Prie-View: Tycoon im Zwirn, Horror im Hotel, Lügen im Web – was kommt

Blog27. Juli 2017, 11:00
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Mit wärmster Empfehlung: "The Last Tycoon", "Room 104", "Der Anständige", "Robin Hood", "Chamissos Schatten", "Fake News", "Looping", "Polizeiruf 110: Der Tod macht Engel aus uns allen"

Es klingt gut, was Netflix mit Matt Groening vorhat. Und zwar richtig gut. Der knuffige Simpsons-Schöpfer eröffnet eine neue Geschäftssparte beim Streamingdienst mit der Serie "Disenchantment", wie diese Woche bekannt wurde. Als alte "Futurama"-Adorantin kann ich mich ob dieser richtig guten Neuigkeiten kaum halten! Die Story, in deren Mittelpunkt ein mittelalterliches Reich namens Dreamland stehen soll, mit Bewohnern wie der schwer trinkenden Prinzessin Bean, deren Elfenfreund Elfo und einem Dämon namens Luci ist ganz nach meinem Geschmack. 2018 kann kommen!

Vorerst aber zum Kerngeschäft, der TV-Woche, in der sich noch immer keine sommerliche Ödnis auftut, ganz im Gegenteil – und jetzt die Spoilerwarnung: Wenn Sie nichts, aber auch gar nichts über Inhalte vertragen, lesen Sie in den nächsten Absätzen nur das Fettgedruckte:

Freitag, 28. Juli: "The Last Tycoon", Amazon
Die englischsprachige Premiere des Serienepos' nach F. Scott Fitzgeralds unvollendetem Roman über den Studioboss Monroe Stahr bringt jede Menge des im Moment so gefälligen 1930er-Jahre-Charmes ins Wohnzimmer. Optisch ließe sich die Sache mit "Mad Men" trifft "Downton Abbey" einordnen, daneben lernt man manches über die Anfänge der Traumfabrik Hollywood. Elia Kazan hat das in den 1970ern schon einmal verfilmt, Robert De Niro spielte damals die Hauptrolle, die der Biografie des MGM-Produzenten Irving Thalberg folgt. Der lag zu Lebzeiten mit Größen wie Joan Crawford im Clinch, ging aber auch als "Boy Wonder" der legendären Studios in die Geschichte ein, die zu jener Zeit mit Großproduktionen wie "Ben Hur" vor dem Bankrott standen. Billy Ray ("Die Tribute von Panem – The Hunger Games") entwickelte die Serie, Hauptrollen spielen Matt Bomer, Bailey Noble, Kelsey Grammer. Schon schön, inhaltlich zumindest in der ersten Folge noch eher blass.

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Samstag, 29. Juli: "Room 104", Sky On Demand, Sky Go und Sky Ticket
Dass Hotels nicht zwingend kuschelige Orte sein müssen, weiß jeder aus eigener Erfahrung, und falls nicht, so zumindest aus dritter Hand, etwa aus Stanley Kubricks "Shining". Horror im Hotel ist also keine abstrakte Größe, schon gar nicht in der HBO-Serie von Mark und Jay Duplass ("Togetherness", "Animals"). Das Zimmer 104 ist wie ganz viele, eng, stickig, Teppichboden, kein Tageslicht, null Charme. Erster Gast hier ist Megan, gemietete Babysitterin, die auf einen gewissen Ralph aufpassen soll. Der versteckt sich im Badezimmer und ist eigentlich zwei, Ralph und Ralphie, Zweiterer eher nicht so nett. Ralph weiß über Ralphie: "He's bad." Und, so viel ist klar: Das wird eine lustige Nacht. Jede Folge erzählt eine andere Geschichte in ein und demselben Raum. Nach Ansicht von "Room 104" wird man sich in Hotelzimmern jedenfalls anders fühlen.

