"Ein Märchen nach einer Horrorzeit"

Interview15. Juli 2017, 01:35
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Partner futsch, schwere Verletzungen, schlechte Ärzte: Trotzdem greift Oliver Marach im Doppelfinale von Wimbledon nach seinem ersten Grand-Slam-Titel

Oliver Marach kann als zweiter Österreicher nach Jürgen Melzer (2010) den Doppel-Titel in Wimbledon holen. Das Doppelfinale gegen Lukasz Kubot und Marcelo Melo startet um 17 Uhr MESZ (live Sky Sport; für Nicht-Abonnenten online via www.skyticket.at)

STANDARD: Ein langes Tennis-Doppel fordert viel Konzentration. Sie haben mit ihrem Partner Mate Pavic fast fünf Stunden gebraucht, um das Finale in Wimbledon zu erreichen. Geht es da am Ende noch darum, wer die besseren Schläge hat oder entscheidet nur mehr der Kopf über Sieg oder Niederlage?

Oliver Marach: Es war eine rein mentale Herausforderung. Das Spiel hat viel zu lange gedauert. Beide Seiten haben sehr gut serviert, es war aber nicht unsere beste Partie im Turnier.

STANDARD: Sie waren im fünften Satz bereits mit einem Break hinten.

Marach: Das Break kassierten wir mit drei Rahmenbällen des Gegners, zwei davon waren Lobs mit dem Rahmen. So viel Pech in einem Game habe ich selten erlebt. Aber im Doppel kann es schnell gehen. Der Gegner macht einen Doppelfehler, vergibt einen vermeintlich leichten Volley, wir retournieren zweimal stark und das Spiel ist wieder offen.

STANDARD: Kommt der Finaleinzug in Wimbledon überraschend für Sie?

Marach: Ich habe vor dem Turnier nicht gewusst, ob ich wegen meinem Handgelenk überhaupt spielen kann. Mir wurde Blut und Flüssigkeit aus dem Gelenk gesaugt. In Antalya musste ich in der Vorwoche noch aufgeben, weil die Schmerzen so stark waren. Das ist jetzt wie in Märchen nach einer Horrorzeit.

STANDARD: Sie haben seit dem Winter viele Niederlagen auf der Tour einstecken müssen.

Marach: Mein Winter war eine Katastrophe. Ich hatte zwei Bandscheiben-Einrisse im Kreuz. Darauf folgte eine verpfuschte Operation in Panama. Die Ärzte diagnostizierten einen zwei Zentimeter langen Einriss im Gesäßmuskel. Nach einer Plasma-OP ging der Schmerz aber nicht weg. Erst vor den Australien Open erfuhr ich, dass es eine Entzündung in einem anderen Bereich war, die den Schmerz verursacht hatte. Die Ärzte in Panama wollten einfach nur Kohle mit mir machen.

STANDARD: Mit Fabrice Martin ist Ihnen nach gemeinsamem erfolgreichen letzten Jahr ihr Doppelpartner abhanden gekommen. Eine Trennung, die beide wollten?

Marach: Nein. Fabrice hat sich im März von mir getrennt, weil ich für ihn nicht gut genug war. Das war bitter, weil ich glaube, dass wir noch mehr miteinander erreichen hätten können. Danach fing ich an mit Mate Pavic auf der Tour an. Unser Zusammenspiel lief am Anfang sehr unrund. Es gab Überlegungen, ob wir es nicht lieber lassen sollten, in Wimbledon haben wir uns aber enorm gesteigert.

STANDARD: Sie haben ihr erstes Grand-Slam-Finale erreicht. Warum gerade in Wimbledon?

Marach: Ich habe das Spiel auf Rasen eigentlich immer gehasst. Im Einzel wusste ich nie, wie man auf Rasen ein Spiel gewinnt. Mittlerweile habe ich aber Service und Volley verbessert und auch die Seite gewechselt beim Return. Seit der zweiten Runde tut mir auch mein Handgelenk nicht mehr weh, ich arbeite jeden Tag mit einem Osteopathen und nehme prophylaktisch Schmerztabletten. Es fühlt sich wieder gut an, auf dem Platz zu stehen und zu gewinnen.

STANDARD: Sie treffen im Finale auf ihren Ex-Doppelpartner Lukasz Kubot. Mit dem Polen hatten Sie ihre erfolgreichste Zeit, qualifizierten sich 2009 und 2010 für das ATP-Finale der acht besten Doppel. Hat man noch Geheimnisse vor einander auf dem Platz?

Marach: Wir kennen einander in- und auswendig. Kubot bildet mit Marcelo Melo das beste Doppel in dieser Saison. Sie haben heuer bereits fünf Turniere gewonnen, Melo ist die Nummer eins der Welt. Wir müssen uns anschnallen, wenn wir gewinnen wollen. Aber die große Chance ist da. (Florian Vetter, 14.7.2017)

Zur Person:

Oliver Marach (36) ist 15-facher ATP-Turniersieger im Doppel, in seiner fast 20-jährigen Karriere hat er 2,5 Millionen Dollar Preisgeld eingespielt

  • Oliver Marachs erstes Halbjahr 2017 war bisher ein Horror. Nun mündet es in ein Märchen.
    foto: apa/fohringer

    Oliver Marachs erstes Halbjahr 2017 war bisher ein Horror. Nun mündet es in ein Märchen.

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