Vorbildwirkung: Wie das Alltagsverhalten der Eltern die Kinder prägt

Blog14. Juli 2017, 11:00
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Auch in Konfliktsituationen müssen Eltern ein Vorbild für ihre Kinder sein, denn diese übernehmen die Werte der Bezugspersonen

Bei einem Einkauf in einem Supermarkt kam es zu einem Konflikt zwischen einer Frau und einer Mutter. Wenige Kinder waren im Supermarkt und die, die mit Erwachsenen unterwegs waren, versuchten sich selbst zu beschäftigen. Sie liefen durch Gänge oder füllten so viel, wie sie konnten, in den Einkaufswagen. Das Kind räumte ein, Mama oder Papa räumte wieder aus. Dazu gab es wütendes Geschrei des Kindes und einen hochroten Kopf der Bezugsperson.

Nach dem Einkauf holte die Frau auf dem Parkplatz ihren Schlüssel aus der Hosentasche, als ihr 50 Cent auf den Boden fielen. Eine junge Mutter hinter ihr hob die 50 Cent auf und sagte zu ihrem Sohn: "Sag mal, kannst du deine 50 Cent nicht besser in die Hosentasche stecken?"

Die erstaunte Frau meinte darauf: "Das ist mein Geld. Ich habe die Münze verloren, als ich den Autoschlüssel aus der Hosentasche gezogen habe." Der kleine Bub hielt der Geldbesitzerin die Münze hin. Daraufhin entgegnete aber dessen Mutter erbost: "Wie können Sie nur so unverschämt sein und einem Kind sein Geld wegnehmen wollen?" "Das ist nicht meins", sagte der Junge zu seiner Mama. Sie sah ihr Kind nicht an, ging nicht auf das Gesagte ein. "Wir gehen jetzt! Sie sollten sich was schämen!"

Hier geht es nicht ums Geld

Die Frau entgegnete etwas unfreundlich, dass die Mutter doch kurz nachdenken möge, was sie ihrem Kind da beibringen würde, doch dann schnauzte die Mutter abermals zurück. Die sichtlich von der Frechheit der Mutter betroffene Frau kehrte zurück zu ihrem Auto.

Was hat die Mutter dazu bewogen, ihrem Kind gegenüber so ein miserables Vorbild zu sein? Und wie würde sie ihrem Kind im Nachhinein wohl diese ganze verworrene Situation erklären? Vielmehr noch als die Frage nach der Motivation der Erwachsenen beschäftigt aber die Frage nach dem Befinden des Kindes.

Aber betrachten wir die Situation mal aus den unterschiedlichen Blickwinkeln: Da ist die Mutter, die das Geld aufhebt und ihren Sohn zurechtweist, dass er besser aufpassen solle. Eine Mutter, die eine fremde Frau beschuldigt, dass diese ihrem Sohn seine 50 Cent wegnehmen wolle. Hat sie vielleicht nicht bemerkt, dass die 50 Cent aus der Hosentasche der Frau gefallen sind, oder hat sie beschlossen, das Geld zu behalten, und ihren Sohn als Vorwand vorgeschoben?

Egal aus welcher Motivation heraus sie so gehandelt hat, es war schlichtweg nicht richtig und der Frau und auch ihrem eigenen Sohn gegenüber unfair. Da ist der kleine Bursche, der von der Mutter geschimpft wird für etwas, das er nicht gemacht hat. Der feststellt, dass es nicht sein Geld ist und es zurückgeben möchte. Der vermutlich nicht versteht, wieso seine Mutter so reagiert, und ganz verwirrt ist. Der offensichtlich weiß, was "richtig" und "falsch" ist.

Hier ergibt sich für den Buben ein zweifacher Loyalitätskonflikt: Einerseits weiß er, dass seine Mama Unrecht hat, weil es nicht sein Geld ist. Andererseits kommt es zwischen den beiden Frauen zu einer kleinen Auseinandersetzung – obwohl das Kind weiß, dass die Mutter die Unwahrheit spricht, "muss" es gefühlsmäßig doch zu dieser halten und ihr beistehen.

Da ist die Frau, der die 50 Cent aus der Hosentasche gefallen sind. Die sich umdreht und erwartet, dass sie das Geld zurückbekommt. Die die Idee hatte, den Kleinen für seine Ehrlichkeit zu belohnen und ihm die 50 Cent zu schenken. Die gegenüber einem kleinen Kind der Unehrlichkeit und des Diebstahls bezichtigt wird. Die ganz perplex ist von der Reaktion der Mutter. Und die – aus Rücksicht auf das Kind – keine Eskalation der Situation zulässt. Die der jungen Frau rät, darüber nachzudenken, was sie bei ihrem Kind mit ihrem Handeln bewirkt, und dann zu ihrem Auto geht.

Vorbild für das Kind

Hier geht es darum, was für Vorbilder Kinder erleben und welche Grundsätze ihnen mitgegeben werden. Da geht es um Ehrlichkeit und Charakter und darum, dass es wichtig ist, Kindern beizubringen, was Eigentum bedeutet und wo Grenzen gesetzt werden können, ja sogar müssen.

In einer Welt der Gedankenlosigkeit bekommen diese Kinder gar keine Möglichkeiten, ein Unrechtsbewusstsein zu entwickeln. Das Gewissen eines Menschen bildet sich aus, indem Kinder Werte der Bezugspersonen übernehmen. Das heißt, die Gewissensentwicklung hängt ganz davon ab, welche Aktionen und Reaktionen das Kind beobachtet, vorgelebt bekommt und erlebt.

In manchen Situationen geht es nicht um die Sache selbst, sondern um die Werte, die dem eigenen Handeln zugrunde liegen, und die Vorbildwirkung, die diese Aktionen und Reaktionen der Bezugspersonen auf Kinder haben.

Ihre Erfahrungen?

Haben Sie eine ähnliche Situation schon mal erlebt? Wie vermitteln Sie Ihren Kindern "dein und mein", "Recht und Unrecht"? Posten Sie Erfahrungen und Ideen im Forum! (Andrea Leidlmayr, Christine Strableg, 14.7.2017)

Andrea Leidlmayr und Christine Strableg bloggen auf derStandard.at/Familie und geben Eltern Tipps für den täglichen Erziehungsalltag.

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