Wie sich eine 400-jährige Druckerei für eine Welt voller Smartphones rüstet

27. Juli 2017, 13:00
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Leykam-Chef Josef Scheidl über Herausforderungen der Druckerbranche, geduldiges Papier und digitale Innovation

Goethes gesammelte Werke auf einem Tablet, Online-Newsportale, Werbebanner auf jeder Homepage – die Digitalisierung ist eine Herausforderung für Druckereien. Der österreichische Traditionsbetrieb Leykam Let's Print blickt trotzdem zuversichtlich in die Zukunft. Warum Papier noch lange über Druckerrollen laufen wird und wie eine der führenden trotzdem auch auf digitale Innovation setzt, erklärt Leykam-Vorstand Josef Scheidl im Gespräch mit dem STANDARD.

432 Jahre Tradition

Flugblätter, Kataloge und Magazine sind das Kerngeschäft der Leykam Let's Print. Begonnen hat aber alles ganz anders: Im Jahr 1585, als Erzherzog Karl II. die Uni Graz gründete, erhielt ein steirischer Handwerker das Zertifikat, für den Hof der Habsburger zu drucken. Auf diese ungebrochene Tradition blickt der Druckereibetrieb zurück.

foto: leykam let's print
Mit Rollenoffsetdruck werden große Auflagen von Flugblättern, Magazinen und Katalogen gedruckt.

Heute leitet Leykam vom burgenländischen Neudörfl aus zehn Standorte von Hamburg bis Zagreb. Produziert wird auch im benachbarten Müllendorf sowie in Slowenien und Tschechien. Insgesamt wurden 2016 mit 721 Mitarbeitern rund 265.000 Tonnen Papier verarbeitet. Der Umsatz betrug knapp 240 Millionen Euro.

Im Vorjahr verkaufte die Leykam Medien AG, die einst bedeutende Mediengruppe der steirischen SPÖ, ihr Druckereigeschäft an die englische Walstead-Gruppe. Aus der Fusion entstand eines der größten unabhängigen Druckereiunternehmen Europas mit über 2.300 Mitarbeitern und einem Jahresumsatz von rund einer halben Milliarde Euro.

Neudörfl als Hub für Zentral- und Osteuropa

Neudörfl ist zum Hub des neuen Konzerns für Mittel- und Osteuropa aufgestiegen. "Das Wichtigste war, dass wir mit der Walstead Gruppe einen strategischer Partner gefunden haben, der im selben Geschäft tätig ist und wachsen will", sagt Scheidl. Die Vorteile haben sich schnell eingestellt. Innerhalb der Gruppe wird voneinander gelernt.

Dabei setzt Leykam oft Maßstäbe für effiziente Produktion in der gesamten Gruppe. Die Österreicher haben einen Standortvorteil: "Die Ausbildung der Facharbeiter und das Lehrlingssystem sind einzigartig hier." Leider habe aber das Image der Drucker gelitten.

Man habe den Fehler gemacht, das Geschäft über Jahre schlechtzureden, meint Scheidl. Der Schichtbetrieb schreckt auch viele ab. Neue Mitarbeiter findet das Unternehmen trotzdem, vor allem über Mundpropaganda und das Netzwerk der Mitarbeiter.

Land der Flugblätter

Österreich hat nicht nur Stärken in der Produktion. Zwar sinken auch hier die Auflagen von Magazinen, aber der Markt für Flugblätter ist im europäischen Vergleich ungewöhnlich ergiebig, wie eine Studie des Gallup-Instituts zeigt. Pro Woche erhält jeder österreichische Haushalt durchschnittlich 26 Flugblätter.

foto: leykam let's print
Leykam verarbeitet rund 270 Tonnen Papier im Jahr.

Der Markt ist seit Jahren stabil und zuletzt sogar leicht gewachsen. Deutlich mehr Flugblätter stapeln sich nur bei den Niederländern mit 36 pro Haushalt. Die Printlandschaft dominiert weiterhin den Werbemarkt vor TV- und Online-Einschaltungen. Dementsprechend positiv haben sich Umsatz und Gewinn von Leykam im Vorjahr entwickelt.

Gewappnet für Disruptionen

Die gute Bilanz der Druckerei ist kein Grund, das Potenzial der Digitalisierung zu ignorieren. "Jetzt ist am Horizont nichts, was uns bedrohen würde, aber eine Disruption sieht man ihrem Wesen nach vorher nicht", sagt Scheidl. Leykam setzt daher auf die Verknüpfung von analogen Print-Produkten mit einer Online-Version.

