Schulenstreit: Ökonomie als wertneutraler Einheitsbrei

Userkommentar21. Juli 2017, 12:24
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Der Krise der Finanzmärkte stand die Krise der ökonomischen Lehre gegenüber. Auch wenn das Problem erst spät zum Thema gemacht wurde, hat sich seither nicht allzu viel verändert. Eine Bestandsaufnahme

In ihrem Kommentar der anderen vertreten Harald Badinger, Harald Oberhofer und Jesus Crespo Cuaresma, Professoren für Volkswirtschaftslehre an der Wirtschaftsuni Wien, die These, dass "die 'Mainstream'-Ökonomie einem einzigen Regelwerk, der wissenschaftlichen Methode", folge. "Hypothesen werden auf Basis eines theoretischen Fundaments abgeleitet und umfassend empirisch überprüft." Suggeriert wird hier, diese Methode sei die einzige wissenschaftliche Methode, um wissenschaftlichen Fortschritt zu erzielen. Eine Unterteilung in "orthodoxe Mainstream-Ökonomie" und heterodoxe "Nicht-Mainstream-Ökonomie" existiere nicht und werde nur "aus Unkenntnis oder Ignoranz" der "ökonomischen Fachszene" beschworen. Eine solche Unterscheidung sei "ideologisch" und von "pseudowissenschaftlichem Gedankengut dominiert".

Methodenstreit – nicht in der Volkswirtschaft

Der (ältere) Methodenstreit ist Thema der Einführungslehrveranstaltungen aller sozialwissenschaftlichen Studien bis auf die Volkswirtschaft. Dass die vorher angeführten Autoren so tun, als habe dieser nie stattgefunden, ist ein wissenschaftstheoretisches Armutszeugnis. Auf die Frage, ob es wirklich nur eine wissenschaftliche Methode in den Wirtschafts- und Soziawissenschaften gebe, will ich hier aber nicht eingehen und verweise auf Ernst Langthalers wunderbare Replik.

Vielmehr möchte ich meine Sicht der Dinge als langjähriger Student der Volkswirtschaftslehre darlegen und bekräftigen, dass es seit jeher eine klare Unterteilung in unterschiedliche ökonomische Denkschulen gab – wie in jeder anderen Sozialwissenschaft auch. Dass diese unterschiedlichen Zugänge nun nicht mehr gelehrt werden, führt für Studierende zu einer sowohl methodisch als auch theoretisch limitierten Sicht der Dinge – dies ist im Falle der politischen Macht ökonomischer Expertinnen und Experten demokratiepolitisch besonders gefährlich.

Der "New Consensus"

Ein durchschnittliches VWL-Studium präsentiert Ökonomik als wissenschaftliches Feld, in dem alle großen Fragen bereits hinreichend beantwortet sind und größere Debatten endlich ausdiskutiert wurden – es herrscht der "New Consensus". Studierende hören niemals einen Verweis auf spezifische ökonomische Schulen. Sie lernen offiziell keine spezifische Theorie – beispielsweise die sogenannte neoklassische Schule, die so oft mit dem Begriff "Mainstream" assoziiert wird. Nein, sie lernen Ökonomie, ganz wertfrei und unpolitisch! Einen wertneutralen Einheitsbrei sozusagen, in dem die gar nicht so unpolitischen Annahmen implizit immer anwesend sind, aber nie richtig durchdiskutiert werden. Dabei gibt es neben diesem Mainstream eine unglaubliche Fülle an anderen ökonomischen Schulen.

Das Problem: Diese Schulen werden allesamt nicht behandelt, da nicht Teil des Mainstreams. Beispiele hierfür sind etwa die französische Regulationstheorie, die Komplexitätstheorie, die evolutionäre, marxistische, postkeynesianische, neoricardianische Ökonomie oder die österreichische Schule. Alle mit derselben Art von wissenschaftlichen, Peer-reviewed Journals.

Initiativen für plurale Ökonomie

Diese Ansicht ist keine der ignoranten wenigen, sondern derer, die es zuallererst betrifft: Speziell seit Ausbruch der Finanzkrise 2006/07 haben sich weltweit Gruppen von VWL-Studierenden gebildet, die mit der Art und Weise, wie weltfremd und apolitisch Ökonomie heutzutage unterrichtet wird, nicht mehr zufrieden sind.

