Rhabdomyolyse: Wenn der Muskel nach Extremsport zerfällt

    8. August 2017, 08:00
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    Wer sich beim Sport überanstrengt, bekommt einen Muskelkater. In extrem seltenen Fällen kann es auch zu Muskelzerfall kommen – das ist lebensgefährlich

    Hochintensive Workouts liegen im Trend: Die einen strampeln beim Spinning auf dem Fahrradergometer, andere stemmen bei Crossfit in der Gruppe Gewichte. Dass solche Sportarten nicht für alle das Richtige sind, veranschaulichte erst vor kurzem ein Artikel in der "New York Times": Die Kindergartenpädagogin Christina D’'mbrosio ging in ihre erste Spinning-Class, einige Tage später kam sie mit unerträglichen Schmerzen in den Beinen und Übelkeit ins Krankenhaus, heißt es darin. Ihr Urin hatte sich seit der Fitness-Einheit orange verfärbt.

    Die Diagnose lautete Rhabdomyolyse. Der sperrige Name steht für den Zerfall von Muskelfasern. Das Myoglobin, das dabei freigesetzt wird, gelangt über die Blutbahnen in die Niere und kann dort im schlimmsten Fall zu akutem Nierenversagen führen. D'Ambrosios behandelnde Ärzte veröffentlichten im April in "The American Journal of Medicine" eine Zusammenfassung dreier ähnlicher Fälle – darunter jener von D'Ambrosio –, bei denen es nach extrem anstrengenden Fitness-Einheiten zu Muskelzerfall gekommen war.

    Auch zu Robert Fritz, Sportmediziner bei der Wiener Sportordination, kommen immer wieder Patienten mit extremen Muskelschmerzen nach besonders anstrengenden Workouts, beispielsweise nach Crossfit-Einheiten, bei denen viele Sprünge und schwere Gewichte Teil des Trainings sind. Häufig würden die Schmerzen nach Trainingsformen mit kurzen, harten Belastungen für den Muskel auftreten.

    Hartnäckiger Schmerz

    Im Prinzip handle es sich dabei um einen starken Muskelkater, also Mikroeinrisse der Muskelfasern. Mittlerweile wisse man, dass diese Risse keine Narben zurücklassen, Langzeitschäden also bei einem normalen Muskelkater nicht auftreten können, erklärt Fritz. In den Rissen der Muskeln lagert sich Wasser ein, die Muskeln scheinen dadurch unmittelbar nach einem harten Training größer und härter. "Dadurch entsteht der vermeintlich gute erste Eindruck, dass das Training effektiv war", erzählt Fritz. Nach 24 Stunden sei dieser Effekt aber verschwunden, der Schmerz mitunter aber weitaus hartnäckiger.

    Betroffene, bei denen die Schmerzen länger als 48 Stunden andauern, die über Übelkeit und Schwindel klagen und bei denen sich der Urin rötlich verfärbt, müssen sofort einen Arzt aufsuchen, betont Fritz. Im Krankenhaus wird intravenös Flüssigkeit zugeführt und damit die Niere ausgespült.

    Das Problem, betont Fritz, seien nicht die hochintensiven Sportarten, die – kombiniert mit weniger intensiven Sportarten wie gemütlichem Laufen oder Schwimmen – durchaus Trainingserfolg bringen können. Das Problem sei, dass in der knapp bemessenen Freizeit möglichst effektiv und daher oft viel zu intensiv trainiert werde.

    Mehr Männer als Frauen

    Bei jenen Sportlern, die mit extremen Muskelschmerzen in die Sportordination kommen, wird Blut abgenommen und ins Labor geschickt. "Manchmal rufen sie mich dann aus dem Labor an, weil die Creatinkinase-Werte im Blut so extrem erhöht sind", erzählt Sportmediziner Fritz. Durch den Kennwert kann man Rückschlüsse darauf ziehen, wie intensiv die Belastung für die Muskeln ist. Aber auch wenn der Muskelkater extrem ist und die Creatinkinase-Werte hoch: Die Diagnose Rhabdomyolyse hat Fritz erst einmal gestellt, der junge Mann, der sich auf seinen Urlaub mit besonders harten Trainingseinheiten vorbereiten wollte, landete auf der Intensivstation. Generell seien es eher Männer als Frauen, die es derartig beim Training übertreiben, sagt Fritz.

    Auch Josef Niebauer, Vorstand des Salzburger Universitätsinstituts für präventive und rehabilitative Sportmedizin, betont, dass Rhabdomyolyse eine "absolute Rarität" ist: "Man muss sich immer vor Augen führen, wie viele Menschen diese Sportarten praktizieren – und wie viele dann am Ende Probleme bekommen." Oftmals würde die Ursache für Rhabdomyolyse auch in einer genetischen Veranlagung, Stoffwechselerkrankungen und der Einnahme bestimmter Medikamente liegen. In Hinblick auf die Fallbeispiele aus den USA weist Niebauer auch auf eine "lockere Definition" von Rhabdomyolyse hin, histologische Fakten durch eine Muskelbiopsie würden dabei nämlich meist fehlen.

    Training ohne Muskelkater

    Auch wenn die Gefahr also gering ist: Laut Niebauer sollte das Ziel eines Trainings trotzdem nie sein, einen Muskelkater zu bekommen. Dass ein Muskelkater die Muskeln wachsen lässt, sei ein weit verbreiteter Irrglaube: "Ein Muskelkater führt zu einer Einschränkung im nächsten Training – dadurch erhöht sich die Verletzungsgefahr." Besser sei, das Training so anzulegen, dass man am nächsten Tag eine "gewisse Spannung" in den Muskeln, aber keine Schmerzen spürt.

    Niebauer rät dazu, langsam in neue Sportarten einzusteigen, also beispielsweise erst einmal öfter Rad zu fahren vor der ersten Spinning-Einheit und "nicht von null auf hundert zu gehen". Dafür brauche es auch kompetente Trainer. Ein Grund, auf hochintensives Training zu verzichten, sollte die Angst vor Rhabdomyolyse natürlich nicht sein. "Angst müssen wir nicht vor dem Sport haben, sondern davor, keinen zu machen", sagt der Mediziner und fügt hinzu: "Aber das Medikament Sport muss vernünftig dosiert werden." (Franziska Zoidl, 8.8.2017)

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