Geflüchtete und Arbeitsmarkt: Auf gutem Weg

    Kommentar der anderen25. Juli 2017, 16:29
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    Knapp 10.000 Menschen, die 2015 und 2016 nach Österreich geflüchtet sind, dienen dem AMS als eine Art Kontrollgruppe für den Erfolg von Asylwerbern auf dem Jobmarkt. Mit Stichtag Juni 2017 sind rund 22 Prozent dieser Gruppe in Beschäftigung

    Die "Flüchtlinge" und der Arbeitsmarkt – ein Thema, das in diesen Tagen viele Österreicherinnen und Österreicher bewegt und zu dem sich viele immer wieder zwar mit Emotionen, aber meist ohne Kenntnis konkreter Zahlen äußern. Dabei gibt es durchaus Fakten, die zu einer realistischen Beurteilung der Situation beitragen können und die hier als konkrete Sachinformation dargestellt werden sollen.

    Dafür sind zunächst einige Zahlen notwendig: Mit Ende Juni 2017 waren beim AMS 28.426 "anerkannte Flüchtlinge oder subsidiär Schutzberechtigte", die noch keine österreichischen Staatsbürger sind, als arbeitslos oder in Schulung befindlich gemeldet. Das heißt aber, dass manche dieser Personen möglicherweise schon viele Jahre bei uns sind und etwa aus Russland oder den Balkanländern gekommen sind.

    Tatsächlich aber sind in der aktuellen Diskussion, wenn über "die Flüchtlinge" gesprochen wird, zumeist jene Menschen gemeint, die seit 2015 – meist aus den Ländern des Mittleren Ostens – bei uns angekommen sind. Deshalb beleuchten die folgenden Zahlen auch diese Personengruppe. Weil sich aber aktuell pro Monat etwa 800 bis 900 geflüchtete Personen nach positivem Abschluss ihres Asylverfahrens neu beim AMS zur Arbeitssuche anmelden und sich somit ständig die Grundgesamtheit ändert, ist es sinnvoll, zunächst eine konkrete Gruppe zu definieren, um etwa Aussagen darüber treffen zu können, wie lange es zum Beispiel dauert, bis geflohene Menschen bei uns ihren ersten Job aufnehmen, oder wie hoch der Anteil derer ist, die nach einer bestimmten Zeit in Österreich tatsächlich arbeiten.

    Deshalb haben wir uns Mitte 2016 dafür entschieden, datentechnisch einmal alle jene Personen zu kennzeichnen, die im Jahr 2015 den Abschluss ihres Asylverfahrens hatten und sich 2015 oder in der ersten Jahreshälfte 2016 zum ersten Mal beim AMS meldeten. Diese Kontrollgruppe umfasst 9523 Personen, und genau deren Arbeitsmarktstatus beobachten wir seither immer genau zum jeweiligen Monatsletzten, seien sie in AMS-Vormerkung, unselbstständig oder selbstständig (nicht bloß geringfügig) beschäftigt oder Personen in einer arbeitsmarktfernen Position (in Karenz, krank, Studium, unbekannt).

    Stichtag Juni 2016

    Dabei ergaben sich folgende Zahlen: Am ersten Stichtag, Ende Juni 2016, waren 10,1 Prozent dieser 9523 Personen in Beschäftigung. Für 2016 und auch 2017 wurde dem AMS ein zusätzliches Förderbudget speziell für die Integration der Geflüchteten zur Verfügung gestellt. Wir machen dies anfangs vor allem durch intensive Sprachförderung und möglichst genaue Feststellung der mitgebrachten Kompetenzen, dann durch daraus abgeleitete fachliche Qualifizierung und Beratung sowie abschließende Vermittlungsarbeit, die oftmals auch überregional notwendig ist.

    Die Wirkung unserer Bemühungen zeigen die aktuellen Zahlen: Ende Juni 2017 standen bereits 21,7 Prozent dieser Menschen in Beschäftigung (58,1 befanden sich in AMS-Vormerkung, 20,1 Prozent waren arbeitsmarktfern).

    21,7 Prozent – das ist sicherlich kein Grund für besonderen Jubel, aber es ist auch nicht weniger als erwartet. Das deutsche Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB) stellte im September 2015 fest, dass "die Erfahrungen der Vergangenheit zeigen, dass die Beschäftigungsquote von Flüchtlingen von unter zehn im Zuzugsjahr erst fünf Jahre nach Zuzug auf knapp 50 Prozent steigt".

    Die beigefügte Grafik zeigt im Zeitverlauf, dass der gemessene Wert zwar von Monat zu Monat gestiegen ist, dies aber im Winter deutlich langsamer erfolgte. Der Grund dafür ist, dass unsere Art der Integrationserfolgsmessung relativ streng ist. Denn als "erfolgreich" gelten nur jene Personen, die am jeweiligen Monatsletzten tatsächlich in Beschäftigung standen. Das heißt, dass Personen, die zwar bereits gearbeitet haben, aber zu einem späteren Stichtag wieder arbeitslos sind, nicht mitgezählt werden. Dieser Umstand drückt auch die "Winterzahlen", denn viele der beobachteten 9523 Personen finden ihre Jobs etwa in der Baubranche, in der Landwirtschaft oder im Tourismus, also in Branchen mit saisonaler Arbeitslosigkeit.

