Zahlenrätsel um "Sommergespräche" auf Puls 4 – und andere Rechenaufgaben

    Kolumne24. Juli 2017, 07:00
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    Bis zu 43 Jahre Gefängnis drohen 17 "Cumhuriyet"-Journalisten

    1. Das Puls-4-Sommergespräche-Zahlenrätsel

    Das Rätsel der "Sommergespräche" auf Puls 4 wird sich vielleicht lösen lassen, bis Montagabend das Pilz-bedingt vorletzte der Reihe mit Matthias Strolz (Neos) analysiert und wiederholt ist. Nämlich: Wie kommt ProSiebenSat1Puls4 auf die per Aussendung verkündeten Zuschauerzahlen? Erste Antwort: Offenbar nicht ganz nach dem Reglement der Arbeitsgemeinschaft Teletest über die Verwendung ihrer Zahlen.

    Die Aussendungstitel von Puls 4 nach den Sendungen:

    • "Bundeskanzler Kern im ersten PULS 4 Sommergespräch mit mehr als 356.800 ZuseherInnen*"
    • "FPÖ-Chef Heinz-Christian Strache im PULS 4 Sommergespräch mit Corinna Milborn mit über 485.800 ZuseherInnen*"
    • "Rekordwert für das PULS 4-Sommergespräch mit Sebastian Kurz: Bis zu 538.000 ZuseherInnen* verfolgten die Sendung"
    • Über 337.600 ZuseherInnen* verfolgten das PULS 4 Sommergespräch mit Ulrike Lunacek

    Gemeinhin mit diesem Hinweis im Text: "*Der WSK enthält alle ZuschauerInnen, die zumindest 1 Minute das PULS 4 Sommergespräch gesehen haben". Im Text erklären die Aussendungen zudem, dass die Wiederholung des Gesprächs inkludiert ist.

    foto: apa/herbert p. oczeret
    Montag bei Corinna Milborn im letzten "Sommergespräch" 2017 von Puls 4: Matthias Strolz (Neos).

    WSK bedeutet weitester Seherkreis, mit der Sendungsreichweite nicht unbedingt vergleichbar. Bei der Berechnung dürfte es nicht ganz nach der reinen Lehre der AGTT zugegangen sein, die verlauteten Werte etwa bei Lunacek liegen um ein paar Tausend höher als bei präziser Definition (konsekutiv eine Minute zugeschaut).

    Sehr weit geht Puls 4 – etwa bei Lunacek – mit der Aussage: "Insgesamt sahen über 337.600 ZuseherInnen zumindest kurz die Diskussion zwischen Lunacek und Milborn." Denn die Zahl meint offenbar das eigentliche "Sommergespräch" sowie Analyse und Wiederholung. Und wer eine Minute die Analyse gesehen hat, muss nicht zwingend "die Diskussion" gesehen haben. Das könnte ein Kritikpunkt sein.

    Bei der AGTT will man das Rätsel um die Puls-4-Sommergesprächswerte nicht kommentieren: "Wir bitten um Verständnis, dass wir zu AGTT-internen Angelegenheiten nicht Stellung nehmen. Wir bitten, sich im unten angesprochenen Sachverhalt mit P7S1P4 in Verbindung zu setzten", hieß es Freitagnachmittag auf Anfrage. Eine schon zuvor – aber ebenfalls Freitagnachmittag – abgeschickte Anfrage an ProSiebenSat1Puls4 ist bisher nicht beantwortet.

    Update: In der Puls-4-Aussendung über die Quoten von Matthias Strolz am Montagabend finden sich nun immerhin auch die Reichweitenspitzen (153.000) und in Titel und Fußnote auch die Analyse).

    Eigentlich wären die klassischen Sendungsreichweiten der "Sommergespräche" für Puls 4 schon ohne das größte gemeinsame Vielfache der Zuschauerzahlen durchaus ansehnlich: 181.000 bei Sebastian Kurz im ersten Teil um 20.15 Uhr, 162.000 bei Heinz-Christian Straches erster Halbzeit, 122.000 bei Christian Kerns erster Halbzeit, 126.000 in der zweiten.

