Julya Rabinowich: Gaffer from Hell

Kolumne14. Juli 2017, 17:00
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Heute kann jeder Trottel sein Handy zücken und drauflosfilmen, als wäre das, was sich vor der Linse seiner Kamera abspielt, kein Notfall sondern ein aufregendes Schauspiel

Ein vermutlich schon jahrtausendealtes Phänomen hat im Medienzeitalter ein äußerst ungutes Update erhalten.

Es handelt sich um jene widerliche Verhaltensweise, die man immer wieder an Orten von Gewalttaten oder Unfällen beobachten kann; um jene Gaffenden, die blöd in der Gegend herumstehen und dabei zumeist auch noch die Arbeit der Helfenden, der Rettungskräfte und Exekutive behindern.

Vermutlich gab es schon in der Steinzeit jene Arschlöcher, die Opfer von Dinosauriertritten regungslos und dämlich glotzend umringten, statt ihnen zu helfen. Aber früher konnten die Endergebnisse dieser Gafferei maximal auf Höhlenwänden eingeritzt an die Menschheit weitergegeben werden, was immerhin wenigstens einen kreativen Akt erfordert hätte.

Heute hingegen kann jeder Trottel sein Handy zücken und drauflosfilmen, als wäre das, was sich vor der Linse seiner Kamera abspielt, kein Notfall und keine Tragödie, sondern ein aufregendes Schauspiel. So geschehen beim Fall jenes Asylwerbers, der versuchte, sich in die Stromleitung zu werfen; und wieder geschehen bei einem der tragischsten Unfälle in Wien: jener Schwangeren, die mit ihrem Kleinkind am Arm von der Straßenbahn erfasst und getötet wurde.

Die von allem Menschlichen verlassenen Handyzücker filmten teils aus nur 30 Zentimeter Entfernung das Sterben der Mutter, das Bergen des verletzten Kindes, wobei sie Rettungsversuche behinderten. Das per Kaiserschnitt auf die Welt geholte, reanimierte Baby verstarb wenig später. Vielleicht wäre es anders ausgegangen, wenn der Mob Abstand gehalten hätte. Vielleicht hat die junge Frau noch etwas davon mitbekommen. Vielleicht auch nicht.

Zur Hölle mit solch empathie- und anstandslosen Menschen! Rachegedanken helfen im Nachhinein natürlich niemandem mehr. Und dennoch wünscht man den sozial gestörten Idioten, dass sie ab jetzt nächtlich fleißig von Geistern von Mutter und Kind heimgesucht werden. Wer andere nicht einmal im Ableben respektiert beziehungsweise bei diesem Ableben behilflich ist, hat nichts Besseres verdient. (Julya Rabinowich, 14.7.2017)

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