Was den Zwischenfall am Tempelberg zur Krise macht

24. Juli 2017, 13:35
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Der Streit über die Kontrollen am Jerusalemer Tempelberg hat auch Jordanien erreicht – Antworten auf die wichtigsten Fragen

International wächst die Sorge vor noch mehr Gewalt im Nahen Osten: In Israel spitzt sich die Lage immer mehr zu, und auch in Jordanien kam es am Sonntagabend zu einem Vorfall, dessen genaue Hintergründe allerdings noch unklar sind: In einem Nebengebäude der israelischen Botschaft kam es in der Hauptstadt Amman zu einer Schießerei, bei der zwei Menschen starben. Der Uno-Sicherheitrat hat für Montag eine Sondersitzung angesetzt. Antworten auf die wichtigsten Fragen zur Eskalation im Nahost-Konflikt.

Frage: Was genau ist auf dem Tempelberg los?

Antwort: Am 14. Juli wurden in der Jerusalemer Altstadt zwei israelische Polizisten von drei arabischen Israelis erschossen – mit Pistolen, die sie zuvor auf den Tempelberg geschmuggelt hatten. Daraufhin verschärfte Israel vergangene Woche die Kontrollen am Tempelberg, um, wie die Regierung angibt, Waffenschmuggel auf das Gelände zu verhindern. Neben zusätzlichen Überwachungskameras am Eingang zur Al-Aksa-Moschee wurden auch Metalldetektoren installiert.

Frage: Metalldetektoren an heiligen Stätte sind international üblich: Jeder Muslim, der die Kaaba in Mekka besucht, jeder Tourist, der in den Vatikan möchte, muss davor durch Schleusen mit Metalldetektoren. Wieso sorgt der Schritt in Israel derart für Furore?

Antwort: Der Einsatz von Metalldetektoren erzürnt viele Palästinenser, da sie den Schritt als "politischen Akt unter dem Deckmantel von Sicherheitsmaßnahmen" verstehen, "der auf eine Kontrolle der Al-Aksa-Moschee abzielt", wie es Palästinenserpräsident Mahmud Abbas formulierte. Die Sicherheitsmaßnahme gilt zwar auch für Juden und andere, Palästinenser werten sie aber als Akt israelischer Willkür. Auch in Israel sorgt die Installation der neuen Sicherheitsmaßnahmen für Kritik. Der Inlandsgeheimdienst Shin Bet soll laut Medienberichten Premierminister Benjamin Netanjahu gewarnt haben, dass ihr Einsatz die Sicherheitslage nicht verbessere, sondern sogar verschärfe. Dennoch entschied das Sicherheitskabinett nach stundenlangen Debatten am Freitag, die Geräte vorerst nicht abzubauen. Das führte über das Wochenende zur Demonstrationen von Palästinensern gegen diesen Schritt.

Frage: Inwiefern ist die Lage in Jerusalem eskaliert?

Antwort: Die Verhängung der zusätzlichen Sicherheitsmaßnahmen auf dem Tempelberg hat zu den blutigsten Zusammenstößen zwischen Israel und den Palästinensern seit Jahren geführt. In der Jerusalemer Altstadt lieferten sich am Wochenende palästinensische Demonstranten und Polizisten gewaltsame Auseinandersetzungen: Die Sicherheitskräfte setzten Tränengas und Blendgranaten gegen die wütende Menge ein. Bisher sind in dem Zusammenhang bereits sechs Menschen gestorben: Bei Zusammenstößen zwischen Palästinensern und israelischen Sicherheitskräften wurden in Ostjerusalem und in der Stadt Abu Dis im Westjordanland drei Palästinenser getötet und hunderte verletzt. In der jüdischen Siedlung Neve Zuf drang ein Palästinenser in ein Haus ein und erstach drei Israelis auf brutalste Weise. Auf Facebook soll der Angreifer als Grund für den Anschlag den Streit um den Zugang zur Al-Aksa-Moschee angegeben haben.

Frage: Aber was macht die Lage am Tempelberg überhaupt so explosiv?

