Jugendliche brauchen Leitbilder, auch in Gratiszeitungen

Userkommentar25. Juli 2017, 16:49
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Im Boulevard geht Emotion oft vor Vernunft. Warum es politische Bildung und Medienerziehung braucht

Politische Bildung ist für junge Menschen, besonders für jene, die zu Hause wenig Ansprache haben und selten zum Lesen beziehungsweise kritischen Hinterfragen von Nachrichten angehalten werden, etwas Wesentliches. Jugendliche sollen Werte wie Gewaltfreiheit, Respekt gegenüber Menschen, die aus anderen Ländern, aus einem anderen Kulturkreis kommen sowie Genderfragen als sensibel und bedeutend erkennen.

Die Arbeit der Lehrerinnen und Lehrer an Österreichs Schulen – ich war selbst viele Jahre Pädagogin an einem Wiener Gymnasium – besteht unter anderem darin, Jugendliche für die Auseinandersetzung mit den Medien zu sensibilisieren, sei es in sprachlicher oder in inhaltlicher Hinsicht.

Sensation als Köder

Medienerziehung ist Teil des Lehrplans. Was jedoch nicht heißt, dass es einfach ist, Jugendliche in die Lage zu versetzen, sich der Lenkung der Leserinnen und Leser, wie es beispielsweise in Gratiszeitungen wie "Österreich" immer wieder praktiziert wird, zu entziehen. Die sensationsorientierte Aufmachung, die plakativen Schlagzeilen, die großflächigen Bilder locken die Leserschaft an, der inhaltliche Anteil ist oft eher gering.

In meinem Unterricht damals, besonders im Fach Deutsch in Klassen der Oberstufe des Gymnasiums, haben Schülerinnen und Schüler regelmäßig mit Artikeln aus deutschsprachigen Qualitätszeitungen zu verschiedenen Sachthemen gearbeitet, wobei ich entweder selbst die Artikel ausgewählt habe oder auch auf Textvorschläge von Schülerinnen oder Schülern zurückgreifen konnte.

Eigene Sprache

Die Jugendlichen sollten im Unterricht herausfinden, ob ein Text eher tatsachen- oder meinungsorientiert ist und diesen einer bestimmten Textform – zum Beispiel Bericht, Interview, Reportage oder Kommentar – zuordnen. Formale Merkmale von Artikeln sowie inhaltliche Aspekte wurden in Einzel- oder in Teamarbeit erkannt. Unterschiedliche Standpunkte sollten aufgrund der Auseinandersetzung mit mehreren Texten zu einem Thema analysiert werden.

Nach eingehender Beschäftigung mit gelungenen Artikeln gab es in Hausaufgaben oder bei Schularbeiten Fragestellungen, in denen es darum ging, journalistische Textformen selbst zu erproben. Erklärtes Ziel war es, verantwortungsvoll mit eigenen sprachlichen Äußerungen umzugehen.

Emotion statt Vernunft

Was lesen Jugendliche in Gratiszeitungen? Bei Durchsicht von in den ersten drei Monaten 2017 erschienen Nummern zeigt sich, dass sich "Österreich" etwa nicht so sehr an Vernunft, mehr an Emotionen orientiert, wobei Leser und Leserinnen nicht selten mit nicht wirklich bedeutenden Ereignissen regelrecht überschüttet werden.

Und es wird häufig das Gefühl der Angst geschürt. Berichte über Kriminalfälle, in denen anerkannte Flüchtlinge und Asylsuchende als Täter vorkommen, spielen eine zentrale Rolle. Dazu einige Beispiele: "Sex-Attacken: 6 Afghanen gefasst" (10.1.2017), "15-jähriger Afghane zertrümmerte vor Wut seine Unterkunft" (11.1.2017), "Dealer sticht Taxler Schere in Arm" (26.1.2017).

Da ich neben meiner Tätigkeit in der Schule auch Deutsch als Zweitsprache mit unterschiedlichen Schwerpunkten und auf unterschiedlichem Niveau unterrichtet habe, weiß ich, dass es viele Menschen aus europäischen und außereuropäischen Krisengebieten in Österreich gibt, die alles daran setzen, um die Voraussetzungen zu erfüllen, die notwendig sind, um sich in Österreich zu integrieren. Es erscheint mir daher wesentlich, dass Geschichten, in denen Integration gelungen ist, gerade in Gratiszeitungen Platz finden, da diese besonders von Jugendlichen mit migrantischem Hintergrund gerne gelesen werden.

Zum Frauenbild in der Boulevardzeitung

Sehr oft wird in einer Art und Weise über Frauen berichtet, die genauso der Palmers-Werbung entnommen sein könnte. Bilder sogenannter Eros-Mädchen sollen das Interesse der Leser wecken. Auf der gleichen Seite geht es dann um Frauen, die Opfer von Vergewaltigungen wurden, was bis zur Ermordung (aus Eifersucht?) führen kann. Dazu wieder Beispiele von Überschriften oder Schlagzeilen: "Pensionist erstach die Ehefrau" (2.2.2017), "Doppelter Mordversuch an Ehefrau" (28.2.2017), "Sex-Attacken nehmen in Wien um 55,5 % zu" (10.3.2017), "Eisenbahner tötet Ehefrau" (14.3.2017), "Steirer betonierte Frau (42) in Keller ein" (15.3.2017).

Gerade für junge Leserinnen und Leser genügt es nicht, dass sie sich instinktiv von solchen Situationen und den dadurch vermittelten Stimmungen distanzieren. Es gibt so viele wunderbare Frauenbiografien, aus denen hervorgeht, was Frauen auf verschiedensten Gebieten leisten und geleistet haben.

Auch informativ und konstruktiv

Nicht zuletzt soll erwähnt werden, dass es im politischen Teil dieser Gratiszeitung immer wieder Interviews mit Politikern und Politikerinnen gibt, die durchaus informative und konstruktive Beiträge darstellen. Ein Beispiel wäre das Gespräch mit Bezirksvorsteherin Ulrike Lichtenegger im Mai, in dem es unter anderem um den Kampf gegen Drogen und Kriminalität an neuralgischen Punkten in der Leopoldstadt geht. Derartige Akzente sollten verstärkt werden. (Eva Schmidt, 25.7.2017)

Eva Schmidt, Studium der Germanistik und Slawistik in Wien, langjährige Tätigkeit als AHS-Lehrerin, 2005 bis 2015 Arbeit mit Autorinnen und Autoren, die Deutsch als Erst- beziehungsweise Zweitsprache haben, andere Tätigkeiten im Bereich Deutsch als Fremdsprache. Publikationen: "Weg-Kreuzungen: Zwischenkulturelle Texte", Hg. Eva Schmidt, Edition VHS 2011; "Stadtschattierungen. Eine Anthologie", Hg. Eva Schmidt, Pen Austria 2015.

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