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Samstag, 29. Juli: "Der Anständige", 22.00, ORF 3
"Mein guter, wilder Geliebter! Du bist schon ein reines Reisebüro! Warum gehst du zu einer Hitler-Versammlung, du weißt doch, was er redet!" – "In die Hitler-Versammlungen muss ich doch, ich veranstalte ja diese Versammlungen und bin verantwortlich dafür. Nur noch ein paar Monate, und der wilde Mann wird für immer bei dir sein." Der, der diese Zeilen schrieb und seine Briefe an seine Frau Marga stets mit "In Liebe, dein Heini" unterzeichnete, entwarf und exekutierte die Strategien zur Ermordung von Millionen Juden, Homosexuellen, Sinti, Roma und Andersdenkenden. Vanessa Lapa arbeitete sich durch den Nachlass Heinrich Himmlers. Sie hat eine Montagetechnik gefunden, die das Grauen noch verstärkt. Den von Tobias Moretti und Sophie Rois gesprochenen Briefen wurden historische Film- und Fotoaufnahmen unterlegt, mit technischen Mitteln eine eigene Soundfarbe erzeugt.

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Sonntag, 30. Juli: "Robin Hood – Vom Outlaw zum Popstar", Arte
Erinnert sich noch jemand an "Robi Robi Robin Hood"? Das war in den 1970ern eine ziemlich schräge Fernsehserie aus dem Hause Mel Brooks, die den Heldenmythos rund um den Outlaw/Popstar ziemlich entblätterte. Robin Hood war ein trotteliger Schönling, der Sheriff von Nottingham ein mit allen Klischees gewaschener Erzbösewicht, Lady Marion eine verhuschte Schönheit und Prinz John ein infantiler Wirrkopf. Es war der übliche Brooks-Schmäh, gepaart mit den wahrscheinlich schlechtesten Stuntszenen der Fernsehgeschichte (und das will etwas heißen), und es war großartig! Die Serie wurde 1975 in den USA ausgestrahlt und nach nur 13 Folgen wegen Quotenschwäche eingestellt. Brooks griff die Idee später mit dem Kinofilm "Robin Hood – Helden in Strumpfhosen" noch einmal auf. Es war dann aber nicht mehr dasselbe. Die Arte-Doku fasst die Legende auf klassische Weise ein, vom Aufstieg des Wegelagerers zum Allzeithelden in Film und Literatur.

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Montag, 31. Juli: "Chamissos Schatten", 22.25, 3sat
Was für ein Projekt! Angeregt von Peter Schlemihl, der in Adelbert von Chamissos "Wundersamer Geschichte" seinen Schatten verliert und ihm dann mit Siebenmeilenstiefeln über alle Kontinente nachjagt, bereist Ulrike Ottinger 2014 drei Monate lang Sibirien rund um das Beringmeer und dringt tief in die Tundra zu den Rentierhirten vor. Entstanden ist ein 184-minütiges Dokumentationsprojekt, das historische Schriften von Alexander von Humboldt, Georg Wilhelm Steller, Reinhold und Georg Forster und insbesondere Adelbert von Chamisso mit den Bildern und Geräuschen der Gegenwart in Verbindung bringt. Die damals 73-Jährige führte ihr filmisches Logbuch mit dokumentarischer Genauigkeit und voll schlichter Poesie.

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Montag, 31. Juli: "Im Netz der Lügen – Der Kampf gegen Fake News", 23.45, ARD
Derzeit vergeht praktisch keine Woche ohne die nächste "alles enthüllende" Reportage über das große Netzlügen durch Menschen und Gruppen mit rechter Gesinnung. Der Erkenntnisgewinn ist meist überschaubar, in diesem Fall hält er sich ebenfalls in Grenzen, halbwegs originell ist immerhin die Ausgangsidee: Wissenschafter setzen gezielt eine Falschmeldung ins Web und warten, was passiert. "Gratis-Sex für Asylanten. Landratsamt zahlt!", lautet die Botschaft, eine absurde Nachricht, von einem fiktiven User über Facebook gestreut. Die Fälschung wäre leicht als solche zu entlarven, es dauert allerdings, und bis es so weit ist, werden einmal mehr die falschen Fragen gestellt, etwa wer die sogenannten kleinen Leute sind, die solche Nachrichten verbreiten. Vielleicht wäre es zur Abwechslung ergiebiger, das Pferd von hinten aufzuzäumen und zu fragen: Wer sind die "Eliten", gegen die es derzeit so oft shitstormt, und wie kriegt es eine kleine Minderheit hin, eine so große Fläche mit Schwachsinnigkeiten zu bespielen und vor sich herzutreiben? Schnell sind wir da beim guten alten Georg Franck und der "Ökonomie der Aufmerksamkeit" angelangt. Die gilt offenbar auch in den Echokammern: Ganz oft geht es weniger um Ideologie als um das richtige Werbeumfeld, oder, wie es bei Marx heißt: "Nicht das Bewußtsein bestimmt das Leben, sondern das Leben bestimmt das Bewußtsein."