    So ist bei der Beobachtung unserer Kontrollgruppe auch eine zweite Zahl interessant: nämlich wie hoch der Anteil derer ist, die am Stichtag, 30. Juni 2017, oder irgendwann im Beobachtungszeitraum davor bereits einen Job hatten, und zwar nicht bloß ganz kurzfristig, sondern, etwas nachhaltiger gemessen, zusammenhängend mehr als zwei Monate (exakt mehr als 62 Tage) lang. Denn dies gibt ja doch in gewisser Weise auch über einen ersten Integrationserfolg Auskunft. Und sie sagt, dass bisher bereits 25,6 Prozent der genannten Personengruppe mehr als zwei Monate in Österreich gearbeitet haben.

    Und schließlich sei hier auch noch eine dritte Überlegung zur Beobachtung des realen Integrationserfolges der zu uns Geflüchteten vorgestellt. Wir im AMS können systembedingt eigentlich nur die Arbeitsmarktintegration jener Personen beurteilen, die sich auch irgendwann einmal beim AMS gemeldet haben. Denn nur von jenen Personen haben wir Daten. Integration am Arbeitsmarkt erfolgt aber natürlich auch außerhalb des AMS. Es gibt durchaus Schutzberechtigte, die ohne unsere Hilfe einen Job finden, etwa unterstützt durch die eigene Community oder durch die noch immer unzähligen inländischen ehrenamtlichen Helferinnen und Helfer.

    Syrer und Afghanen

    Um zumindest ein Gefühl auch für solche Fälle zu bekommen, lohnt ein Blick in die österreichische Beschäftigungsstatistik: Ende Juni 2017 weist der Hauptverband der Sozialversicherungsträger 9786 unselbstständig Beschäftigte aus Syrien und Afghanistan aus. Dies ist ein Plus von 3453 Personen bzw. 54,5 Prozent gegenüber dem Vorjahr. Nun speichert die Sozialversicherung zwar keine Daten zum Aufenthaltstitel, und unter den Gezählten sind gewiss nicht nur geflüchtete Menschen, sondern auch solche mit einem anderen Aufenthaltstitel, etwa einer Rot-Weiß-Rot-Karte. Jedoch ergab ein Datenquercheck, dass rund 92 Prozent der dort gezählten aktuell Beschäftigten als Asylsuchende zu uns gekommen sind. Und somit ist es eine erfreuliche Tatsache, dass neben den Arbeitsaufnahmen mithilfe des AMS auch eine nicht unbeträchtliche Zahl anderer Menschen bereits einen Job in Österreich gefunden hat.

    Die Integration der zu uns geflüchteten Menschen, von denen jeder ein Einzelschicksal hat und die nicht einfach "die Flüchtlinge" sind, die aber unsere Sprache und unseren Arbeitsmarkt nicht kennen, deren Ausbildungen mit den unseren nur schwer vergleichbar sind und die auch regional unvorteilhaft im Lande verteilt wohnen, bleibt für uns alle eine schwierige und langfristige Aufgabe. Wie jedoch die angeführten Zahlen zeigen, sind wir auf einem guten Weg und auch nach internationalen Erfahrungen durchaus "im Plan". Und das, obwohl wir uns im AMS nicht für eine Förderung der schnellsten, sondern für eine der nachhaltigen Wege entschieden haben.

    Das heißt, dass wir etwa jene Personen, die schon Kenntnisse und Fertigkeiten aus ihren Heimatländern mitbringen, anleiten, sie auch hier zu nützen und nicht einfach einen Hilfsarbeitsjob anzunehmen. Wir unterstützen sie dabei etwa durch Aufqualifizierungen zu einem anerkannten Lehrabschluss, natürlich nach Möglichkeit in jenen Bereichen, in denen wir in Österreich einen Arbeitskräftemangel haben. Und wir helfen etwa auch Universitätsabsolventinnen und -absolventen ganz praktisch bei den oft langwierigen Nostrifikationsverfahren. Das alles ist zwar oft nicht die schnellste Art der Integrationsförderung, aber es ist eine volkswirtschaftlich sinnvolle. Sie nützt der österreichischen Wirtschaft und verhindert auch nach Möglichkeit, dass diese Menschen später rasch wieder arbeitslos werden. (Johannes Kopf, 25.7.2017)

    Johannes Kopf (44) ist Vorstandsmitglied des Arbeitsmarktservice Österreich.

    • Artikelbild
      quelle: ams; foto: epa/ helmut fohringer
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