Scheidungsväter: Ja zu sich selber sagen

    Kolumne16. Juli 2017, 17:00
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    Wie es dem Vater gelingt, sein eigenes Leben nach der Scheidung zu gestalten, und wie er damit seinen Kindern eine wichtige Botschaft vermittelt

    Frage:
    Ich bin eine 33-jährige geschiedene Mutter eines sechsjährigen Mädchens. Mein Mann und ich teilen uns das Sorgerecht und die Zeiten mit unserer Tochter. Vor etwas mehr als einem Jahr lernte ich einen Mann kennen, der nun mein Freund ist. Er ist seit drei Jahren geschieden und hat zwei Kinder, ein Mädchen mit zwölf und einen Buben mit sechs Jahren. Die beiden leben zur Hälfte bei ihm, wobei seine Ex-Frau ganz in der Nähe wohnt und es grundsätzlich keine Probleme gibt.

    Vor kurzem haben wir begonnen, uns gemeinsam mit unseren Kindern zu treffen. Manchmal besuche ich ihn, wenn seine Kinder bei ihm sind, und manchmal sehen wir uns gemeinsam mit all unseren Kindern. Meine Tochter versteht sich mit seinen Kindern sehr gut. Mir fällt aber auf, dass die ältere Tochter meines Freundes auf mich eifersüchtig ist.

    Sie verfolgt ihren Vater regelrecht, damit ich nicht in seine Nähe kann. Wenn wir zum Beispiel alleine einen Spaziergang machen wollen, quetscht sie sich zwischen uns und will mitkommen. Im Alltag verstehen wir uns dennoch gut, backen gemeinsam, gehen schwimmen, spielen miteinander. Wenn ihr Vater zu Hause ist, hört sie auf mitzuhelfen.

    Ich weiß leider zu wenig über die Ex-Frau und Familie meines Freundes, aber ich glaube, er tut wirklich alles für sie. Dennoch spricht er nicht mit mir über die Beziehung zu seiner Tochter und darüber, wie es ihm damit geht. Vielleicht sollte er mit ihr reden und ihr sagen, dass er sie liebt, aber auch mit mir als seiner Freundin zusammen ist und bleiben möchte. Ehrlich gesagt weiß ich gar nicht, wie sie über mich denkt. Es würde mir sehr helfen, wenn ich besser in Kontakt mit ihr kommen könnte, um sie zu verstehen. Aber wie mache ich das? Vor allem in Hinblick darauf, dass wir bald zusammenziehen möchten?

    Antwort:
    Wie der Vater in Ihrer Geschichte gehen leider viele geschiedene Männer mit ihren Kindern um, wenn sie den Schmerz und die "Schuld" über die Scheidung ausgleichen möchten. Sie belohnen ihre Kinder und vergeben ihnen ständig alles. Es ist eine schwierige Situation, denn diese Männer und Väter haben die Moral auf ihrer Seite: Sie sind lieb und nett, gewillt, Kompromisse einzugehen, und beinahe das Gegenteil von egoistisch. Es scheint, als wären diese Männer die moralischen Gewinner.

    Allerdings sind sie die Verlierer, was die Beziehung zu ihren Kindern betrifft. Und auch was bestehende und künftige Partnerschaften betrifft. Sie versuchen oft, überlegt und diplomatisch zu handeln, leiden aber letztlich darunter, dass alle Betroffenen von einer – wie ich es bezeichne – starken Entzündung betroffen sind. Nicht zuletzt auch der Vater selbst.

    Die Tochter Ihres Freundes handelt nicht egoistisch. Sie fühlt sich nur in der Beziehung zu ihrem Vater alleingelassen und glaubt, dass es etwas gibt, das sie von ihrem Vater nicht bekommt. Ihr Dilemma ist, dass sie ihren Vater schon sehr lange Zeit so liebt, wie sie ihn liebt, und dass sie gelernt hat, dass auch ihr Vater seine Liebe ihr gegenüber so zeigt, wie er sie zeigt. Solange diese Art der Liebe für sie dauerhaft unbefriedigend ist, wird sie trotzdem konstant mehr und mehr davon einfordern – in der Hoffnung, dass sich das Gefühl verändert. Leider funktioniert das nicht.

    Es ist an der Zeit, dass Ihr Freund den Charakter der Beziehung zu seiner Tochter ändert. Es braucht Mut, in der Tochter-Vater-Beziehung ein aktiver Part zu sein und die Wünsche und Bedürfnisse der Tochter wirklich wahrzunehmen. Wenn Ihr Freund sich zutraut, diese Veränderung anzugehen, wird es gut gelingen. Möglicherweise wird es zunächst etwas Angst verursachen.