foto: swr

Montag, 31. Juli: "Looping", 23.55, ZDF
"Deine Augen sind wie Piraten, die übers Meer schauen", sagt Leila zu Sarah. Kurze Zeit später ist Leila, 19, in der Psychiatrie. Dort sind schon die 35-jährige Frenja und die 50-jährige Ann. Wie Leila haben auch Frenja und Ann ihre Geschichte. In ihrem Kinodebüt erzählt die Berlinerin Leonie Krippendorff die Biografien dreier vom Leben zerrissener Frauen. "Die meisten bleiben über mehrere Jahre", sagt die Ärztin, und es ist klar, dass es ein langer, heftiger Weg ist, den Leila gehen muss und der am Ende bestenfalls Möglichkeiten offenhält. Mit Jella Haase, Lana Cooper und Marie-Lou Sellem.

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Donnerstag, 3. August: "Polizeiruf 110 – Der Tod macht Engel aus uns allen", 20.15, WDR
Der Krimi der Woche ist ein "Polizeiruf" aus dem Jahr 2013 mit dem großartigen Matthias Brandt und dem groß-großartigen Lars Eidinger. Regisseur Jan Bonny macht aus Schickimicki-München ein recht grindiges Reich mit Mord und vielen Schlägen. Sein Faible für die Unorte der Gegenwart bewies Bonny später in dem ebenfalls sehenswerten Großstadtdrama "Über Barbarossaplatz" mit Joachim Król. Zuletzt inszenierte er den "Tatort: Borowski und das Fest des Nordens" und darin den letzten Auftritt der Kommissarin Sarah Brandt (Sibel Kekilli), die sich in ihrer Rolle nicht immer, hier aber endlich wieder richtig dargestellt fühlte.

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Was noch kommt:

Freitag, 28. Juli: "Töchter des Schicksals", Netflix
Vierteilige Dokumentation über die Shanti Bhavan School, die verarmten Kindern kostenlos Bildung zukommen lässt.

Mittwoch, 2. August: "Lifjord – Der Freispruch", One
Vor 20 Jahren wurde Aksel Borgen im Fall des Mordes an einem Mädchen freigesprochen. Als er in seinen Heimatort Lifjord zurückkehrt, stößt er auf Hass und Ablehnung. One zeigt die Folgen mittwochs, auf Sony läuft bereits die zweite Staffel.

Mittwoch, 2. August: "Dunja Hayali", 22.45, ZDF
Im Sommer übernimmt die "Morgenmagazin"-Moderatorin das Ruder mit Livetalk. Warum eigentlich nur im Sommer?

Und der Trailer der Woche:
Nichts wird, wie es einmal war, lautet die zentrale Botschaft aus dem Trailer von "Stranger Things 2". Netflix macht in der zweiminütigen Vorschau Lust auf die Fortsetzung am 27. Oktober. Thriller!

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In diesem Sinne: frohes Schauen, und fürchtet euch nicht! (Doris Priesching, 27.7.2017)

Hinweis: Der Blog Prie-View greift kommende Höhepunkte in linearem und digitalem Fernsehen mit dem Fokus auf Neues und Besonderes auf. Die Auswahl ist subjektiv und erhebt keinen Anspruch auf Vollständigkeit.

  • Matt Bomer spielt in "The Last Tycoon" von Amazon den Studioboss Monroe Stahr, ab Freitag.
    foto: amazon

    Matt Bomer spielt in "The Last Tycoon" von Amazon den Studioboss Monroe Stahr, ab Freitag.

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