Chance für Österreichs Banken, sich neu zu erfinden

14. Juli 2017, 18:21
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Der Finanzsektor muss sich im Niedrigzinsumfeld behaupten. Die Oesterreichische Nationalbank sieht im verbesserten Risikoumfeld eine Chance, das Bankgeschäft zu modernisieren

Wien – Bei Hochwasser sehen altbekannte Landstriche auf einmal ungewohnt aus. Auch wer sicher im Rettungsring treibt, verliert rasch die Orientierung. Ähnlich geht es der österreichischen Bankenbranche und ihren Kunden. Seitdem die Europäische Zentralbank (EZB) zur Bekämpfung der Wirtschaftskrise über zwei Billionen Euro in die Märkte gepumpt hat, hat sich das übliche Geschäft der Banken gewandelt.

Die expansive Geldpolitik war erfolgreich, meint OeNB-Gouverneur Ewald Nowotny gleich zu Beginn der Präsentation des Berichts über die Stabilität des heimischen Finanzmarktes am Freitag in Wien. Die EZB wolle nicht den Markt verzerren und ein einheitliches Zinsniveau jenseits von Risikoabwägungen in der ganzen Eurozone schaffen. Vielmehr habe die Geldpolitik der Realwirtschaft ermöglicht, sich günstig zu finanzieren. Hier profitieren österreichische Firmen am meisten. Zinsen für Unternehmerkredite sind innerhalb der Währungsunion nirgendwo günstiger.

Weniger Risiko

Die Finanzinstitute profitieren wiederum durch den Abbau von Risiken. Insgesamt hat sich die Widerstandsfähigkeit des österreichischen Bankensektors im Jahr 2016 verbessert, heißt es im Bericht. Die Kapitalquoten wurden "deutlich erhöht". Allerdings bleiben diese Krisenpolster bei systemrelevanten Instituten weiterhin unterdurchschnittlich.

Dafür hat sich der Anteil an faulen Krediten ebenfalls reduziert. Vor allem im Osteuropageschäft ist der Anteil der Non Performing Loans (NPL) im Vorjahr deutlich gesunken. In Österreich machen die NPL nur mehr 3,5 Prozent am Gesamtvolumen aus. Insgesamt sind die Österreicher bei der Verschuldung etwas zurückhaltender. Die durchschnittliche Schuldenlast beträgt hierzulande rund 90 Prozent der verfügbaren Einkommen – im Schnitt der Eurozone sind es über 115 Prozent.

Dafür zeigen Österreicher bei der Wahl des Kredits mehr Risikofreude. Trotz günstiger Konditionen bestehen über 60 Prozent der neuen Kreditnehmer im Land auf eine variable Verzinsung. Das sind dreimal so viele wie im gesamten Euroraum.

Altlast Frankenkredite

Auch vergangene Spekulationsbereitschaft wirkt noch länger nach: Obwohl rückläufig, stellen Fremdwährungskredite weiterhin ein Risiko für den heimischen Bankensektor dar. Im April 2017 waren an Haushalte vergebene Fremdwährungskredite, in Höhe von 20 Milliarden Euro in den Bilanzen – fast alle in Schweizerfranken. Über zwei Drittel davon haben eine Restlaufzeit von über sieben Jahren.

Typischerweise sind diese Frankenkredite an einen Tilgungsträger gebunden. Das heißt, dass die Haushalte nur ihre Kreditzinsen zurückzahlen und gleichzeitig Geld etwa in eine Lebensversicherung investieren, um zum Ende der Laufzeit damit den Kredit tilgen zu können. Eine Rechnung, die nicht immer aufgeht. Die so entstehenden Deckungslücken seien zwar rückläufig, betragen aber insgesamt über sechs Milliarden Euro. Seit Juni gibt es in dem Bereich erweiterte Informationspflichten.

Zeitfenster für Modernisierung

Dank der positiven Entwicklung in Osteuropa haben sich die Risikokosten der heimischen Banken so stark reduziert, dass sich die Profitabilität verbessert hat. Diese historisch niedrigen Risikokosten müssen ihre Nachhaltigkeit noch beweisen, heißt es im Bericht.

Das Niedrigzinsumfeld kann keine Ausrede dafür sein, dass die heimischen Banken im EU-Vergleich ineffizient operieren, sagt Bankenexperte Arno Schreiber vom Beratungsunternehmen Horváth & Partners. Schließlich betrifft die lockere Geldpolitik alle Banken im Euroraum.

Kostentreiber im operativen Bereich sind nach wie vor die hohe Filialenzahl und der große Personalstand. In Österreich kommen 2100 Einwohner auf eine Bankfiliale. In Deutschland sind es immerhin 2400 und in den Niederlanden über 9000. Zwar ist die Zahl der Mitarbeiter 2016 auf unter 75.000 gefallen, der Rückgang geht aber langsamer voran, als im übrigen Europa.

Das positive Risiko-Umfeld bietet eine Chance für Strukturreformen. Wer weiß, wann die EZB den Hahn wieder zudreht. (Leopold Stefan, 15.7.2017)

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    foto: apa / herbert neubauer
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