Tyrannei

Kolumne12. Juli 2017, 16:22
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Glaubt niemals, dass irgendetwas bei uns unmöglich passieren kann

Der amerikanische Historiker und Osteuropaexperte Timothy Snyder schildert in seinem neuen Buch "Über Tyrannei" eine Episode im Wahlkampf von Donald Trump. Reporter aus aller Welt verfolgen eine Veranstaltung im Bundesstaat Ohio (Snyder: "Amerikas Donbass"). Alle westlichen Journalisten sind sich einig: Diese Witzfigur wird niemals US-Präsident. Nur die Berichterstatter aus Russland und der Ukraine sagen: Ihr werdet sehen, der gewinnt. Sie sprechen aus Erfahrung.

Der Yale-Professor und Autor des Standardwerks "Bloodlands" (über Hitlers und Stalins Massenmorde in Osteuropa) vertritt die These, dass sich die Geschichte eine Zeitlang von West nach Ost bewegte, jetzt aber in umgekehrter Richtung unterwegs zu sein scheint. "Alles, was hier geschieht, scheint dort zuerst geschehen zu sein." Es geht um die allmähliche Aushöhlung der liberalen Demokratie, von Putin über Erdogan, Orbán und Kaczinski bis zu den erstarkenden rechtspopulistischen Parteien Europas und natürlich zu Donald Trump.

"Über Tyrannei" ist kein Geschichtsbuch, sondern ein politisches Manifest und trägt den Untertitel "20 Lehren aus dem 20. Jahrhundert". Eine davon lautet: Glaubt niemals, dass irgendetwas bei uns unmöglich passieren kann. Weder die Bürger der Weimarer Republik noch die Russen nach dem Fall des Zarenreichs konnten sich vorstellen, was wenige Jahre später in ihren Ländern Wirklichkeit wurde. Unwillkürlich denkt man an Norbert Hofers Prophezeiung: Ihr werdet euch noch wundern, was alles möglich ist.

Eine weitere Lehre aus dem 20. Jahrhundert: Vermeidet vorauseilenden Gehorsam. Die meisten autoritären Regime der jüngeren Vergangenheit sind auf demokratische Weise zustande gekommen. Rechtsextreme Parteien wurden gewählt und bauten, einmal an der Macht, schrittweise demokratische und zivilisatorische Grundsätze ab. Sie konnten das, weil ihnen kein entschlossener Widerstand entgegentrat. "Ein Bürger, der sich anpasst, lehrt die Machthaber, was sie alles machen können." Der erste Schritt auf diesem Weg ist die Gewöhnung. Wenn antisemitische oder fremdenfeindliche Sprüche einmal als normal empfunden werden, ist das Tor zu entsprechenden Taten geöffnet.

Wann bekommen Tyrannen eine Chance? Ein Schlüsselbegriff ist das, was Snyder "Terrorismus-Management" nennt. In der Vergangenheit nutzten autoritäre Führer oft wirkliche Terroranschläge, um im Namen der Sicherheit demokratische Freiheiten beiseitezuräumen. Adolf Hitler bediente sich des Reichstagsbrandes 1933, um mittels der "Ermächtigungsgesetze" Regimegegner "präventiv" einzusperren und gegnerische Parteien zu verbieten. Wladimir Putin bemächtigte sich nach einem Anschlag auf ein Moskauer Theater im Jahre 2002 aller privaten Fernsehsender und schaffte zwei Jahre später die gewählten Provinzgouverneure ab, nachdem eine Schule in Beslan überfallen worden war.

Und was geht uns das an? Sollten wir aufmerksam werden, wenn ein Doppelmord in Linz als Argument für ein umstrittenes "Sicherheitspaket" verwendet wird? Eine ebenso fragwürdige Studie über islamische Kindergärten als Argument für Restriktionen islamischer Einrichtungen? Auf jeden Fall kann Wachsamkeit nicht schaden.

Übrigens: "Über Tyrannei" ist vor kurzem auf Deutsch erschienen. (Barbara Coudenhove-Kalergi, 12.7.2017)

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