    Er muss sich der existenziellen Herausforderung stellen, sich darüber klar zu werden, wer er ist und ob dieses Ich sich von seiner bislang gelebten Überlebensstrategie unterscheidet. Er, Sie und auch ich haben ja unsere guten Gründe, warum wir so sind, wie wir sind – und wir sollten uns nicht dafür schämen.

    Das fordernde und unreife Verhalten der Tochter ist also ein Geschenk für Ihren Freund, für ihn als Vater und Mann. Eine Herausforderung, die ihn entweder in die Knie zwingt oder ihn dazu bringt, sich in voller Größe zu zeigen und den Platz in seinen Beziehungen zu Frauen einzunehmen, den er braucht.

    Dieser Entwicklungsprozess mag, so wie Sie es vorschlagen, mit einer ernsthaften Unterhaltung mit seiner Tochter beginnen. So wie es für Sie an der Zeit ist, mit ihr über Ihre Beziehung zueinander zu sprechen. So lange Sie jedoch die Tochter als ichbezogen wahrnehmen, können Sie sie einladen, mit Ihnen darüber zu sprechen, wie sie Sie wahrnimmt und was sie über die Beziehung zu ihrem Vater denkt und wie ihre Gefühle dazu sind. Sie können sie auch fragen, wie sie sich diese in Zukunft vorstellt. Seien Sie beruhigt, wenn Sie beide dabei einen gemeinsamen Wunsch entdecken – nämlich den, dass dieser Mann aufhört, selbstdestruktiv zu sein.

    Egal ob Ihr Freund seinen Stil schnell oder langsam verändern kann – seine Tochter wird in den ersten Monaten mit Protest und Unzufriedenheit reagieren. Ihr Freund braucht deshalb Ihre Unterstützung und Inspiration, um sich weniger in die Gefühlszustände seiner Tochter hineinsaugen zu lassen und mehr an ihr Wohlergehen und ihre gesunde Entwicklung zu denken. Wenn er spürt, dass es für alle besser ist, wenn er in seiner Beziehung zu seiner Tochter authentischer ist, so ist die momentane Reaktion seiner Tochter darauf nicht ganz so wichtig.

    Es ist wichtig, Ja zu sich selbst zu sagen und es auch zu spüren. Dieses Ja zu sich kann manchmal auch ein Nein zu jemand anderem bedeuten. In Ihrem Fall ist Ihr Nein ein Geschenk für Ihren Freund, denn er darf in weiterer Folge auch Nein zu seiner Tochter sagen, wenn sie sich zum Beispiel zwischen Sie beide drängt. Das gegenseitige Annehmen eines Nein ist die Basis für die Wertschätzung der eigenen Bedürfnisse und jener der anderen.

    Vielleicht ist Ihr Freund ein wunderbarer Partner, der diese Probleme nur in der Beziehung zu seiner Tochter erfährt. In diesem Fall muss er sich entscheiden und auch Ihnen gegenüber verdeutlichen, dass es ist, wie es ist und sich vielleicht nicht ändern wird. Es liegt dann an Ihnen, ob Sie mit dieser Tatsache leben möchten. Aber niemandem wird damit gedient sein, wenn seine Tochter sich als "Ihr Problem" etabliert. (Jesper Juul, 16.7.2017)

    Jesper Juul, geboren 1948 in Dänemark, ist Lehrer, dänischer Gruppen- und Familientherapeut, Konfliktberater und Buchautor. Er studierte Geschichte, Religionspädagogik und Europäische Geistesgeschichte. Statt die Lehrerlaufbahn einzuschlagen, nahm er eine Stelle als Heimerzieher und später als Sozialarbeiter an und ließ sich zum Familientherapeuten ausbilden. Er ist Begründer des Family Lab.

    Auf derStandard.at/Familie beantwortet Jesper Juul alle zwei Wochen Fragen über Erziehung, Partnerschaft und Familienleben. Die nächste Kolumne erscheint am 30. Juli 2017.

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      Das Verhalten ihrer Kinder kann Scheidungsväter entweder in die Knie zwingen – oder sie dazu bringen, sich in voller Größe zu zeigen.

    • Der dänische Familientherapeut, Autor und STANDARD-Kolumnist Jesper Juul.
      foto: family lab

      Der dänische Familientherapeut, Autor und STANDARD-Kolumnist Jesper Juul.

    • Diese Serie entsteht in Kooperation mit Family Lab Österreich.
      foto: family lab

      Diese Serie entsteht in Kooperation mit Family Lab Österreich.

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