EU-Finanzmetropolen wetteifern um Brexit-Flüchtlinge

25. Juli 2017, 14:50
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Die Deutsche Bank will 300 Milliarden Euro nach Frankfurt verlagern, auch Paris und Dublin sind attraktive Bankenexile

Wien – Das europäische Finanzzentrum in London beginnt zu bröckeln: Banken und andere Finanzinstitutionen bereiten sich auf den Brexit vor – Großbritannien will bis Ende März 2019 aus der EU austreten. In den vergangenen Monaten haben bereits einige Institutionen angekündigt, Teile ihrer Geschäfte aus der britischen Hauptstadt abzuziehen. Mit der Deutschen Bank verliert London nun ein Schwergewicht: Die Bank soll Medienberichten zufolge neben Mitarbeitern auch ein Fünftel ihrer Bilanzsumme von London nach Frankfurt verlagern.

In London angesiedelte Banken müssen nach dem Brexit eine EU-Bankenlizenz anmelden, wenn sie den übrigen 27 Mitgliedstaaten künftig Produkte und Dienstleistungen anbieten wollen. Derzeit sind in London rund 750.000 Personen im Bankensektor tätig. Laut einer Studie der Wirtschaftsprüfungsgesellschaft EY haben 27 Prozent der 222 größten Finanzunternehmen mit Sitz in Großbritannien vor, Mitarbeiter und Geschäftsbereiche ins Ausland zu verlagern.

Frankfurt an der Spitze

Der Gewinner des Rennens um die Großbanken dürfte Frankfurt werden. Laut dem deutschen Verband für Auslandsbanken sollen in der Metropole in den kommenden zwei Jahren 3.000 bis 5.000 Jobs im Finanzsektor entstehen. Die Deutsche Bank soll laut einem Bericht der Nachrichtenagentur Bloomberg 300 Milliarden Euro nach Frankfurt übersiedeln und ein Buchungszentrum für Wertpapierhandel ebendort errichten. Bis zu 4.000 der 9.000 in London beschäftigten Mitarbeiter könnten von der Verlagerung betroffen sein, genaue Zahlen sind noch nicht bekannt.

Auch die Commerzbank dürfte weitere Stellen in London abbauen, sie hat in den vergangenen Jahren schon zahlreiche Mitarbeiter nach Frankfurt geholt. Die deutsche Finanzaufsicht Bafin forderte Banken bereits auf, auch wesentliche Teile des Managements nach Deutschland zu verlegen.

Amerikaner und Japaner wandern ab

Neben deutschen Finanzinstituten wollen auch die amerikanische Citigroup und JP Morgan ihre Töchter in der Stadt am Main ausbauen, heißt es in Finanzkreisen. Auch Morgan Stanley könnte laut einem Bericht des "Guardian" 200 Jobs nach Frankfurt verlagern. Zu den Brexit-Flüchtlingen zählt auch Goldman Sachs, das bereits im April angekündigt hat, hunderte Jobs aus London abzuziehen. Die russische Großbank VTB möchte ihr Hauptquartier nach Frankfurt verlegen, und auch die britische Standard Chartered und die südkoreanische Woori Bank liebäugeln mit der deutschen Stadt.

Neben der japanischen Investmentbank Nomura, Daiwa und Sumitomo Mitsui hat nun auch Mizuho angekündigt, Teile des Geschäfts nach Frankfurt zu verlegen. Der Fokus soll vor allem auf den Wertpapierhandel gerichtet werden.

Paris und Dublin für Banken interessant

Neben Frankfurt könnten auch Paris und Dublin vom EU-Ausstieg Großbritanniens profitieren. Die Großbank HSBC kündigte an, im Fall eines harten Brexits 1.000 der 43.000 in London beschäftigten Mitarbeiter nach Paris zu verlegen. Auch die Société Générale könnte laut ihrem Vorstandschef 400 der 2.000 Mitarbeiter nach Paris verlagern, bei Crédit Agricole soll jede zehnte Stelle betroffen sein.

Die irische Hauptstadt Dublin dürfte ebenso Zuwachs im Bankensektor bekommen: Barclays will seinen Standort in Irland ausbauen, die Citigroup hat in den vergangenen Jahren bereits den Sitz in Dublin ausgebaut. Für das Handelsgeschäft innerhalb der EU soll jedoch die Tochter in Frankfurt zuständig sein. (lauf, 25.7.2017)

  • Die Deutsche Bank soll 300 Milliarden Euro wegen des Brexits von London nach Frankfurt verlagern.
    foto: apa/boris roessler

    Die Deutsche Bank soll 300 Milliarden Euro wegen des Brexits von London nach Frankfurt verlagern.

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