Julya Rabinowich: Nostalghia

21. Juli 2017, 17:00
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Die Zeit erwies sich ohnehin als noch viel brutaler trennend

Der Sommer brutzelt seinem Höhepunkt entgegen, dem Temperaturorgasmus, der die südlicheren Tage der noch in Obst und Wein zu jagenden Süße garantieren soll. Die Gladiolen feiern fröhliche Urständ und stehen als farbprächtige Armee auf selbst abzuerntenden Feldern herum.

Langsam kippt die Tag- und Nachtverteilung wieder, kaum merklich, aber unerbittlich. Das Bewusstsein versucht dieses Kippen noch ein wenig zu verdrängen, sich der Illusion und Hoffnung hinzugeben, der Sommer wäre für immer, so wie die Liebe. Die Nächte sind noch warm, die Gärten voller Zikadenstürme und die Häute brauner als im Frühling. Maikäfer brummen als leicht verwirrte Minijumbos um die Baumkronen und in lachende Gesichter.

Ach, die Maikäfer! Es sind so wenige, Jahr für Jahr. Als ich noch mit meinen Eltern und meiner Großmutter jeden Sommer Urlaub in einer alten Pension am Rande eines Naturschutzgebietes in Kärnten machte, gab es noch so viele von ihnen.

Abends spielten wir Federball im Garten, und die glänzenden Körperchen der Insekten zogen über den rosa angelaufenen Himmel hin und her. Der gefiederte Ball, der mich immer ein bisschen an einen Indianerhäuptlingskopfschmuck erinnerte, sirrte über unsere Köpfe hinweg, ich war zehn, elf, zwölf, ich dachte, das alles würde sich nie ändern.

Mir war so langweilig in diesem vermeintlichen Zeitreichtum, dass ich wünschte und fürchtete, von einem Ufo ins All entführt zu werden. Es kam nie eins. Die Zeit erwies sich ohnehin als noch viel brutaler trennend. (Julya Rabinowich, 22.7.2017)

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