Antwort: Auf dem Tempelberg stehen mit der Al-Aksa-Moschee und dem Felsendom wichtige religiöse Stätte des Islam. Das Plateau war auch historischer Standort des Jüdischen Tempels, der heiligsten Stätte des Judentum. Am Fuß des Tempelbergs befinden sich Reste der Klagemauer.

Frage: Und was hat Jordanien damit zu tun?

Antwort: Seit der Eroberung Ost-Jerusalems durch die israelische Armee 1967 stehen die islamischen Stätten auf dem Tempelberg unter jordanischer Verwaltung, was mit dem Friedensvertrag zwischen Israel und Jordanien 1994 erneut bekräftigt wurde. Am Freitag hatten auch in Jordanien tausende Menschen wegen des Streits um den Zugang zum Tempelberg gegen Israel demonstriert. Israels Ministerpräsident Netanjahu beteuert, dass die Arrangements zwischen Israel und Jordanien als Schutzmacht der islamischen Stätten nicht angetastet werden.

Frage: Hängt der Angriff in Jordanien damit zusammen?

Antwort: Ob es einen Zusammenhang mit dem Streit um den Tempelberg gibt, blieb am Montag zunächst unklar. Der Zwischenfall in Amman ereignete sich am Sonntagabend in einem Wohngebäude, das von israelischen Botschaftsangestellten benutzt wurde. Zwei jordanische Arbeiter hätten das Gebäude betreten, um Möbel zu ersetzen. Einer von ihnen habe einen israelischen Wachmann, der dort wohnt, mit einem Schraubenzieher angegriffen und versucht, ihm in den Rücken zu stechen, teilte ein Sprecher des israelischen Außenministeriums am Montag mit. Der Sicherheitsmann habe den Angreifer daraufhin erschossen und versehentlich auch einen zweiten Jordanier getroffen. Dieser sei später seinen Verletzungen erlegen. Der Wachmann erlitt demnach leichte Verletzungen. Der Vorfall ist wegen der Tempelberg-Krise besonders heikel.

Frage: Zurück zum Tempelberg: Was macht die Vorfälle zur Krise?

Antwort: Die Lage ist enorm explosiv, da sie das Potenzial hat, die angespannte Stimmung anzuheizen und den religiösen und politischen Extremismus anzufachen. Palästinenserpräsident Abbas hat die Beziehungen zu Israel eingefroren und angekündigt, diese erst dann wieder aufnehmen zu wollen, wenn die Metalldetektoren verschwinden. Abbas ist in dem Punkt allerdings auf die Israelis angewiesen. Er selbst rief am Freitag zu einem "Tag des Zorns" auf, was die Demonstrationen endgültig in Gewalt umschlagen ließ. Gestern Abend kam es in Israel erneut zu Demonstrationen. Die israelische Regierung beharrt auf den Metalldetektoren, wie sie in der Nacht auf Montag noch einmal bekräftigt hat.

Frage: Was sagt das Ausland zu den Entwicklungen?

Antwort: Die Arabische Liga warf Israel am Sonntag die Ausübung "exzessiver Gewalt" vor und warnte davor, dass die Spannungen" die Tür zu einer weiteren Eskalation" der ohnehin bestehenden "Wut der Palästinenser, Araber und Muslime über die Gewalt und neuen Maßnahmen der israelischen Behörden" öffnen würden. Am Sonntag machte sich außerdem der Sondergesandte von US-Präsident Donald Trump für internationale Verhandlungen, Jason Greenblatt, auf den Weg nach Israel. Aufgrund der angespannten Lage rund um den Tempelberg verfolgten Trump und die US-Regierung die Ereignisse in der Region genau, hieß es aus dem Weißen Haus. Der Uno-Sicherheitsrat hat auf Antrag Schwedens, Ägyptens und Frankreichs für Montag eine Sondersitzung angesetzt. (Anna Giulia Fink, 24.7.2017)

  • Überwachte Gebete.
    foto: reuters/zvulun

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