Vergewaltigungsprozess: Freispruch für den "schwarzen Mann"

Video18. Juli 2017, 15:40
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Ein 32-Jähriger soll eine Frau in einem Lokal mit K.-o.-Tropfen betäubt und später vergewaltigt haben. Er leugnet, seine Version ist lebensnah

Wien – Stimmt die Anklage, ist Modou J. ein widerwärtiger Zeitgenosse. Am Vormittag des 8. Oktober soll er einer Zufallsbekanntschaft im Café Concerto am Lerchenfelder Gürtel in Wien K.-o.-Tropfen in ihr Getränk gegeben haben. Und die fast Willenlose daraufhin in die Wohnung eines Freundes mitgenommen und dort vergewaltigt haben. Vor dem Schöffengericht unter Vorsitz von Petra Poschalko zeigt sich aber, dass die Anklage mehr als dünn ist.

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Ein 32-Jähriger musste sich am Dienstag wegen des Vorwurfs der Vergewaltigung vor Gericht verantworten. Er soll seinem Opfer K.O.-Tropfen verabreicht haben. Der Angeklagte beteuerte seine Unschuld und wurde freigesprochen.

"Die Sache ist unrund", beschreibt es Verteidiger Mirsad Musliu. Naturgegebenerweise, schließlich beruhen Urteile bei Vergewaltigungen fast immer darauf, wem der Senat eher glaubt. Gibt es Sachbeweise wie DNA-Spuren, ist die Version, es habe sich um einvernehmlichen Geschlechtsverkehr gehandelt, der Standard. Nur: In diesem Fall ist die Geschichte, die der unbescholtene Angeklagte erzählt, durchaus lebensnah.

Schöne Haare als Anziehungspunkt

Vor zwei Jahren kam der Mann aus Mali nach Österreich, wo er als Zeitungsausträger arbeitet. Am Tattag, einem Samstag, war er gegen sechs Uhr morgens in dem Lokal, erzählt er dem Gericht. "Ich bin an der Bar gestanden und habe eine Frucade getrunken. Plötzlich ist diese Frau gekommen, hat mir über den Kopf gestrichen und gesagt, dass ich schöne Haare habe."

Man sei ins Gespräch gekommen, sie habe ihn auf einen Wodka Red Bull eingeladen und sich ein Bier bestellt. "Dann ist sie mit ihrem Getränk weggegangen und hat sich zu einem Herrn gesetzt", erinnert sich der Angeklagte.

Dieser Herr war der Partner von Frau A., mit dem sie um sechs Uhr erschienen ist. Einem Türsteher, der als Zeuge auftritt, ist sie dabei in Erinnerung geblieben. "Wir haben ihren Begleiter durchsucht. Sie wollte dann unbedingt auch, dass wir sie durchsuchen, das haben wir aber abgelehnt." Was der Zeuge auch noch weiß: "Sie hat sich im Lokal königlich amüsiert. Ich nehme an, dass sie wen kennenlernen wollte."

Unmissverständliches Angebot

Ihr Begleiter brach zwei Stunden später auf, Frau A. blieb noch. Für den Angeklagten stellte sich die Situation so dar: "Sie ist dann wieder hergekommen und hat gesagt, sie hätte gerne Sex mit mir." Seine Reaktion: "Warum sagen Sie das, wenn Sie einen Freund haben?" – "Ich habe gerne Sex mit einem schwarzen Mann", soll die Antwort gewesen sein. "Ah ja, und Sie sind dann allzeit bereit?", fragt Vorsitzende Poschalko. "Nicht allzeit. Aber wenn mich jemand so anspricht?", sagt J. und zuckt mit den Schultern.

Nach diesem Angebot setzten er und die Frau sich zu seinem Freund an den Tisch, die Frau habe weitere Getränke geordert, Küsse seien ausgetauscht worden. Gegen 10.30 Uhr wurde es Zeit zu gehen. Hier kann wieder der Türsteher als unbeteiligter Zeuge etwas beisteuern: "Die Dame war alkoholisiert, aber nicht schwer. Sie wollte ihr Glas mitnehmen, das geht aber nicht, daher wurde das Getränk in einen Plastikbecher umgefüllt." Frau A. sei auch fröhlich gewesen und habe normal sprechen können.

Schwierige Vernehmung

In der Wohnung des Freundes des Angeklagten wurde noch Alkoholisches konsumiert, dann zog sich das Paar zurück. "Wir hatten normalen Sex", sagte der Angeklagte, der keine Schule besucht hat. "Was heißt das? Vaginal?", lässt Poschalko übersetzen. J. hat den Begriff noch nie gehört.

Auch die seltsame Frage der Staatsanwältin, ob die Frau einen Orgasmus hatte, lässt den Angeklagten ratlos zurück. Trotz mehrerer Übersetzungsversuche kann er mit diesem Konzept offenbar nichts anfangen. Was nicht gespielt sei muss: In Mali sind nach Schätzungen zwischen 80 und 90 Prozent der Frauen Opfer von Genitalverstümmelung.

Nach dem Geschlechtsverkehr sei man noch zusammengesessen, habe Telefonnummern ausgetauscht, dann habe er die Frau noch auf die Straße begleitet. "Waren Sie auch noch ein Eis essen mit ihr?", will die Vorsitzende wissen. "Nein", lautet die Antwort. Die Frau scheint das behauptet zu haben, sie kam jedenfalls am Nachmittag in ihre Wohnung zurück.

Seit neun Monaten in Therapie

Zwei Tage später ging sie dann ins Krankenhaus und erstattete eine Vergewaltigungsanzeige. Privatbeteiligtenvertreterin Sonja Aziz sieht im weiteren Geschehen einen Beleg für eine Vergewaltigung: "Wie erklären Sie sich, dass meine Mandantin einen Monat im Krankenstand war und seit 14. Oktober wegen einer posttraumatischen Belastungsstörung und Depression in Therapie ist?", hält sie J. vor. "Ich habe keine Ahnung. Vielleicht hat Sie sich mit ihrem Freund gestritten?"

Interessanterweise sind Gesichtsverletzungen bei Frau A. dokumentiert, weder dem Angeklagten noch seinem Freund noch dem Türsteher sind solche aber an diesem Samstag aufgefallen. Woher sie stammen könnten, erfährt die Öffentlichkeit nicht: Auf Antrag von Aziz wird diese während der Befragung der 46-Jährigen ausgeschlossen.

In dieser Aussage scheint der Senat ausreichende Widersprüche enteckt zu haben, er spricht J. rechtskräftig frei. Selbst die Staatsanwältin scheint überzeugt und verzichtet auf eine Berufung, die Entscheidung ist daher bereits rechtskräftig. (Michael Möseneder, 17.7.2017)

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