Felix Philipp Ingold: Heimflug im Doppelsturz mit Ikaros

25. Juli 2017, 07:00
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Der Schweizer "Poeta doctus" wird am Dienstag 75 Jahre alt. Eben ist auch ein neues Buch erschienen

Wien – Vom Schweizer Dichter Felix Philipp Ingold stammt die auf den ersten Blick ein wenig entmutigende Feststellung, dass dort, wo "Geist und Hirn" aneinandergeraten, keine Wahrheit mehr blühe. Es ist der derselbe Autor, der in seinen verblüffenden Gedichten den "Versprecher" in den Rang eines "Versprechens" erhebt. Der den Unglücksflieger Ikaros anruft, nur um ihm nachzusagen, dass er bereits "totgestürzt zur Welt" komme.

Sein blaues Wunder erlebt der Zerschellte mithin dort, "wo seine Heimat ist", auf dem Boden. Weshalb er in Ingolds Augen als "ein ausgemachter Wedernoch" anzusehen ist. Erst in einem solchen Zwischenhalt kommt den Begriffen wieder ihre Bedeutung als weltschöpferische zu. Ingold ist ein Meister paradoxalen Sprechens.

Ingold kann dem Ikaros dessen Unglück guten Gewissens nachsagen. Er hat es im Voraus gewusst. Der Dichter, gebürtiger Basler, hat nicht nur an der Pariser Sorbonne studiert, sondern sich früh als Slawist einen untadeligen Namen gemacht. Wer sich ernsthaft mit der russischen Moderne befassen möchte, er wird um eine Beschäftigung mit Ingolds kundigen Einlassungen nicht herumkommen.

Zügel und Fremdheit

Er wird in dem schlanken, ernsten Mann mit der charakteristischen Baskenmütze vor allem aber einen der wesentlichen deutschsprachigen Lyriker unserer Tage erkennen. Der weiß, dass er der Sprache wohl bändigende Zügel überwerfen kann, sie jedoch als vorgefundene immer auch in ihrer Fremdheit betrachten muss. In der Wortkunst, sagt Ingold, würde Sprache erst zur Gänze "augen-, ohrenfällig". Zugleich sei die Wortkunst der Alltagsrede keinesfalls entgegengesetzt. Was folgt, ist eigentlich ein kleiner philosophischer Skandal, eine Ermächtigung im Geiste der Romantik. Nur im künstlerischen Text, postuliert Ingold, kommt "die Sprache, kraft ihrer Künstlichkeit, der Natur am nächsten."

Und so stellt Ingold Fragen wie die folgende: "Wie hiess (sic) doch der Hund, der bei Mozarts nicht gerade pompöser Bestattung das Bellen hatte?" Ingolds unzählige Prosa- und Lyrikbände sind unter anderem bei Hanser, Rainer, Matthes & Seitz und zuletzt bei Ritter (Niemals keine Nachtmusik, 2017) erschienen. Nichts bellt hier. Alles fließt vernunftschön in einem Parlando gedanklicher Arbeit, in der der poetischen Mehrfachbelichtung von Laut und Schrift höchste Beweiskraft zukommt. Mithin wird hier in vielstrophigen Gedichten bewiesen, dass "die Spur vor dem Schritt war". Felix Philipp Ingold, der in Zürich und Romainmôtier lebende Erbauer poetischer Flugapparate, feiert am Dienstag seinen 75. Geburtstag. (Ronald Pohl, 25.7.2017)

Felix Philipp Ingold, "Niemals keine Nachtmusik. Gedichte". Buch & CD. € 17,90 / 104 Seiten. Ritter, Klagenfurt/ Graz 2017

  • F. P. Ingold gehört zu den raren Dichtern, die denken.
    foto: keystone/yavas

    F. P. Ingold gehört zu den raren Dichtern, die denken.

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