Bauchschreiberei – über Gefühlsjournalismus

Kommentar der anderen18. Juli 2017, 16:04
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Zeugnisverteilung ohne Substanz? Eine Analyse am Beispiel Stöger und Kurz

Es ist schon eine Tradition, dass die Zeitschrift News jährlich ein Ranking der Regierungsmitglieder und ihrer Leistungen veröffentlicht. Diesmal in voller Transparenz: Die befragten Journalisten sind angegeben neben ihren Einschätzungen. Hier will ich zwei Positionen im Ranking ein wenig analysieren:

Zunächst die Bewertung von Alois Stöger, Bundesminister für Arbeit und Soziales, und dann Sebastian Kurz, Bundesminister für Europa, Integration und Äußeres. Der eine mit der Note 3,8 auf der fünfteiligen Notenskala, der andere mit 2,1. Warum ist das so?

Warum, Herr Koller (SN), bekommt Stöger von Ihnen die folgende Bewertung? "Personifizierte Reformverweigerung." Haben Sie sich schon mal informiert, welche Reformen er auf den Weg gebracht und abgeschlossen hat?

Warum, Frau Kittner (Kurier)? "Er erklärt seine Politik nicht, und er macht auch keine Politik." Ist das so oder würde ein zweiter Blick auf seine Politik vielleicht ein anderes Ergebnis bringen? Recherche vielleicht?

Ist ein Eintreten eines Ministers für Arbeit und Soziales für die Interessen der arbeitenden Menschen schlecht? Herr Jungwirth (Kleine Zeitung)? " Arbeitet mehr als Gewerkschafter als als Minister." Muss ein Minister vergessen, für wen er arbeitet?

Reicht es nicht einmal für Kritik aus der eigenen Position, Herr Weber (Trend)? "Abgängigkeitsanzeige: Wo ist er eigentlich?"

Solche Einschätzungen eines Ministers, der in den drei Ressorts, die er bisher geleitet hat, wirklich etwas weitergebracht hat, werfen Fragen auf: Welches Urteil kommt hier zustande? Hat dieses Urteil mit Fakten zu tun oder doch primär mit Gefühlen?

Ja, Stöger verkauft sich nicht, punktet nicht mit flotten Sprüchen und arbeitet, verhandelt – hart und kenntnisreich, wie alle sagen, die mit ihm unmittelbar zu tun hatten. Können das die Spitzenjournalisten der Printmedien nicht feststellen? Warum?

Demgegenüber der Held, Sebastian Kurz: "Wird es weit bringen. Die Frage ist: Wohin?" (Koller, SN) Ist das eine Qualität?

"Beherrscht Polit-Marketing, weiß auch, wie man regiert. Außenpolitik aber zu sehr von Innenpolitik getrieben." (Kittner, Kurier) Dafür gebührt natürlich eine gute Note.

"Größtes Talent am Markt. Stimmungsmacher, bisher Ein-Thema-Politiker. Vielseitigkeit muss er erst zeigen." (Kotanko, OÖ Nachrichten) Was ist daran gut?

"Sein Programm heißt Sebastian Kurz, er ist mit extrem hohen Erwartungen konfrontiert, muss Nerven bewahren." (Völker, STANDARD) Eine tolle Leistung.

"Vielleicht Europas bester Außenminister. Ist es Traum oder ein Trauma, das ihn dazu gemacht hat?" (Rainer, Profil) Sigmund Freud hätte seine Freud'. Bloß: Was war da die Leistung für diese Bewertung? (Der OSZE-Vorsitz-Erfolg war nicht absehbar.)

Heiße Luft zählt. Das scheint der Maßstab in diesen Beispielen. Was ist es, was Österreichs Bürgerinnen und Bürger von einer Regierung, von deren Regierungsmitgliedern erwarten? Sprüche eines jungen Machers von Stimmung? Oder harte Arbeit bzw. – wie es Weber bezeichnete – das beharrliche Bohren dicker Bretter?

Das hier ist keine vollständige Analyse der Bewertung der Regierungsmitglieder der Regierung Kern. Aber es ein Sittenbild des Journalismus sogenannter Qualitätsmedien in Österreich. Da ist vielleicht auch noch einiges Nachdenken angesagt. (Caspar Einem, 18.7.2017)

Caspar Einem, ehemaliger Minister für Inneres, Verkehr, Wissenschaften.

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