Der Methusalem am Meeresgrund

    21. Juli 2017, 20:32
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    Der Bartwurm Escarpia laminata aus dem Golf von Mexiko spielt mit geschätzt 200 bis 300 Jahren Lebenserwartung in der Liga der langlebigsten Tiere mit

    foto: apa/epa
    Harriet auf einem Archivbild aus dem Jahr 2003: Da ist sie gerade süße 173 geworden.

    Philadelphia – 2006 starb im Australia Zoo von Queensland ein Tier, das zu Lebzeiten zur Legende geworden war: Harriet war eine Galápagos-Riesenschildkröte der Unterart Geochelone nigra porteri und zum Todeszeitpunkt geschätzt 175 Jahre alt. Von ihr hieß es, dass Charles Darwin höchstselbst sie einst aufgelesen und auf seinem Schiff mitgenommen habe. Hundertprozentig lässt sich diese Geschichte zwar nicht verifizieren – das schiere Alter reichte aber auf jeden Fall, dass Harriet mit ihrer Lebensspanne historische Epochen verband.

    Galápagos-Riesenschildkröten gelten als die Landtiere mit der höchsten Lebenserwartung, werden aber von einigen Meeresbewohnern noch einmal übertrumpft. Grönlandwale (Balaena mysticetus) sollen bis zu 200 Jahre alt werden können und Grönlandhaie (Somniosus microcephalus) sogar bis zu 400, wie ein Forscherteam 2016 in "Science" berichtete. Die Kälte scheint gut zu konservieren.

    Dem Club der Meeres-Methusalems dürfte aber auch ein deutlich unscheinbareres Tier angehören, berichten nun US-Forscher im Fachmagazin "The Science of Nature". Und dabei handelt es sich nicht um ein Wirbeltier. Escarpia laminata ist ein Bartwurm und gehört damit wie beispielsweise auch der Regenwurm zum artenreichen Stamm der Ringelwürmer.

    foto: chemo iii project, boem und noaa oer
    Blick in ein Ökosystem, in dem alles ein bisschen gemächlicher zugeht: eine Ansammlung von Bartwürmern der Spezies Escarpia laminata.

    Escarpia ist allerdings ein Bewohner des Meeresbodens. Man findet ihn im Golf von Mexiko in Tiefen von 1.000 bis 3.300 Metern in der Nähe von Tiefseequellen, sogenannten "Cold Seeps", wo Schwefelwasserstoff, Methan und andere Verbindungen austreten.

    Um solche kalten Quellen haben sich eigene Lebensgemeinschaften entwickelt, zu denen auch die oft in Massen auftretenden Bartwürmer gehören. Sie leben im Inneren selbstgebauter Röhren in Symbiose mit Bakterien, mit deren Hilfe sie Schwefelverbindungen in Nahrungsstoffe umwandeln können.

    Um ihren Lebenszyklus zu studieren, sammelten Forscher um Alanna Durkin von der Temple University in Philadelphia 356 Bartwürmer an verschiedenen Stellen des Golfs. Anschließend maßen sie deren weiteres Wachstum im Verlauf eines Jahres, um aus den vorgefundenen Größen auf das Alter schließen zu können. Ihre Berechnungen führten sie zum Ergebnis, dass ein 50 Zentimeter langes Exemplar von Escarpia laminata 200 bis 202 Jahre auf dem Buckel haben muss. Bei größeren dürften es 250 Jahre sein, und einige könnten sogar die 300er-Marke erreichen.

    Laut Durkin korrespondiert dieses hohe Alter mit einer sehr geringen Sterberate: In einem Lebensraum ohne äußere Bedrohungen, wie es die abgelegenen Tiefsee-Habitate um die Cold Seeps sind, zahle es sich evolutionär aus, langsam zu reifen und bis ins hohe Alter reproduktionsfähig zu bleiben.

    foto: manfred heyde
    Die Königin der Selbstkonservierung: Es leben heute noch Islandmuscheln, die Zeitgenossen von Leonardo da Vinci waren.

    Stimmen die Berechnungen, gehört also auch der kleine Tiefseewurm zum exklusiven Club der Mehrhundertjährigen. Dessen Altersvorsitzende bleibt allerdings immer noch eine andere, ebenfalls wirbellose Art – und auch diese ist natürlich in der Kälte zuhause: Mit einem Alter von über 500 Jahren gilt ein 2006 aufgesammeltes Exemplar der Islandmuschel (Arctica islandica) als ältestes tierisches Individuum der Welt. (jdo, 21. 7. 2017)

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