Michal Budny: Die vielen Hüllen des nicht zu Fassenden

15. Juli 2017, 12:00
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Die Galerie nächst St. Stephan zeigt Arbeiten des Künstlers: "The Song of Skull"

Angesichts jener Objekte, die einen aktuell in der Galerie nächst St. Stephan begrüßen, fühlt man sich ein wenig wie die Steinzeitmenschen am Beginn von Stanley Kubricks 2001: Odyssee im Weltraum. Mit einem schwarzen Monolithen, wie er die Vormenschen in diesem Film einschüchtert, hat man es zwar nicht zu tun, dafür aber mit zwei martialischen Konstrukten aus dicken Vierkantstahlrohren.

In aller Schnörkellosigkeit ragen diese symmetrisch gebauten Objekte aus der Hand des Künstlers Michal Budny über Kopfhöhe auf. Das eine erinnert an eine Pyramide ohne Spitze, das andere ähnelt einem Körper gewordenen X und scheint die fehlende Spitze des ersten zu integrieren. In sich ruhend stehen sie da und geben uns Vormenschen nur wenig Aufschluss darüber, was sie bedeuten könnten, während sie gleichzeitig unzweideutig mit einer Symbolik des Machtvollen kokettieren.

Erscheinen einem Budnys minimalistische Skulpturen als Anachronismen innerhalb einer archaischen Atmosphäre, so mag das im Übrigen auch am Titel seiner Schau liegen, The Song of Skull. Daran, dass der Schädel ein Resonanzkörper ist, erinnert der Beipacktext, zugleich weckt er aber auch Assoziationen zum Klang als einer der Ur-Ausdrucksformen des Menschen. Wenn der 1976 in Warschau geborene Künstler die drei Teile seiner Schau "Hymnen" auf den "Weg", das "Zuhause" und den "Anfang" nennt, so sind damit durchaus überzeitliche Dinge gepriesen.

Die Formen des Formlosen

Wer gedanklich in der Vorzeit bleiben möchte, kann ein Objekt im zweiten Raum dann als Feuerstelle interpretieren: Vier längliche Quader aus schwarzem Karton ragen in eine kreisrunde Fläche desselben Materials. An einen monumentalen Aschenbecher mit vier Zigaretten könnte man auch denken. Jedenfalls bildet dieses Objekt (At Home, 2017) in seiner Fragilität sichtlich einen Kontrapunkt zu den eingangs erwähnten martialischen Monumenten.

Tatsächlich ist die Leichtigkeit, die sich hier als "Hüllenhaftigkeit" zeigt, für Budny ein entscheidendes Motiv. Immer wieder befasste sich der Künstler mit der skulpturalen Annäherung an die Wirklichkeit in vieldeutigen Objekten. Nicht nur Gegenständen nahm er sich dabei an, sondern auch ungreifbareren Dingen wie der Stimme, der Erinnerung oder eines Sonnenstrahls.

Fragen des In-Form-Bringens thematisiert Budny auch, wenn er Betrachtern in der Galerie nächst St. Stephan außerdem eine Reihe von (geöffneten) Hüllenobjekten zur Kontemplation zur Verfügung stellt. Nebst einer ei-artigen Kugel aus Gummi findet sich etwa die aufgerissene Verpackung einer Seife oder der leere Umschlag eines Notizbuchs (Masks, 2017).

Mögen diese Objekte vom Prekären des Versuchs erzählen, das Ungreifbare zu fassen, so könnte man die Skulptur im dritten Raum als Synthese des Martialischen und des Zerbrechlichen lesen: einen telefonzellengroßen "Käfig" aus rostigem Stahl von symmetrischer Ornamentik. (Roman Gerold, 15.7.2017)

Bis 26. 8.

Galerie nächst St. Stephan

Grünangergasse 1, 1010 Wien

www.schwarzwaelder.at

  • Ein Käfig für die Unendlichkeit? Schlicht "8" (2017) nannte Michal Budny dieses Objekt.
    foto: markus wörgötter / galerie nächst st. stephan

    Ein Käfig für die Unendlichkeit? Schlicht "8" (2017) nannte Michal Budny dieses Objekt.

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