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Reportage mit Video28. Juli 2017, 11:00

Wien – "Net schüchtern sein, da muss man schon mit Kraft reintreten", sagt Gerald Svejnoha. 14 Jahre transportierte er als Straßenbahnfahrer Fahrgäste durch Wien. Eine fixe Linie hatte er in dieser Zeit nicht, am schönsten seien jedoch die Strecken der ehemaligen 21er und der N-Linie gewesen.

Heute chauffiert Svejnoha keine Gäste mehr, sondern betreut Fahrschüler. "Wir bilden das gesamte Fahrpersonal selber aus", sagt Johanna Griesmayr, Sprecherin der Wiener Linien. Für jeden Öffi-Typ (U-Bahn, Bus und Straßenbahn) gibt es eine Schule. Bei der Bim dauert es rund zwei Monate, bis man Gäste transportieren kann.

der standard

"Es sind 57 volle Ausbildungstage. Man startet mit einem Theorieblock, dann lernt man in Theorie und Praxis alles, was zum Straßenbahnfahren dazugehört." Zum Beispiel die eigenen Ampelsignale: Sind die gelb leuchtenden Punkte übereinander, darf man fahren, liegen sie nebeneinander, muss gebremst werden. Im Jahr werden – je nach Bedarf – etwa 120 Straßenbahnfahrer ausgebildet. 4000 U-Bahn-, Straßenbahn- und Buslenker beschäftigen die Wiener Linien.

"Es ist viel einfacher, als man denkt", versichert Svejnoha. Der graue Hebel links vom Fahrer ist für fast alles da. Nach vorn geschoben beschleunigt die E2, die "alte Bim" in Rot-Weiß, auf den Gleisen neben dem Zentralfriedhof. Wird der Hebel nach hinten gezogen, bremst die fast 50 Tonnen schwere Bahn in Simmering. In der Mitte ist der Leerlauf. "Lassen S' die Füße weg, das ist kein Auto", gibt Svejnoha Ratschläge, "alles nur Gewöhnungssache."

Viele, die zum ersten Mal eine Bahn fahren, würden mit den Füßen wie bei einem Pkw mitarbeiten. Dabei braucht man, um Straßenbahnfahrer zu werden, gar keinen Schein. "Es ist aber doch wünschenswert, weil man ein bissal Erfahrung im Verkehr hat", so der Ausbildner. Grundvoraussetzung ist hingegen eine abgeschlossene Berufsausbildung, die Sparte ist wiederum egal. Gut wären dann auch noch "Lernwille und kundenfreundliches Verhalten".

Fahrstunden für Fahrtrainer

Seit mehr als zehn Jahren gibt es zudem in Kooperation mit der Wirtschaftskammer auch Bimübungsstunden für Pkw-Fahrlehrer. "Letztlich geht es darum, den angehenden Fahrlehrern die Möglichkeit zu geben, die Perspektive zu wechseln", sagt Griesmayr: "Damit sie sehen, wie man mit der Straßenbahn bremst oder auf andere Verkehrsteilnehmer reagiert." Die Lehrer sollen die Erfahrung später an angehende Autofahrer weitergeben.

Denn in der Hauptverkehrszeit sind täglich etwa 900 Fahrzeuge der Wiener Linien im Einsatz. Jeden Tag werden so 2,6 Millionen Fahrgäste befördert. "Pro Jahr sind wir kurz davor, die Milliardengrenze zu knacken", sagt Griesmayr. Dass es dabei zu Unfällen kommt, ist vorprogrammiert. "Dafür, wie viele Kilometer wir zurücklegen und wie viele Fahrzeuge wir im Einsatz haben, passiert erfreulicherweise sehr wenig."

Tägliche Zwischenfälle

Trotzdem komme es fast täglich zu kleineren Zwischenfällen, "die zum Glück in der Regel glimpflich ausgehen". Meist sind es Unachtsamkeiten, oft würden Autofahrer die Vorrangregeln für die Bim übersehen. Dabei habe "die Straßenbahn fast immer Vorrang". Die Unachtsamkeit unter Fußgängern würde heutzutage zudem durch den Blick aufs Smartphone und durchs Musikhören mit Kopfhörern verstärkt.

"Wir brauchen erheblich länger zum Stillstand als ein Auto", sagt Svejnoha. Der Bremsweg der Bim ist etwa ein Drittel länger: "Gummi auf Beton bremst halt besser als Eisen auf Eisen." Regen verlängert den Weg zum Stillstand weiter.

Sollte doch eine Vollbremsung nötig sein, gibt es in jedem Fahrzeug Notstoppgriffe für die Fahrgäste. Der Fahrer hat einen roten Notknopf über dem Blinker. Wenn der Lenker selbst Probleme hat, er etwa ohnmächtig wird, gibt es eine zusätzliche Sicherheitsvorrichtung: den "Totmannknopf". Er muss während der ganzen Fahrt betätigt werden. Ist kein Druck mehr darauf, gibt es einen schrillen Alarm. Nach einer Sekunde stoppt der Zug automatisch.

Kraft braucht man für eine Vollbremsung nicht, dafür beim Klingeln. Die Stelle, an der bei einem Auto die Kupplung ist, das Pedal ganz links, bringt die E2 zum Bimmeln. Berührt man es nur sachte "hört einen keiner" , sagt Svejnoha. Getreten wird bei jedem Losfahren. (Oona Kroisleitner, 28.7.2017)