Die größten Organisationen wären Rethinking Economics im angelsächsischen Raum, Economia Critica in Argentinien und Uruguay, Peps in Frankreich und das Netzwerk für plurale Ökonomik in Deutschland und Österreich, mit zahlreichen weiteren kleineren Organisationen weltweit, etwa in China, Indien, Australien und Ghana. Die International Student Initiative for Pluralism in Economics (Isipe) fungiert gewissermaßen als Dachverband mit derzeit 95 Mitgliedsgruppen – und allen Gruppen ist eines gemein: Sie kämpfen für eine pluralere Form der ökonomischen Lehre in Theorie, wissenschaftlicher Methode und Unterrichtsart.

Praktisches Wissen fehlt

Des weiteren fehlt es Absolventinnen und Absolventen der VWL, egal ob Bachelor, Master oder Doktorat, an praktischem Wissen für die reale Welt. Studierende eines durchschnittlichen VWL-Programms haben keinerlei Idee von Arbeits- oder Steuerrecht, politischen Institutionen ihres Landes oder Finanzderivaten unterschiedlichen Typs! Ein praktisches Weltverständnis von VWL-Absolventinnen und -Absolventen sollte mindestens denselben Stellenwert haben wie die pseudoneutrale Welt der mathematisch-formalen Modellbildung.

Zumindest mancherorts wird diese Problematik erkannt und unter Einbindung der Studierenden in Angriff genommen. Mitglieder von Rethinking Economics stimmen in England bei der Punktevergabe für wissenschaftliche Journalrankings mit. In Frankreich hat Peps nach einer evidenzbasierten Analyse von VWL-Studienplänen aus ganz Frankreich mittlerweile beratende Position im Bildungsministerium und arbeitet ein breiter basiertes Ökonomie-Curriculum aus. Das deutsche Netzwerk für plurale Ökonomik präsentierte vor kurzem eine Onlinedatenbank mit leicht zugänglichen Texten und Videos zu unterschiedlichsten ökonomischen Theorien.

Einfluss auf zukünftige Wirtschaftspolitik

Die Art und Weise, wie Volkswirtschaftslehre unterrichtet wird, darf nicht nur im Elfenbeinturm der Universitätsinstitute diskutiert werden, es geht uns alle etwas an. Heutige VWL-Studierende sind die Troika-Expertinnen und -Experten von morgen, und die Vielfalt oder Armut an Theorien und praktischem Wissen wird entscheidenden Einfluss auf die öffentlich diskutierten Möglichkeiten für zukünftige Wirtschaftspolitik nehmen.

Gerade insofern ist die zunehmende Sparpolitik an den Universitäten sehr bedenklich. Die private Finanzierung von Lehrstühlen, in den USA gang und gäbe, hält Einzug in österreichische Institute. Wenn Professorinnen und Professoren fühlen, dass ihr Posten nur so lange besteht, wie sie der Universität jedes Jahr neue private Gelder lukrieren können, treibt sie das in die Abhängigkeit und erlaubt Vermögenden, die Ausrichtung sowohl der Lehre als auch der Forschung zu beeinflussen.

Universitätsinstitute in der Pflicht

Auch wenn es vonseiten der Studierenden viele Initiativen gibt, ist hier das Engagement der Universitätsinstitute ebenso wichtig. Aufgeschlossene Lehrkräfte sollten nicht so tun, als ob es derzeit keine dominanten wirtschaftstheoretischen Strömungen gäbe. Sie sollten diese klar beim Namen nennen und präsentieren, ohne dabei andere, radikal entgegengesetzte Theorien zu ignorieren. Verständnis für diese Position zu finden ist oft alles andere als einfach, nicht nur an der Wirtschaftsuni Wien. Im Master Economics an der Universität Wien ist seit 2013 der Passus "Der Vielfalt der Methoden und der Pluralität der Theorien ist, soweit möglich, in den Lehrveranstaltungen Rechnung zu tragen" aus dem Curriculum gestrichen. (Ludwig List, 21.7.2017)

  • Es gibt eine unglaubliche Fülle an ökonomischen Schulen, doch Studierende hören niemals einen Verweis auf diese spezifischen Theorien. Das ist auch demokratiepolitisch bedenklich.
    foto: standard/corn, corn.at

    Es gibt eine unglaubliche Fülle an ökonomischen Schulen, doch Studierende hören niemals einen Verweis auf diese spezifischen Theorien. Das ist auch demokratiepolitisch bedenklich.

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