    Aber vielleicht noch nicht ganz auf der nach dem ATV-Deal postulierten Augenhöhe mit dem ORF – dessen "Sommergespräche"-Quotencharts für 2016 finden Sie hier. Voriges Jahr sahen – im Schnitt der Sendung – 810.000 Menschen das Gespräch mit Strache, 741.000 jenes mit Kern, Strolz noch zum Beispiel 617.000.

    Die meistgesehenen ORF-"Sommergespräche" (Kern noch mit seinem vorläufigen Wert vom Tag nach der Sendung 2016) finden Sie gleich hier – mit dem Zuschauerschnitt pro Sendung:

    Der ORF will seine "Sommergespräche" 2017 Montag kommender Woche mit Frank Stronach beginnen – alle verfügbaren Termine größerer Sender bis zur Nationalratswahl finden Sie hier. Update: Kaum war die Wochenschau ein paar Stunden online, hatte es sich Frank auch schon wieder anders überlegt. Dieser feindselige ORF!

    2. Rechenaufgabe Radiotest

    Wo wir schon bei den Daten wrappend aufbereitenden Freuden des Medienredakteurs sind: Diese Woche ist mit neuen Radio-Reichweiten und –Marktanteilen aus dem Radiotest der GfK zu rechnen, basierend auf einem Jahr Erhebung zwischen Mitte 2016 und Mitte 2017.

    Soviel lässt sich schon sagen: Es wird ein großes Siegerfeld geben. Aber das lässt sich ja über praktisch jeden Radiotest sagen.

    Und soviel zudem: Die von der RMS vermarkteten Radiosender liegen nun doch, bald 20 Jahre nach dem flächendeckenden Start von Privatradios in Österreich, solid auf Augenhöhe mit Ö3. Das verspricht werbliches Wachstumspotential.

    3. Rechenaufgabe RTR

    Ein Thema, das treue Leserinnen und Leser der Etat-Wochenschau vermutlich nicht mehr hören können – aber: Vielleicht ist es ja diese Woche soweit mit dem neuen Geschäftsführer der RTR. Das Büro des Medienministers Thomas Drozda (SPÖ) schweigt auf jüngste, ohnehin sehr allgemeine Anfragen dazu. Der bisherige Manager Alfred Grinschgl hätte eigentlich schon Ende Juni in Pension gehen sollen. Anfang voriger Woche waren jedenfalls noch Kandidaten zum – verschobenen – Hearing dran.

    4. 43 Jahre Gefängnis: Türkei gegen "Cumhuriyet"-Journalisten unter Beobachtung

    Montag beginnt in Istanbul der Prozess gegen 17 Journalisten der regierungskritischen Zeitung "Cumhuriyet" – ihnen drohen laut Internationalem Presse Institut (IPI) bis zu* 43 Jahre Gefängnis. Der eigenwillige Vorwurf, in Erdogans Welt nicht weiter überraschend: Sie würden Terrorismus unterstützen.

    IPI, Reporter ohne Grenzen und andere Menschenrechtsorganisationen beobachten die Verhandlung in Istanbul. DER STANDARD wird berichten.

    5. Hauspost

    Das gilt übrigens auch für Nachrichten aus der STANDARD-Gruppe. Da könnte sich diese Woche etwas tun. Update: Kaum war die Wochenschau ein paar wenige Stunden online, da traf diese – nicht sehr gewagte – Prognose auch schon ein.

    Wie gewohnt: Wie sich der Fünf-Punkte-Plan der Etat-Wochenschau in der österreichischen Medienrealität materialisiert, und was sich dort auch ganz ohne Prognose tut, lesen Sie – so rasch wie möglich – auf http://derStandard.at/Etat und anderen gepflegten Channels von derStandard.at. Bleiben Sie dran. (Harald Fidler, 24.7.2017)

    * Korrektur: Hier stand ursprünglich falsch "insgesamt" 43 Jahre.

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