Flugblätter werden automatisch zu interaktiven PDF-Dateien. Die pixeligen QR-Codes gibt es zwar schon länger, sie werden heute aber präziser für die Werbekunden ausgewertet. Die Zukunft lautet "augmented reality", erklärt Scheidl. Konsumenten, die künftig ein Flugblatt durch die Kamera ihres Smartphones betrachten, landen dann im Webshop oder einem Online-Spiel oder starten eine 3D-Simulation.

Die Möglichkeiten sind mannigfaltig: Wer sich für die im Flugblatt angepriesenen Avocados im Angebot interessiert, aber nicht so recht weiß, was er damit zubereiten soll, bekommt Rezeptvorschläge oder ein Kochvideo.

Leykam setzt auf diese Verknüpfung von Analog und Digital. Die Kunden liefern Werbeinhalte und erhalten neben dem Printprodukt die Softwarelösung dazu. Die englische Muttergesellschaft hat im digitalen Bereich zusätzlich Expertise geliefert, aber mit Amano Media hat sich Leykam bereits einen österreichischen Softwareentwickler ins Haus geholt. Die digitale Strategie soll voranschreiten. "Wir haben eine Shortlist für weitere Akquisitionen in Europa in dem Bereich."

Wettbewerbsnachteil bei Arbeitszeiten

Der Blick in die Zukunft erspart den Druckern aber nicht die Auseinandersetzung mit der aktuellen Politik. Die Verhandlungen über einen neuen Kollektivvertrag in der Branche sind seit knapp einem Jahr festgefahren. Dass sich die Sozialpartner bei der Arbeitszeit-Flexibilisierung nicht einigen konnten, trifft das Geschäft ebenfalls.

Wer Großaufträge mit Maschinen abwickelt, die nie stillstehen, hat einen Vorteil, wenn die tägliche Höchstarbeitszeit auf elf oder zwölf Stunden ausgedehnt wird. Die Beschränkung sei nicht mehr zeitgemäß, sagt Scheidl.

Auch ein App-Entwickler beginne vielleicht lieber am späten Vormittag und arbeite im Endspurt lieber bis tief in die Nacht hinein. Überstunden und Gesamtarbeitszeit müsse man gar nicht antasten, meint Scheidl. Das benachbarte Ausland, darunter auch die Schweiz und Deutschland, ist flexibler und hat somit einen Wettbewerbsvorteil.

Unnötige Hürden für Warenverkehr in der EU

Die Politik sollte aber auch auf europäischer Ebene nachbessern. Der freie Warenverkehr gilt zwar als eine der größten Errungenschaften der Union, funktioniert in der Realität aber nicht reibungslos. "Wir haben einen eigenen Mitarbeiter, der sich nur um die unterschiedlichen Umsatzsteuerregeln in den EU-Ländern kümmert."

Trotzdem scheitert die optimale Verteilung der Produktion auf die verschiedenen Standorte manchmal an den komplexen Steuergesetzen. "Wenn Europa im weltweiten Konzert mitspielen will, müssen wir zunächst interne Hürden für die Wirtschaft abbauen", sagt Scheidl. Aus der Not wurde eine Tugend: Der Steuerexperte von Leykam berät jetzt auch die Kunden der Druckerei.

So lästig bürokratische Hürden auch sind, der Fokus bei Leykam liegt auf dem Druckgeschäft und dem digitalen Wandel. Ob die strategische Ausrichtung die richtige ist, wird sich weisen. 432 Jahre Erfahrung sprechen dafür. (Leopold Stefan, 27.7.2017)

Die größte österreichische Rollenoffset-Druckerei mit Sitz im burgenländischen Neudörfl geht auf das Jahr 1585 zurück. Seit 2016 ist Leykam Let's Print Teil der englischen Walstead-Gruppe und für den zentral- und osteuropäischen Markt zuständig. Im Jahr 2016 erwirtschaftete die Firma mit 721 Mitarbeitern einen Jahresumsatz von rund 240 Millionen Euro und einen Ebitda von 22 Millionen Euro (Marge 10,7). Der Papierverbrauch lag bei 268 Tonnen.

  • Josef Scheidl (48) ist Vorstand der Traditionsdruckerei Leykam Let's Print mit Sitz im burgenländischen Neudörfl.
    foto: leykam let's print

    Josef Scheidl (48) ist Vorstand der Traditionsdruckerei Leykam Let's Print mit Sitz im burgenländischen Neudörfl.

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