Kotzfontänen, Rollenspiele und was der ORF von Schulz und Böhmermann lernen kann

    Blog3. August 2017, 09:55
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    Mit wärmsten Empfehlungen von Prie-View: Kessler ist ... Wolfgang Bosbach, The Strain, Catastrophe, Peeping Tom, Schulz Böhmermann, Death by hanging!, I'm sorry

    Während man sich hierzulande die Frage stellt, was schlimmer ist – Hitze oder Sommergespräche –, erreichen uns aus Dänemark erfreuliche Nachrichten über ein interessantes TV-Experiment. "The Bully Project: Denmark vs. Eastern Europe" stellt die Frage, wer die besseren Häuser baut – dänische Handwerker oder solche mit Migrationshintergrund. Die beiden Teams bauen ein Haus für einen echten Kunden, bekommen es aber mit allerlei Fallen zu tun, die gestellt werden: versteckte Blockaden, falsch geliefertes Material, nervige Nachbarn. Kameras filmen das Geschehen rund um die Uhr mit, zum Schluss beurteilen zwei Experten, wer die bessere Arbeit geleistet hat. Im dänischen Fernsehen ein Wahnsinnserfolg, die zweite Folge kam bei Zuschauerinnen und Zuschauern zwischen 20 und 60 Jahren laut TBI Formats auf erstaunliche 43 Prozent Marktanteil. Das möchte man doch gern auch bei uns einmal sehen.

    Doch jetzt zum Kernauftrag – und vorweg die Spoilerwarnung: Wenn Sie nichts, aber auch gar nichts über Inhalte vertragen, lesen Sie in den nächsten Absätzen nur das Fettgedruckte:

    Freitag, 4. August: "Kessler ist... Wolfgang Bosbach", ZDF
    Erst kürzlich hat Wolfgang Bosbach von sich reden machen, als er die Talkrunde von Sandra Maischberger aus Zorn über die ehemalige Grünen-Politikerin Jutta Ditfurth verließ. Man weiß also: Der Mann fackelt nicht lange. Diese wichtige Information nimmt Michael Kessler auf den Weg, als er sich in der ersten Folge der neuen Staffel in die Rolle des CDU-Politikers versetzt. Davor stellt er "WoBo" vor den Spiegel und lässt ihn tief in die eigenen Augen schauen. Bosbach leidet an unheilbarem Prostatakrebs, die Ehrlichkeit, mit der er seine Person beschreibt ("Ein Mensch, der einiges erreicht, aber auch viel verpasst hat. Der heute viel öfter müde ist als in der Vergangenheit und der sich zu oft fragt: Kannst du das alles schaffen, was du dir vorgenommen hast."), lässt keinen kalt. Kessler studiert die Person anhand von Bildern, Filmen, befragt Freunde und Angehörige. Am Ende macht er sich dann mit (mehr oder weniger gelungener) Maske zu Wolfgang Bosbach, der "echte" sitzt ihm gegenüber, darf Fragen stellen und bekommt so eine Beschreibung seiner selbst. Das trifft. In der nächsten Woche ist Conchita Wurst an der Reihe, danach Uwe Ochsenknecht und Dieter Hallervorden.

    foto: zdf/mike christian
    Michael Kessler (li.) studiert den CDU-Politiker Wolfgang Bosbach und schlüpft in dessen Rolle.

    Freitag, 4. August: "The Strain", 21.25 Uhr, Sky Atlantic HD
    Auch wenn das möglicherweise geschäftsschädigend ist: Von "The Strain" habe ich genau eine Folge gesehen, und das hat mir, Pardon, gereicht. Jetzt zum Start der vierten und letzten Staffel hab ich mich wieder getraut reinzuschauen. Dazu der Livebericht: Ich gehe relativ unbefleckt hinein und schrecke mich wie vorgeschrieben nach nur vier Sekunden der ersten Folge angesichts einer Würgeszene mit anschließender Kotzfontäne. Je länger ich schaue, umso besser gefällt mir die Tatsache, dass ich fast keine Ahnung habe, worum es in den vorangegangenen Staffeln ging, es bleibt ein optisches – Vergnügen, na ja – mit einigen Aha-Effekten, zum Beispiel, dass es nicht ungefährlich war, "The Strain" gleichzeitig mit Mittags-Reis-Paradeis-Tofu-Jausengatsch zu kombinieren, auch wenn dieses Mal nichts passiert. Was man so auch wieder nicht sagen kann: Es knacksen die Genicke, platzen die Kopfhäute, Blut blubbert in Bächen, das Zungenviech saugt sich fest wie der Hektor im verstopften Klo. Ist das ein unpassender Vergleich? Egal, dazwischen wird das eigene Schicksal beklagt, von allen Seiten Kampf angesagt und es werden Multivitamintabletten geschluckt, was insgesamt gar nicht so unspannend ist, wäre das nicht immer und immer wieder so, so unappetitlich anzuschauen. Sorry, ich weiß, ich habe versagt, ich arbeite an mir.

