Papas "Quality Time" und andere Lebenslügen

Kolumne1. August 2017, 11:14
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Es fehlt an Alternativen zum 15-Minuten-Papa. Und es fehlt an Männern, die ihr Recht einfordern, ihre Kinder zu bevatern

Fünfzehn Minuten am Tag. Das ist die Grenze, die sich in den Weiten des Internets als Mindestmaß finden lässt, um für seine Kinder "ein toller Papa zu sein". Darunter geht es anscheinend nicht. In 15 Minuten kann Mann laut eines solchen Textes immerhin ein bisschen Singen, Blickkontakt aufnehmen oder "Mr. Spaß" sein. Falls Mann mal 30 Minuten Zeit haben sollte, wäre immerhin schon Windelwechseln drin, und bei sage und schreibe 60 Minuten lässt sich sogar die Kindesmutter lieben.

Mit marktwirtschaftlichen Methoden

Vielen Männern reicht es heute nicht, ihre väterliche Beziehung zum Kind im Minutentakt zu bemessen. Das ist die gute Nachricht. Sie wollen mehr, weil sie Kinder als Bereicherung ihres Lebens betrachten, und sie glauben mehr zu müssen, weil sich allmählich die Erkenntnis durchsetzt, dass Mann mit nur 15 Minuten täglich eben kein toller Papa ist. So sehr wir uns nicht nur in Bezug auf Kinderbeziehung für das Konzept begeistern können, in möglichst wenig Zeit möglichst viele Tätigkeiten zu pressen, weil die Welt nun einmal immer schnelllebiger wird und uns ein schlechtes Gewissen ohnehin nur noch mehr aufhält, so klar ist auch, dass wir hinter dem Begriff "Quality Time" einige unserer schmutzigsten Lebenslügen verstecken.

Quality Time, das ist der klägliche Versuch, zwischenmenschliche Beziehungen mit marktwirtschaftlichen Methoden aus dem Controlling-Bereich zu optimieren, um – wie es so schön heißt – mehr aus unserem Tag zu machen. Tatsächlich haben wir weniger Zeit und/oder Interesse. Womit wir bei der schlechten Nachricht wären. Denn die sogenannten neuen Väter sind selten so gleichberechtigt und progressiv wie sie sich selbst einschätzen. Sie schlafen weiter, während die Mütter sich nachts um die Bedürfnisse quengelnder Kinder kümmern.

Hättest du doch einfach gefragt!

Sie überlassen nicht nur den Haushalt und die Kindererziehung großflächig ihrer Partnerin, sondern auch die sogenannte Mental Load – also das Planen und Organisieren des gemeinsamen Lebens. Nicht ohne den Hinweis, dass sie ja nur hätte fragen brauchen, wenn sie Hilfe oder etwas erledigt haben möchte. Und sie treiben ihre Karriere voran, indem sie insistieren, dass jetzt kein guter Zeitpunkt sei, um kürzer zu treten, gerade ein Jobwechsel oder eine Beförderung ansteht und es allgemein nicht besonders gern gesehen wird, mehr als die üblichen zwei Vätermonate zu nehmen.

Das trifft durchaus zu. Es ist ja nicht so, als ob die Gesellschaft Vätern Angebot über Angebot machen würde, wie sie sich mehr in ihr Familienleben einbringen können. Nach wie vor wird sehr viel Verständnis dafür aufgebracht, wenn jemand überpünktlich Schluss macht, weil im Fernsehen das Fußball-EM-Finale läuft, (außer bei Frauenfußball natürlich), aber sehr wenig dafür, wenn er sich lieber konsequent um seine Kinder kümmert, anstatt pflichtschuldig Überstunden anzuhäufen.

Es ist auch nicht so, als könnte eine Familie allein von Luft und Liebe leben. Nur wird in diesem Zusammenhang von ihm erwartet, dass er weiterhin eine Art Ernährerrolle übernimmt, obwohl diese Funktion in einer sich stetig präkarisierenden und flexibilisierenden Arbeitswelt entweder überhaupt nicht mehr erfüllt werden kann oder aus vielen kleinen Bruchstücken zusammengesetzt wird. Ihr hingegen unterstellt man aufgrund von Kindern ein geringes Interesse an der Karriere – und zwar vollkommen unabhängig davon, als wie ambitioniert und fähig sie sich erwiesen hat.

Neue Väter als Vater Morgana

Den Sphären des Erwerbs- und des Familienlebens wird immer noch sehr traditionell ein Geschlecht zugeordnet. Gleichzeitig sind diese Sphären in Auflösung begriffen. Von allen Beteiligten wird Modernität und Beweglichkeit verlangt. Wer nicht alles bringt, hat nichts zu bieten. Kein Wunder, dass weithin Orientierungslosigkeit herrscht. Die neuen Väter entpuppen sich als Vater Morgana, die umso verheißungsvoller erscheint, je mehr man sie aus der Ferne mit Forderungen und Sehnsüchten aufladen kann, ihre Versprechen aus der Nähe betrachtet aber nicht einlöst.

Letztendlich mangelt es an Alternativen zum 15-Minuten-Papa. Es fehlt an Männern, die ihr Recht einfordern, ihre Kinder zu bevatern, und sich gegen die Pflicht von Frauen verwahren, ihre Kinder bemuttern zu müssen. Es hakt an einer Gesellschaft, die sich trotz offensichtlicher Hinweise wie dem Fehlen von Begriffen wie "bevatern", "Familienmutter" und "berufstätiger Vater" nicht selbst auf die Schliche kommen mag.

Es liegt an uns. 15 Minuten sind nicht genug. (Nils Pickert, 1.82017)

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    foto: getty images/istockphoto/asife
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