklichkeitstests zu nervenzerfetzend spannenden Schlachten, deren Ergebnisse weitreichende Folgen haben, die das Schicksal der einem ans Herz wachsenden Charaktere beeinflussen – vor allem, weil auch Niederlagen in den Duellen die Geschichte nicht unterbrechen, sondern Teil von ihr werden.

    Die Charaktere, denen man in "Pyre" begegnet, sind ebenso abwechslungsreich, komplex und zugleich einzigartig geraten wie die Präsentation des Spiels – die bizarren, tragischen oder auch komischen Wesen, die einem hier als Gegner, Verbündete oder Bekanntschaften über den Weg laufen, bleiben lange im Gedächtnis. Der Zeichentrickstil von "Pyre" ist sowohl in Sachen Design als auch Animation außergewöhnlich gelungen und die Sorgfalt, mit der hier auch kleinste Details bis hin zu Menü-Elementen und Hintergründen gestaltet sind, lässt vergessen, dass hier kein Hochglanzstudio wie etwa Blizzard, sondern ein kleines Team am Werk war. Dass sich die Musik nahtlos ins Spiel einfügt und auch abseits des Spiels selbst den Kauf des Soundtracks rechtfertigt, darf man bei Spielen von Supergiant Games inzwischen fast schon voraussetzen.

    supergiant games
    Trailer zu "Pyre"

    Fazit

    "Pyre" ist ein bemerkenswertes Spiel, das seine Reize im über zehnstündigen Spielverlauf langsam, aber mit Nachdruck zur Geltung bringt. Die actionreichen Schlachten, die es auf gewisse Weise zum taktischen Sportspiel machen und übrigens auch abseits der Kampagne lokal gegen AI oder einen menschlichen Gegenspieler gespielt werden können, sind spannend und unterhaltsam, doch es sind die aus der Rollenspielwelt entlehnte Hege und Pflege der einzigartigen Charaktere sowie die sonst aus Visual Novels oder Adventures bekannte entscheidungsreiche Erzählweise, die es weit über dieses zentrale Spielelement zu etwas Besonderem machen. Das oben bereits erwähnte "Banner Saga" bietet sich trotz gänzlich anderer Spielmechanik hier als Vergleich an, vor allem auch deshalb, weil beide Spiele selbstbewusst und bis in kleinste Details ihre einzigartige Ästhetik feiern.

    Wie eingangs gesagt ist "Pyre" das bisher ambitionierteste Spiel eines Studios, das nun zum dritten Mal zeigen kann, dass Kleinheit und eine ganz spezielle Form von Hochglanz kein Widerspruch sein müssen. "Pyre" ist dieses Selbstbewusstsein in jeder Minute anzusehen – und es hat jedes Recht dazu. Nicht nur Freunde von "Bastion" und "Transistor" finden hier ein Spiel, das zusammen größer ist als die Summe seiner einzelnen Teile. (Rainer Sigl, 28.7.2017)

    "Pyre" ist für Windows-PC, Linux und PS4 erschienen. UVP: 19,99 Euro.

    Hinweis im Sinne der redaktionellen Leitlinien: Das Testmuster wurde vom Hersteller bereitgestellt.

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    Pyre

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