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    Das Grauen hat einen Namen: "The Strain", vierte Staffel startet auf HBO.

    Freitag, 4. August: "Catastrophe", Amazon
    Rob und Sharon haben ein tolles Wochenende hinter sich. Eine Zufallsbekanntschaft, er auf Besuch in London, sie offen und abenteuerlustig, zum Schluss ließen sie auch die öffentliche Toilette nicht aus, um sich gegenseitigen Genuss zu bereiten. Zum Abschied Dankesbekundungen, es war toll, ich werd' dich nicht vergessen, und tschüss. Das hätte es gewesen sein können, wenn, ja wenn nicht die Natur einen Streich gespielt hätte. Das geile Wochenende hat Folgen, Sharon ist schwanger und Rob, der kein Arsch sein will, nimmt sich der Sache an. Ohne Liebe, ohne Beziehung und ohne alles, oder wie Rob sagt: "Etwas Schreckliches ist passiert, lass uns das Beste daraus machen." Man muss kein Hellseher sein, um vorauszusagen, dass es in den nächsten drei Staffeln, die in Großbritannien auf Channel 4 schon gelaufen sind, um nichts anderes als um die Frage geht: Kriegen sie sich? Aber das hinauszuzögern fällt so schräg, so ätzend und voller gesundem Beziehungszynismus aus, dass es zum Jubeln ist. Sharon Horgan und Rob Delaney in einer Art Buddy-Komödie mit permanenter Option auf mehr.

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    Spaß mit Sharon Horgan und Rob Delaney in "Catastrophe".

    Sonntag, 6. August: "Peeping Tom", 20.15 Uhr, Arte
    In den frühen 1960ern gab es einen Film, der die britische Kinokultur der nächsten Jahrzehnte prägen sollte: Michael Powells großartiges Thrillerstück mit Karlheinz Böhm ("Carl Böhm") in der schauerlichen Rolle des Modefotografen Mark Lewis, der seinen Obsessionen erliegt. Muss man mindestens einmal gesehen haben, geht aber auch öfter.

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    Karlheinz "Carl" Böhm in "Peeping Tom".

    Sonntag, 6. August: Schulz Böhmermann, 23.15 Uhr, ZDF neo
    "Wir haben uns heute hier zusammengefunden, um gemeinsam zu rufen: Wir sind enttäuscht von Deutschland." Keine geringere als Sibylle Berg stimmt das Klagelied an, in das die Herren Jan Böhmermann und Olli Schulz gekonnt einstimmen. Die deutsche Leidkultur zelebrieren die beiden Satiriker am runden Tisch mit ihren Gästen, die ihrerseits in Rollen schlüpfen, nur ohne Drehbuch – wie im richtigen Leben halt auch: Lars Eidinger ist der exzentrische Schauspieler und Frauenhasser Finn Meinhold, Katharina Thalbach ist Marita Skwara, Rentnerin aus Brandenburg, heute AfD-Wählerin, Iris Berben spielt die extravagante Kathrin Ferrante ("Zum letzten Mal vor zehn Jahren in "Wetten, dass..?") und Karoline Herfurth ist Youtuberin Claudine Landmann. Es wird allerlei Unsinn geredet in 60 Minuten und dabei mehr Wahrheit gesagt, als in vielen "echten" TV-Diskussionen. Mehr davon ist vorstellbar und dringend notwendig!

    Auf diesem Wege eine Gratisanregung für die Innovationsabteilung des ORF: Wie wär's zum Beispiel mit Wahlkonfrontationen? Nicholas Ofczarek als Sebastian Kurz, Gregor Bloéb als Christian Kern, Florian Scheuba als Heinz-Christian Strache, Robert Palfrader als Matthias Strolz, Claudia Kottal als Ulrike Lunacek, Thomas Maurer als Peter Pilz und Roland Düringer – ja, halt als Roland Düringer. Stermann/Grissemann sagen sicher nicht Nein. Na? Nix?

    foto: zdf/ben knabe
    Olli Schulz und Jan Böhmermann im Talk über das enttäuschte Deutschland.

