Gustav Klimts "Apfelbaum II": Peinliche Chronik eines Irrtums

14. Juli 2017, 17:19
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Der Kunstrückgabebeirat bestätigt: Das Bild wurde 2001 an die falschen Erben übergeben. Offen bleibt, ob das nun in einer amerikanischen Privatsammlung beheimatete Bild überhaupt zu restituieren gewesen wäre

Wien – Am heutigen 14. Juli würdigt die Fachwelt gemeinhin Gustav Klimts Geburtstag. Grund zu feiern bietet der aktuell 155. aber nicht. Denn der Kunstrückgabebeirat veröffentlichte eine Stellungnahme, die zweifelsfrei Versäumnisse von Experten belegt. Die fatale Folge: 2001 wurde ein Gemälde an eine falsche Erbengruppe restituiert. Ob es überhaupt ein Rückgabekandidat gewesen wäre, ist ungewiss.

Gesichert ist, dass Klimt mehrere Apfelbäume malte. Jener von 1917 (Apfelbaum II) war 1961 über einen Rückstellungsvergleich (April 1949) mit Gustav Ucicky in den Bestand des Belvedere gelangt. Bis 1999 nannte die Fachliteratur August Lederer als Vorbesitzer. Eine Provenienz, die Hubertus Czernin in einem STANDARD-Artikel als falsch deklarierte, vielmehr habe Ucicky das Bild einst von Nora Stiasny erworben.

Gleichlautend fiel das von Monika Mayer als Provenienzforscherin des Belvedere verfasste Dossier aus, auf dessen Basis der Beirat im Herbst 2000 eine Rückgabe empfahl. Anfang 2001 fand Mayer im Staatsarchiv jedoch einen Hinweis, der diese Annahme ins Wanken brachte.

Konkret besaß auch Lederers Tochter Elisabeth Bachofen-Echt noch 1938 ein solches als Ölskizze bezeichnetes Motiv. Sie informierte ihren Vorgesetzten (Gerbert Frodl) sowie den Leiter der Kommission für Provenienzforschung (Ernst Bacher) und regte zusätzliche Recherche an.

Zweifel in den Wind geschlagen

Der Belvedere-Direktor befand ein Gutachten des hauseigenen Restaurators für ausreichend und schlug ebenso wie die Kommission Zweifel in den Wind. Im November 2001 wurde das Gemälde restituiert. Die Erben verkauften das von Auktionshäusern damals auf 20 Millionen Dollar geschätzte Werk und teilten den Erlös.

STANDARD-Recherchen zufolge wechselte es über Daniella Luxembourg in eine amerikanische Privatsammlung, dem Vernehmen nach in jene Leonard Lauders. Die Lederer-Spur geriet in Vergessenheit. Dann griff sie einer der Lederer-Erben auf und informierte die Kommission. Die Indizien, dass Apfelbaum II an die falsche Familie restituiert wurde, verdichteten sich und wurden im Juli 2015 öffentlich. Seither liefen Recherchen. Nun hat man Gewissheit.

Etwa auch darüber, dass sich Nora Stiasnys Gemälde, wie vom STANDARD im Juli 2016 berichtet, unter dem Titel Rosen unter Bäumen (1905) im Musée d'Orsay befindet. Das Pariser Museum wurde von der Kommission kontaktiert, bestätigt Eva Blimlinger. Indirekt ist man dort also informiert. Ein Rückgabegesetz gibt es in Frankreich nicht, gemäß den Washingtoner Prinzipien sollte jedoch eine Einigung mit den Stiasny-Erben gesucht werden.

"Peinlicher Vorgang"

Der Beirat bestätigt in seinem Bericht, dass sich Apfelbaum II "mit hoher Wahrscheinlichkeit" im Besitz von Elisabeth Bachofen-Echt befand. Nachweise für eine "belegbare Zuordnung" hätten sich nicht gefunden, Zeitpunkt und Umstände des Verkaufs an Ucicky "konnten nicht erforscht werden".

Ein "peinlicher Vorgang", bestätigte Kulturminister Thomas Drozda dem Kurier (14.7.), wobei den damals Involvierten kein "schuldhaftes Verhalten" nachweisbar wäre. Die Einschätzung der Rechtslage übertrug er jetzt der Finanzprokuratur. Eine Reaktion der Lederer-Erben ist absehbar. (Olga Kronsteiner, 14.7.2017)

  • Gustav Klimts "Apfelbaum II" wurde 2001 an die Erben nach Stiasny restituiert. Ein Irrtum. Es dürfte der Familie Lederer gehört haben.
    foto: apa/barbara gindl

    Gustav Klimts "Apfelbaum II" wurde 2001 an die Erben nach Stiasny restituiert. Ein Irrtum. Es dürfte der Familie Lederer gehört haben.

  • Klimts "Rosen unter Bäumen" (1905) gehörte einst Nora Stiasny und hängt heute im Musée d'Orsay in Paris.
    foto: klimt-archiv wien

    Klimts "Rosen unter Bäumen" (1905) gehörte einst Nora Stiasny und hängt heute im Musée d'Orsay in Paris.

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