Carinthischer Sommer: Musik ist eine heilige Kunst

    23. Juli 2017, 16:25
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    Das Festival (bis 3. 9.) eröffnete sein vielfältiges Programm mit Sjaella

    Tiffen – Als die Kirchen noch Vorräume des Himmels waren, gaben darin die Komponisten den Gläubigen gern Hörproben der Ewigkeit. Je überirdischer, desto lieber. Damit man nicht merkte, dass die Musizierenden keine Engel waren, wurden sie im Rücken der Gemeinde im Chor versteckt, wie es auch die sechs Sängerinnen des Leipziger Vokalensembles Sjaella vergangene Woche zum Auftakt ihres Gastspiels beim Carinthischen Sommer in der Jakobuskirche in Tiffen taten.

    Die Ansetzung des Konzerts mit acht sakralen Kompositionen im ersten Teil, die in der prachtvoll auf einer Anhöhe gelegenen, mit gotischen Fresken geschmückten ältesten Wehrkirche Kärntens kaum passender denkbar wäre, ist beispielhaft für die zwischen Tradition und Innovation tarierende, spielerisch Ort-, Zeit- und Stilsprünge vollführende Programmierung des Festivals durch Holger Bleck. Nur Tage davor Gast der Bozener "Klangfeste" und in Florenz, traten die hochgelobten musikalischen "Seelenforscherinnen" (Schwedisch "sjael" =Seele) damit zu ihrem ersten Auftritt in Österreich an.

    Vom 12. bis ins 21. Jahrhundert

    Bei anbrechender Dunkelheit wurde ein Morgengesang des Johannes Zwick (1496-1542) in einer wundersam andächtigen Vertonung des 38-jährigen deutschen Komponisten Simon Wawer angestimmt. Er führte durch die Nacht zum bejubelten Anbruch des Jüngsten Tages.

    Die Harmonien vom 12. bis zum 21. Jahrhundert verschmelzend, erreichte der Abend noch vor der Pause eine exzeptionelle Intensität. Musik ist eine heilige Kunst.

    Höhepunkte

    Neben der Uraufführung eines Ave Regina Coelorum, das der Südtiroler Komponist Josef Unterhofer (geb. 1954) an eine marianische Antifon von 1100 angelehnt hat, und einer Umsetzung von Matthias Claudius' Sternseherin Lise durch den 2014 verstorbenen Norweger Kurt Nystedt bildete das Arrangement einer Melodie des 15. Jahrhunderts, das der 1971 geborene Paul Heller über einen Text Martin Luthers gelegt hat, einen absoluten Höhepunkt.

    Er sollte im zweiten Teil des Abends unerreicht bleiben, obwohl da John Dowland seinen Gefühlswallungen freien Lauf und Henry Purcell sich ganz seiner Liebeskrankheit hingeben durfte. Dafür belegten die sechs jungen Leipzigerinnen, dass sie auch in der vokalen Interpretation des Volkslieds und – vielleicht noch ausbaufähig – des Jazz ihr Publikum zu begeistern vermögen. (elce, 23.7.2017)

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