    Dienstag, 8. August: Death by hanging! Der Kriegsverbrecherprozess von Tokio, 21.50 Uhr, Arte
    Am 3. Mai 1946 tritt im Rahmen der Tokioter Prozesse der internationale Gerichtshof für den Fernen Osten zum ersten Mal zusammen, um über 28 hochrangige Entscheidungsträger der japanischen Armee zu urteilen. Ähnlich wie bei den Nürnberger Prozessen sind Kriegsverbrecher angeklagt, und es soll ein Exempel statuiert werden. Der Prozess gerät zur Farce, weil der Oberbefehlshaber der Armee, Kaiser Hirohito, nicht angeklagt ist und es aufgrund US-amerikanischer Interessen in Teilen des Prozesses darum geht, ihn von jeder Verantwortung freizusprechen. Nicht verhandelt werden in den nächsten zweieinhalb Jahren weitere schwere Kriegsverbrechen, etwa jenes von der japanischen Regierung organisierte System der Zwangsprostitution für die Armeesoldaten oder die Verbrechen der sogenannten Einheit 731, die in der Mandschurei "Forschungen zur bakteriologischen und biologischen Kampfführung" durchführte.

    Tim B. Toidze erzählt die Geschichte dieses vergessenen Verfahrens, in dem elf Richter, 400 Zeugen und unzählige Anwälte, Staatsanwälte und Rechtsgelehrte über Gräueltaten verhandelten, wie etwa das Massaker von Nanking, bei dem 1937 260.000 Zivilisten und Kriegsgefangene ermordet und mehr als 20.000 Frauen vergewaltigt wurden, die meisten erlitten Verstümmelungen von beispielloser Grausamkeit. Die Bilder von den Opfern, die im Film gezeigt werden, sind nicht leicht zu ertragen. Die Urteilsverkündung erfolgte am 12. November 1948 und beinhaltete sieben Todesurteile. Die Frage der Mittäterschaft des Kaisers wurde stillschweigend übergangen. Der vorsitzende Richter William Webb formulierte es so: "Dem schlimmsten Kriegsverbrecher wurde Immunität gewährt." Hirohito starb 1989, bei seinem Begräbnis kamen führende Politiker aus allen Ländern.

    foto: nara
    Der ehemalige japanische Ministerpräsident Hideki Tojo (li.) vor Gericht bei den Tokioter Prozessen.

    Donnerstag, 10. August: I'm sorry, TNT Comedy
    Der Alltag von Fourtysomething Andrea Savage hält allerlei Misslichkeiten bereit. Das beginnt mit der Kleinkindtochter, dem die moderne Mum beim Eisessen das Wesen des Kinderkriegens erklärt und dieses gänzlich ungenant und für alle gut vernehmbar nachfragt: "Du hast also eine große Vagina?" Huch, peinlich, stotter, stotter, nächste Szene. Stakkatoartig lässt Savage ihre Sketches vom Stapel, es piepst ordentlich, für richtigen Spaß reicht das noch nicht, allzu vieles ist im "Ja, eh"-Status hängengeblieben.

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    Vaginagespräche in "I'm sorry".

    Und jetzt noch der Trailer der Woche:
    Das britische Fernsehpublikum bringt sich in Stellung, um an diesem Sonntag auf Channel 4 bisher der Öffentlichkeit nicht zugängliche Tonbänder von Gesprächen zwischen Lady Di und ihrem Stimmtrainer Peter Settelen zu lauschen. Darin soll sich die Prinzessin sehr unadelig über ihren Gatten Charles und seinen Haus-und-Hof-Stab äußern. Die Dokumentation schlägt in Großbritannien schon im Vorfeld ziemliche Wellen. Höchste Zeit, wieder einmal an "The Crown" zu erinnern. Netflix verspricht die zweite Staffel für November 2017. Die Geschichte mit den zwei Welten – sie dürfte der Queen bekannt sein. "Falls Gott die Welt geschaffen hat, war seine Hauptsorge sicher nicht, sie so zu machen, dass wir sie verstehen können", sagte Albert Schweitzer. Zumindest hier sieht man das glaubhaft dargestellt.

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    Claire Foy ist die Queen in der Netflix-Serie "The Crown". Die zweite Staffel kommt voraussichtlich im November.

    Schönes Schauen, frohe Woche! (Doris Priesching, 3.8.2017)

    Hinweis: Der Blog Prie-View greift kommende Höhepunkte in linearem und digitalem Fernsehen mit dem Fokus auf Neues und Besonderes auf. Die Auswahl ist subjektiv und erhebt keinen Anspruch auf Vollständigkeit.

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      foto: sky / hbo
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