Care-Work und Beschäftigung

    Kommentar der anderen25. Juli 2017, 16:34
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    Auch der Pflegebereich braucht reguläre Beschäftigungsverhältnisse

    In einem Interview zur Weiterentwicklung des ländlichen Raums bin ich unlängst auf das Phänomen eingegangen, dass es schwieriger wird, ältere und betreuungsbedürftige Menschen mit notwendigen Dienstleistungen zu versorgen, auch weil Jüngere mangels geeigneter Arbeitsplätze abwandern.

    Dieser Entwicklung kann man unter anderem gegensteuern, indem Arbeitsplätze im Bereich der "Care-Work" in einen erweiterten Arbeitsmarkt integriert werden. Insbesondere aus der heutigen 24-Stunden-Betreuung, in der weitaus überwiegend Familienangehörige unbezahlt oder ausländische Frauen mit unangemessen niedriger Entlohnung und weitgehend in Scheinselbstständigkeit tätig sind, könnten neue Arbeitsplätze entstehen. Die zur Finanzierung erforderlichen öffentlichen Gelder können auch aus dem AMS-Bereich kommen, wenn in der Care-Work mehr Beschäftigung geschaffen wird.

    Auf Nachfrage, ob es dafür mehr "Krankenschwestern" brauche, habe ich noch darauf hingewiesen, dass dies nicht notwendig sei, sondern wir uns als Gesellschaft bemühen sollten, Arbeitsplätze für Menschen auch ohne akademische Qualifikation zu schaffen, was gerade auch bei 24-Stunden-Betreuung möglich ist.

    Aus diesem Interview wurde unter der Schlagzeile "Pflege: Mazal will Arbeitslose einsetzen" eine von mir nicht autorisierte Meldung verbreitet, die viele so interpretierten, als würde ich dafür eintreten, Arbeitslose in Pflegetätigkeiten zu zwingen und dabei Akademiker auszunehmen.

    Dies ist unzutreffend. Angesichts der durch diesen Text ausgelösten Irritationen möchte ich festhalten: Jedem einschlägig Befassten ist klar, dass Pflegeleistungen eine adäquate Qualifikation der pflegenden Personen bedürfen. Die aktuelle Gesetzeslage ermöglicht eine gute Versorgung auf verschiedenen Qualifikationsniveaus. Ich selbst habe mich übrigens viele Jahre hindurch dafür eingesetzt, hochqualifizierte Pflege als Beruf mit akademischer Ausbildung zu etablieren, und war an der Realisierung dieser Entwicklung stark beteiligt.

    Soweit jedoch eine Betreuung daheim möglich ist, braucht es nicht rund um die Uhr Pflegekräfte mit akademischer Qualifikation. Die Betreuungstätigkeit wird heute oft aufopfernd durch nicht spezifisch ausgebildete Frauen erbracht, denen häufig nicht einmal eine situationsadäquate Mindesteinschulung gewährt wird. Ich halte dies den Betreuenden und den Betreuten gegenüber für unfair und unter Systemgesichtspunkten für unverantwortlich.

    Ich trete daher seit langem dafür ein, in der Care-Work reguläre Arbeitsverhältnisse zu schaffen. Gerade wenn durch Industrie 4.0 Arbeitsplätze in traditionellen Sektoren wegfallen, sollten wir alle Kraft daransetzen, reguläre Beschäftigung in jenen Bereichen zu ermöglichen, in denen Arbeit dringend nötig ist, die heute aber im Regelfall arbeitsrechtlich nicht korrekt gehandhabt und zu niedrig entlohnt wird.

    Geförderter Arbeitsmarkt

    Hier geht es nicht im Entferntesten um einen Zwang zu Tätigkeiten, für die jemand ungeeignet ist, sondern um die Etablierung eines Bereichs von Arbeit, dem heute oft Wertschätzung in Form von angemessener Bezahlung und regulärem arbeitsrechtlichem Schutz verweigert wird. Hätte man meinem Rat folgend vor zehn Jahren begonnen, öffentliche Gelder kontinuierlich in diesen Bereich umzuschichten, wäre heute im Bereich der Care-Work ein öffentlich massiv geförderter Arbeitsmarkt vorhanden, in dem für die Humanität wichtige Arbeitsplätze zur Verfügung stünden! (Wolfgang Mazal, 25.7.2017)

    Wolfgang Mazal (Jahrgang 1959) ist Professor für Rechtswissenschaft an der Universität Wien und Leiter des Instituts für Familienforschung.

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