Peking verstärkt nach Tod Liu Xiaobos die Kontrollen

14. Juli 2017, 09:40
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Trauernde spielen mit der Zensur Katz und Maus im Internet. Internationale Appelle fordern Freilassung der Witwe

Es war die Justizverwaltung von Shenyang, die als erste die Nachricht vom Tod Liu Xiaobos auf ihrer Webseite gegen 21 Uhr Ortszeit in der Nacht auf Freitag veröffentlichte. Das Krankenhaus, in dem der 61-Jährige behandelt wurde und wo er an Leberkrebs starb, musste in den Hintergrund treten. Die Behörde hatte nach Lius Tod wieder das Sagen. Schon ihr zweiter Satz stellte klar, dass der Nobelpreisträger in Chinas Augen ein wegen versuchten Staatsumsturzes zu elf Jahren Haft verurteilter Verbrecher gewesen sei. Die Meldung nannte nicht einmal den Zeitpunkt seines Todes.

Den durften danach um 23 Uhr die Shenyanger Ärzte nennen. Liu starb "ohne Schmerzen" nachmittags um 5.35 Uhr, informierten sie auf einer Pressekonferenz Journalisten vor Ort, darunter der Nachrichtenagentur Reuters. An seinem Sterbebett saßen seine Frau Liu Xia, seine Brüder Liu Xiaoguang und Liu Xiaoxuan sowie weitere Familienangehörige. Lius letzte Worte an seine Frau waren: "Haohao huoxiaqu" (Lebe gut weiter). Die am Freitag veröffentlichte chinesische Fassung der Pressekonferenz ließ alle persönlichen Details aus und nannte nur die medizinische Hilfe, die die Ärzte ihm leisteten.

Anspielungen an Tiananmen

Doch trotz spärlicher Informationen und ausgefeilter Internetzensur konnten Pekings Behörden Sympathiebekundungen der Öffentlichkeit für Liu nicht verhindern. Sie kamen in Form von Anspielungen und der in China beliebten Zahlensymbolik – etwa zum anfangs nicht genannten Zeitpunkt seines Todes. Plötzlich schrieben Blogger, er sei am Abend um 6.40 Uhr gestorben. Die Zahlen Sechs und Vier stehen online als Synonym für den 4. Juni 1989, an dem das Massaker des Tiananmen passierte. Als sich dann die wirkliche Todeszeit 5.35 Uhr herumsprach, war die Symbolik dieser Zahlen noch stärker. 35. 5. oder der 35. Mai ist eine Formel, um an der Zensur vorbei den 4. Juni zu nennen. Einer schrieb: "Das ist ein Himmelszeichen."

Chinas scharfe Onlinekontrollen unterbanden direkte Solidaritäts- und Trauerbekundungen, selbst das Anzünden virtueller Kerzen für Liu. Der Name Liu Xiaobo und Abkürzungen wie "LXB" werden bei der Internetsuche automatisch blockiert. Nur mit manchen Proxy-Servern oder VPN lassen sich Pekings raffinierte Firewalls überwinden. Die Mehrheit der Nutzer, die kein VPN haben, müssen daher mit den Zensoren Katz und Maus spielen. Online-Fotos zeigten Möwen mit der Unterzeile "Freier Flug". Alle wussten, dass Liu gemeint war. Kommentare lauteten: "Der Körper ist tot, aber die Seele ist frei." Karikaturen "ohne Worte" zeigten einen offenen Käfig, aus dem der Vogel mit seinen Lorbeerblättern herausgefallen ist. Manche Blogger verwendeten auch Fotos von einem "leeren Stuhl" als Anspielung auf den Nobelpreis, zu dessen Annahme Liu nicht nach Oslo fahren durfte. Sie schrieben: "Wir salutieren dem leeren Stuhl."

Appelle gegen Sippenhaft

Inzwischen haben Politiker im Ausland, Menschenrechtsorganisationen wie Amnesty International und Hongkonger Initiativen Appelle an Pekings Führung gerichtet, Lius Frau freizulassen. Die heute 56-jährige Malerin wurde nach der Verurteilung ihres Mannes vom Jahr 2010 an in rechtswidriger Sippenhaft im Pekinger Hausarrest festgehalten. Neben US-Außenminister Rex Tillerson forderte auch Deutschlands Außenminister Sigmar Gabriel "die chinesische Regierung mit Nachdruck auf, Liu Xia und ihr Bruder Liu Hui sollten umgehend nach Deutschland oder ein anderes Land ihrer Wahl ausreisen dürfen, wenn sie dies wünschen".

Chinesische Medien durften auch am Freitag nicht über Liu berichten. Zur Ausnahme wurde erneut die englischsprachige Ausgabe des Propagandablatts "Global Times". Sie erschien mit einem Leitartikel, wonach Liu "ein Opfer der Irreführung des Westens" geworden ist. Die Parteizeitung attackierte besonders die Behörden der USA und Deutschlands, den Fall Liu zu politisieren. Sie verstieg sich zur grotesken Anschuldigung, dass die Einmischung des Auslands Lius kritischen Zustand wegen seiner emotionalen Aufregung noch verschlimmert haben könnte. Ausländische Kräfte "nutzten Lius Krankheit aus, um so ihr eigenes Ansehen zu verbessern und China zu dämonisieren". Der Westen hätte Liu früher schon für seine Ziele "gekidnappt", als er ihm den Nobelpreis verlieh. (Johnny Erling aus Peking, 14.7.2017)

  • Zeitungen in Taiwan berichteten ausführlich über den Tod Liu Xiaobos. In China mussten die Medien schweigen.
    foto: apa / afp / sam yeh

    Zeitungen in Taiwan berichteten ausführlich über den Tod Liu Xiaobos. In China mussten die Medien schweigen.

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