Algen, der "grüne Tsunami" der Bretagne

    Reportage17. Juli 2017, 09:00
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    Ausgerechnet zur Ferienzeit grassiert die Algenpest. Grund ist die Überdüngung der Böden durch die lokale Landwirtschaft

    Die "Pointe des Guettes" ist ein Geheimtipp für Bretonen: Der Sandstrand in einer kleinen Felsbucht ist zu Fuß nur durch eine steile Treppe erreichbar. Drei Burschen in Shorts, im Arm einen Ball, nehmen mehrere Stufen auf einmal und jauchzen bei jedem Sprung. Doch bei der Kette ist Endstation. Der Zugang zum Meer ist gesperrt, wie die Präfektur auf einem heruntergerissenen Dekret mitteilt. Enttäuscht macht sich das Trio auf zum nächsten Strand, in der Hoffnung, dass dieser noch offen ist, frei von der Algenpest.

    Denn deshalb ist die Pointe des Guettes seit ein paar Tagen geschlossen: Den Sand bedeckt ein dicker Teppich angeschwemmten Grünzeugs. André Ollivro hebt eine Handvoll hoch und stellt fest: "Dieser 'Salat' ist noch frisch." Der 72-jährige Naturschützer geht knöcheltief durch glitschigen Schlick. "Nicht gerade das, was das Herz des Urlaubers erfreut", meint er sarkastisch. "Diesen Sommer ist die grüne Plage schlimmer als in den Vorjahren."

    foto: stefan brändle
    Der 72-jährige Naturschützer André Ollivro kämpft seit Jahren gegen die Ursachen der Algenplage in der französischen Bretagne.

    Webcams für Touristen

    Das Tourismusbüro der Bretagne informiert sehr offen. An beliebten Stränden hat es Webcams installiert, sodass sich Reisende selbst ein Bild machen können. Im Büro von Saint-Brieuc erklärt eine Angestellte, nur eine Minderheit der Strände sei unbenützbar. "Außerdem sind die Algen ungefährlich und, wenn Sie wollen, gar essbar."

    "Essbar schon", sagt Ollivro, knurrt und fährt an einen anderen Abschnitt der weiten Bucht bei Hillion, wo er in einer ausgebauten Holzbaracke den Sommer verbringt. Möwen schreien an dem leeren, wie weiß getünchten Strand. Kaum macht der frühere Ingenieur von Gaz de France einen Schritt, bricht die helle Kruste ein. Darunter verrotten Grünalgen, die einen widerlichen Geruch verströmen. Es ist Schwefelwasserstoff, ein hochgiftiges Gas. "Drüben bei der Flussmündung sind schon Wildschweine umgekommen", zeigt Ollivro. "Und 2016 ein Jogger." Sie alle seien über den Algenteppich gerannt und wahrscheinlich durch die sonnengehärtete Kruste gebrochen, was die toxischen Dämpfe freigesetzt habe. Wer sie zu lange einatme, lasse sein Leben.

    foto: afp photo / damien meyer
    Unter der Algenpest leidet vor allem der Fremdenverkehr.

    Intensive Landwirtschaft

    "He, Sie!", ruft Ollivro einem Mann zu, der das Strandverbot missachtet. Der Angesprochene, ein Ire, beschwichtigt, er wolle sich nur die grüne Flut anschauen, von der alle redeten. Ollivro erzählt ihm auf seine Frage hin, dass die Algenplage auf die intensive Landwirtschaft zurückgehe.

    Nach dem Zweiten Weltkrieg habe General de Gaulle beschlossen, aus der Bretagne die Region der Tierzucht zu machen. Heute produziere sie ein Drittel aller französischen Hühner und Kälber, 60 Prozent der Schweine. Und da die Weiden überdüngt würden, gerate das nitrathaltige Wasser ins Meer und dünge gleich auch noch die Algen. "Ein heißer Vorsommer und geringe Gezeitenunterschiede fördern das Phänomen", beschließt der Physiker seinen Exkurs. "Schuld ist aber in erster Linie die Agrarchemie. Wegen ihr ist der Nitratgehalt pro Liter seit 1970 von fünf auf rund 35 Milligramm gestiegen."

    Ollivro warnt die Bretonen seit dreißig Jahren, als die Ulva armoricana, die bretonische Alge, vermehrt an die Strände geschwemmt wurde. Anfangs hörte niemand auf ihn; militante Bauern bedrohten ihn vielmehr und brachten Mist vor seine Hütte, ein anderes Mal einen geschossenen Fuchs.

    foto: afp photo / fred tanneau
    Unter anderem mit Traktoren versuchen die Bretonen der Pest Herr zu werden.

    "Bretone des Jahres"

    Angesichts der zunehmenden Schäden für Natur und Fremdenverkehr denkt der keltische Nordwestzipfel Frankreichs langsam um. 2009 wurde Ollivro zum Bretonen des Jahres gewählt. Als er diesen Sommerbeginn von einem "grünen Tsunami" sprach, übernahm das Regionalblatt Le Télégramme den Ausdruck. Die Zeitung ist wie die meisten Bretonen hin- und hergerissen zwischen den Landwirten, die es ohnehin schwer gegen die EU-Konkurrenz und Schlachthöfe in Osteuropa haben, und dem Fremdenverkehr. Beide Sektoren steuern rund acht Prozent zum Wirtschaftsaufkommen der Bretagne bei.

    Der Landwirtschaftsverband FNSEA verspricht seit langem einen schonenderen Nitrateinsatz. Regionsleiter Thierry Merret lehnt die behördlichen Vorgaben aber als zu radikal ab: "Wenn nur noch zehn Milligramm Nitrat pro Liter zugelassen sind, werden viele Bauerngüter dichtmachen."

    Ein erster, 2010 verabschiedeter Fünfjahresplan der Region vermochte die Algenzunahme nicht zu stoppen. Anfang Juli haben die Behörden weitere 55 Millionen Euro über fünf Jahre bewilligt: einerseits zum Einsammeln der Algen durch strandgängige Traktoren, andererseits zur Vorbeugung des Nitrateinsatzes.

    Ollivro glaubt aber, dass es nicht nur um den Düngereinsatz gehe. Nötig sei eine nachhaltige Umstellung, und zwar "Bauernhof um Bauernhof", um die Abhängigkeit von der Intensivproduktion zu mindern: "Und das wird viele Jahre in Anspruch nehmen, wenn es ernsthaft betrieben wird." Inzwischen hält der Naturschützer schon einmal eine deutsche Familie an, die mit ihren Elektrofahrrädern an den Strand fahren will. (Stefan Brändle aus Saint-Brieuc, 17.7.2017)

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