Aufschwung in Österreich: Ende der mageren Jahre

Kommentar19. Juli 2017, 17:16
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Zum Aufschwung tragen viele Faktoren bei

Ein Kompliment in der U-Bahn, ein nettes Gespräch mit einem Freund bei einem Glas Wein, ein erfolgreiches Projekt in der Arbeit. Wer schon ein persönliches Tief durchlebt hat, weiß, dass mehrere gute Erlebnisse zur rechten Zeit zusammenkommen müssen, damit man aus der Krise herausfindet.

In diesem Stadium befindet sich Österreichs Wirtschaft gerade. Die Konjunktur ist 2008 eingebrochen, hat sich kurz erholt und dümpelte seither auf niedrigem Niveau dahin. Damit soll jetzt Schluss sein. Das Institut für Höhere Studien prognostiziert für die kommenden fünf Jahre ein solides Wachstum. Die Arbeitslosigkeit soll sinken, die Beschäftigung stark wachsen, Exporte sollen zulegen.

Strategie, Zufall, Glück

Zum Aufschwung tragen viele Faktoren bei. Die Europäische Zentralbank (EZB) hat die Zinskosten für Unternehmen (und Haushalte) auf ein Allzeittief gedrückt, weshalb Investitionen billig finanziert werden können. Der Euro verlor an Wert, was Österreichs Exporteuren hilft. Der tiefe Ölpreis sorgte dafür, dass Konsumenten mehr Geld in der Tasche blieb. Im nahen Umfeld, in Osteuropa, ging es aufwärts. Wie die Zahlen des IHS belegen, hat die große Koalition mit ihrer Steuerentlastung 2016 den Inlandskonsum belebt. Strategie, Zufall, Glück: Alles war dabei.

Diese Entwicklung lässt drei Schlüsse zu. Zunächst, dass die große Koalition in den Geschichtsbüchern besser wegkommen wird, als es gegenwärtige Debatten vermuten lassen. Nun, da der Aufschwung erstmals seit 2008 nachhaltig scheint, ist es nicht mehr gewagt, davon zu sprechen, dass die Krise vorbei ist. Die Bilanz: Im Vergleich zu anderen Ländern wie den USA, Frankreich oder Großbritannien ist Österreich besser durch die Krise gekommen, gleich ob man auf Verschuldung, Arbeitsmarkt oder Lohnentwicklung blickt. Daran war die Politik mitbeteiligt.

Richtungsweisende Nationalratswahl

Der zweite Schluss lautet, dass die Wahl im Herbst richtungsweisend wird. Alle Regierungen seit 2008 hatten mit Bankenkrisen und steigender Arbeitslosigkeit zu kämpfen. Die finanziellen Spielräume wurden enger. Das ändert sich. Das Finanzministerium budgetiert klugerweise konservativ. Am Ende eines Jahres fallen die Budgetdefizite meist niedriger aus als erwartet. Bedenkt man mit, dass die Konjunktur positiv überrascht, die Arbeitslosigkeit entgegen den Erwartungen zu Jahresbeginn sinkt, könnte die nächste Regierung erstmals seit langem budgetäre Spielräume nutzen. Sie wird gestalten, nicht bloß reagieren können.

Die Zahlen der Ökonomen zeigen aber auch, dass in Österreich wenig Wachstum durch Innovation stattfindet. Wie in anderen Industrieländern hinterlässt der technologische Fortschritt in der Wirtschaftsleistung kaum Spuren. Das wirkt sich aus: Das Vorkrisenwachstum wird nicht zurückkehren. So lautet der dritte Schluss. Sollte die Politik daher vom Wachstumsfetisch abrücken und neue Ziele definieren wie den ökologischen Umbau der Gesellschaft? Sollte im Gegenteil alles daran gesetzt werden, um zu alten Höhen zurückzufinden? Darüber gehört diskutiert. (András Szigetvari, 19.7.2017)

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