Wenige Asylwerber als Erntearbeiter auf Feldern

    Reportage25. Juli 2017, 08:00
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    In Österreich arbeiten nur 100 Asylwerber als Saisonarbeiter auf Feldern. Dabei wäre der Bedarf an Arbeitskräften viel größer

    Vierzig Hände mit blauen Latexhandschuhen suchen das Feld zentimetergenau ab. Jede grüne Gurke, die sie finden, landet auf dem Förderband und wenig später im Anhänger des Traktors. "Von der Arbeit tun einem Rücken und Bauch weh", wird Sayed Kazemi später sagen. Er liegt neben Ali Abdul auf dem "Gurkenflieger". Zum Reden ist wenig Zeit: In Ansfelden in Oberösterreich ist Erntesaison, und Bauer Bernhard Mayr muss jeden Tag zehn bis 15 Tonnen Gurken ernten.

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    Sayed Kazemi (vierter von links) und Ali Abdul (fünfter von links) pflücken jede Woche vierzig Stunden lang Gurken in Ansfelden.

    18 Studenten aus Polen liegen auf seinem "Gurkenflieger", dazu Sayed Kazemi und Ali Abdul aus Pakistan. "Für Österreicher ist die Arbeit zu hart und der Verdienst zu schlecht", sagt Bernhard Mayr. Ungefähr tausend Euro verdienen die Arbeiter pro Monat. Sayed und Ali helfe die Erntezeit von Juni bis August, den Sommer zu überbrücken. "Im Flüchtlingsquartier kann man nur schlafen", sagt Sayed. Vor zwei Jahren ist er nach Österreich gekommen, spricht fließend Deutsch und kennt viele Bewohner von Ansfelden bereits beim Namen. Wirklich arbeiten darf er trotzdem nicht, denn er wartet immer noch auf seinen Asylbescheid.

    Saisonarbeiter, Prostituierte oder Ehrenamtliche

    Asylwerber dürfen in Österreich nämlich nur als Saisonarbeiter, Prostituierte oder Ehrenamtliche arbeiten. Deswegen reinigen Sayed und Ali freiwillig die Straße, räumen nach Festen im Ort auf oder pflegen die Gärten der Bewohner. Dass sie als Saisonarbeiter Gurken ernten, ist im österreichweiten Vergleich aber beinahe eine Seltenheit: Laut dem Innenministerium warteten Ende März 2017 knapp über 70.000 Personen auf die Entscheidung ihres Asylverfahrens. Von diesen waren laut AMS im Juni 2017 182 in der Saisonarbeit tätig. 82 davon fallen in den Bereich Tourismus, die restlichen hundert teilen sich in Erntehelfer und Saisonarbeiter in der Land- und Forstwirtschaft auf. Der Unterschied liegt in der Beschäftigungsdauer: Erntehelfer dürfen maximal sechs Wochen, Saisonarbeiter bis zu sechs Monaten arbeiten. Ein Großteil der Asylwerber arbeitet in Oberösterreich.

    "Wir haben einerseits viele Asylwerber, die nichts zu tun haben, andererseits einen großen Bedarf an Saisonarbeitern", sagt Stefan Hamedinger von der Landwirtschaftskammer Oberösterreich. In Oberösterreich werden jedes Jahr 4000 Saisonarbeiter benötigt. Von diesen kämen 3000 aus EU-Staaten wie Rumänien und Polen, aber auch aus der Ukraine und anderen Drittstaaten, also von außerhalb der EU. Wegen der geografischen Lage sei Oberösterreich weniger beliebt bei Arbeitskräften aus Osteuropa, sagt Hamedinger. Zudem seien die hohen Lohnnebenkosten, etwa Pensionsversicherungsbeiträge, für viele ein Hemmnis in Österreich zu arbeiten.

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    Vor drei Jahren startete in Oberösterreich daher das Projekt des Ausländerfachzentrums (AFZ) des AMS Oberösterreich: Asylwerber konnten sich beim AMS für die Saisonarbeit bewerben. Das AMS traf eine Vorauswahl und organisierte mit der Landwirtschaftskammer eine Jobbörse. Dort trafen die Landwirte mit den Asylwerbern zusammen und konnten entscheiden, wen sie für den Saisonbetrieb beschäftigen wollen. Von ursprünglich tausend Asylwerbern wurden schließlich 150 von den Landwirten für die Erntearbeit ausgewählt.

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    Es gebe aber einige Hürden zu bewältigen, erzählt Landwirt Mayr. Die Arbeitsstelle müsse sich nahe an der Flüchtlingsunterkunft befinden. Für die Beschäftigung wird eine Bewilligung vom AMS benötigt. Denn grundsätzlich gilt, dass Saisonarbeiter aus der EU bei der Arbeitsplatzvergabe bevorzugt werden müssen. Deswegen wird die Zahl der Saisonarbeitskräfte aus Drittstaaten begrenzt – in Oberösterreich auf 995. Für Asylwerber sollte es aber ein eigenes Kontingent geben, meint Hamedinger.

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    Genossenschaft als Vermittler

    So sieht es auch Walter Medosch, Generalsekretär der österreichischen Landarbeiterkammer. Er wünscht sich eine Genossenschaft, die in Zusammenarbeit mit dem AMS Flüchtlinge an die Landwirtschaft vermittelt. Außerdem könnten Schulungen angeboten werden, in denen Geflüchtete auf die Arbeit auf dem Feld vorbereitet werden. Dadurch würden vor allem jene in den Arbeitsmarkt integriert werden, die bereits einen positiven Asylbescheid haben.

    Berhard Mayr ist mit der bisherigen Arbeit von Sayed und Ali sehr zufrieden. "Ich kenne sie schon und weiß, dass es funktioniert", sagt Mayr. Sayed hat schon in Pakistan auf dem Gemüsefeld seiner Eltern gearbeitet. Jetzt besucht er die Gartenbauschule Ritzlhof in Ansfelden. Er möchte Gemüsebauer in Österreich werden. Und natürlich auch einmal Gurken anbauen. (Jakob Pallinger, 25.7.2017)

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