Katar-Krise: Der Kampf um die Herzen und Köpfe

Analyse21. Juli 2017, 08:00
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Katar und Saudi-Arabien versuchen ihre Standpunkte unter die westliche Öffentlichkeit zu bringen – kein einfaches Geschäft

Wien – Es gelten stets die "Chatham House Rules", das heißt, Zitate dürfen verwendet, aber nicht zugeschrieben werden. Das Lobbying in der Katar-Krise allüberall, auch in Wien, ist offenbar eine Sache, die viel Diskretion verlangt. Wenigstens das haben die beiden Seiten – Katar einerseits, Saudi-Arabien und Unterstützer andererseits – gemeinsam.

Die Herren, die sich zur Verfügung stellen – Diplomaten und sogar Minister -, bieten Journalisten offiziellen Input aus erster Hand und hoffen, dass dieser auf fruchtbaren Boden fällt und sich, der Öffentlichkeit mitgeteilt, voll entfaltet. Dem Beobachter will es scheinen, dass es Saudi-Arabien etwas schwerer hat in dieser Medienschlacht. Nicht, weil Katar so sympathisch ist – das sind kleine reiche Länder mit Napoleonkomplex selten. Aber das von Saudi-Arabien vorgebrachte Argument, dass Katar allein für die Unterstützung von islamischem Extremismus verantwortlich sei, ist – von dieser Seite – fast unverkäuflich.

Wer exportiert Radikalismus?

So schnell lässt sich die öffentliche Meinung im Westen, die seit Jahren auf Riad als Exporteur eines fundamentalistischen und intoleranten Islam zeigt, nicht umdrehen. Wenn ein Offizieller aus Saudi-Arabien einem erklärt, dass es ganz, ganz schlecht – "sehr gefährlich" – sei, wenn der Islam ein Land regiere, dann schnappt man erst einmal nach Luft.

Aber es ist natürlich gleichzeitig hochinteressant: Das ist die neue saudische Politprofiklasse, die so tut, als würden ihr die eigene Tradition und Geschichte nicht wie ein Klotz am Bein hängen und Reformen verhindern. In diesem Fall leichtes PR-Spiel für die Kataris: Neidisch seien sie eben, gewisse Länder, wo die Frauen nicht einmal Auto fahren dürfen!

In die Tiefe gehende Diskussionen mit diesen Lobbyisten sind schwierig. Wenn die Kataris gefragt werden, warum sie gewisse Dinge tun – etwa die Muslimbrüder fördern, mit den Dissidenten anderer Kontakt pflegen -, kommt die unschuldige Antwort: Wir sind konsistent, das haben wir doch immer so gemacht.

Stimmt nicht ganz. In der ersten Zeit nach seiner Unabhängigkeit 1971 hatte Katar – so wie es Riad jetzt wieder gerne hätte – seine Außenpolitik völlig an die saudische angeschmiegt. Das änderte sich erst, als 1995 der Vater des jetzigen Emirs seinen eigenen Vater in die Zwangspension schickte. Katar begann seine eigene Entwicklung, und seitdem gibt es immer wieder Ärger.

Für Katar kam der Paukenschlag Anfang Juli, als Saudi-Arabien, die Vereinigten Arabischen Emirate, Bahrain und Ägypten die Kontakte abbrachen und ein Embargo verhängten, nach eigener Aussage völlig überraschend. Dass Katar nahestehende Medien zuvor eine Kampagne gegen den saudischen Vizekronprinzen Mohammed bin Salman (inzwischen Kronprinz) und den Kronprinzen von Abu Dhabi, Mohammed bin Zayed, führten: Na ja, Journalismus ist eben frei. Die bösen Medien haben nur die anderen – und Al Jazeera (mit einem Chairman aus der Herrscherfamilie) ist natürlich völlig unabhängig.

Trotz allen Reichtums, der die Versorgungsprobleme löst, und aller Toughness: Katar trifft die Isolierung schwer. In Doha soll Panik aufgekommen sein, als die ersten Saudi-Arabiens harte Linie unterstützenden Tweets von US-Präsident Donald Trump auftauchten. War das ein grünes Licht für die Saudis, sich Katar zu schnappen? Erleichterung machte sich breit, als früh klar wurde, dass das State Department anderer Meinung als Trump ist: "Das US-System, das ist nicht der Präsident", zeigt sich unser Lobbyist überzeugt.

Bewegung in New York

Und wie es weitergeht? Katar: "Sie haben angefangen, sie müssen es beenden." Saudi-Arabien: "Sie müssen unsere Bedingungen erfüllen – die sind nicht zu unserem, sondern zu ihrem Besten."

Allerdings gab es am Mittwoch Bewegung, nachdem sich noch in der Woche zuvor US-Außenminister Rex Tillerson in der Region um Vermittlung bemüht hatte und unverrichteter Dinge wieder abgezogen war. Die dreizehn, für jedes souveräne Land in der Tat nur schwer erfüllbaren Forderungen an Katar sind nun endgültig in "sechs Prinzipien" zusammengeflossen, in der nicht mehr das Wie, sondern das Was eine Rolle spielt: Theoretisch muss also Al Jazeera gar nicht mehr geschlossen werden, wie in den 13 Punkten gefordert, es muss sich nur ändern.

Wie der saudische Botschafter bei der Uno in New York, Abdullah al-Mouallimi, am Mittwoch sagte, sollten diese "Prinzipien" für Katar leicht zu unterschreiben sein: Kampf gegen Extremismus und Terrorismus, alle Provokationen unterlassen etc. Allerdings gab es eine ähnliche Übung schon 2013 und 2014. Und wenn man – zum Beispiel – als Provokation sieht, dass türkische Soldaten in Katar sind, dann ist man doch wieder schnell bei den 13 Punkten. (Gudrun Harrer, 21.7.2017)

  • Ein Wandbild von Katars Emir, Tamim bin Hamad Al Thani, in Doha. Der 37-Jährige folgte 2013 auf seinen freiwillig abgetretenen Vater Hamad. Der hatte 1995 noch seinen Vater weggeputscht.
    foto: apa / afp / stringer

    Ein Wandbild von Katars Emir, Tamim bin Hamad Al Thani, in Doha. Der 37-Jährige folgte 2013 auf seinen freiwillig abgetretenen Vater Hamad. Der hatte 1995 noch seinen Vater weggeputscht.

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