Neue App soll Schluss mit Suche nach Ketchup im Supermarkt machen

13. Juli 2017, 13:00
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Die Anwendung eines Grazer Start-ups soll Kunden durch Geschäfte führen und ihnen Empfehlungen aussprechen

Graz/Wien – Die Geschichte von Wirecube klingt wie jene zahlreicher anderer Start-ups. Die drei Geschäftsführer haben einander während ihres Informatikstudiums an der Technischen Universität Graz kennengelernt und dort den Grundstein für ihr Unternehmen gelegt. Das war vor zwei Jahren. Heuer rechnen die Gründer – die mittlerweile sieben weitere Personen eingestellt haben – mit einem Umsatz von einer Million Euro.

Wirecube arbeitet im E-Commerce, entwickelt also Online-Shops und andere Onlinesysteme – etwa für den Verein für Konsumenteninformation und den Gewerkschaftsbund. Hauptprodukt ist aber die Smartphone-App Shopmap. Damit werden Kunden durch Geschäfte geführt, können sich Angebote anzeigen lassen und auch mit dem Smartphone bezahlen.

Stationären Handel konkurrenzfähig machen

"Wir wollen die Vorteile und Funktionen von Online-Shopping in den stationären Handel bringen", sagt Gründer Florian Burgstaller. Menschen würden immer öfter online einkaufen und dadurch mit dem Angebot des stationären Handel unzufriedener werden: "Geschäfte büßen so viel Gewinn ein und werden in der Zukunft nicht mehr konkurrenzfähig sein." Die App wird als "White Label"-Lösung vertrieben. Das heißt, dass die Anwendung nicht unter eigenem Namen auf den Markt kommt, sondern von Einzelhändlern mit angepassten Funktionen und Design angeboten wird.

Wirecube ist nicht das erste Unternehmen, das Indoor-Navigationssysteme anbietet. Der Großteil der Produkte funktioniert ohne GPS, da die Signale in Innenräumen nur schwer zu empfangen sind. Der Technikkonzern Philips hat in Frankreich bereits ein Pilotgeschäft mit Indoor-Navigation eingeführt. Die Ortung funktioniert über Lichter – dabei muss aber die Kamera eingeschaltet sein und in einem bestimmten Winkel gehalten werden. "Im Gegensatz zu kamerabasierten Ortungssystemen ist Bluetooth viel effizienter, was den Akkuverbraucht betrifft", sagt Burgstaller.

Die Entwickler haben sich deshalb für Bluetooth entschieden. In den Geschäften werden Beacons platziert, das sind kleine Bluetooth-Sender, die Codes an die App senden. Diese kann den Abstand zwischen dem Mobiltelefon und dem Sender errechnen und somit den Standort festlegen. Mit einem solchen Beacon kann eine Fläche von 15 bis 20 Quadratmetern abgedeckt werden.

App findet passenden Wein

Mit der Anwendung finden Kunden nicht nur den schnellsten Weg zur Ketchup-Flasche, sie spricht auch Empfehlungen aus: "Kaufe ich zum Beispiel eine Lachsforelle, schlägt mir die App einen passenden Weißwein vor und sagt mir, wie viel er kostet und wo ich ihn im Geschäft finden kann", erklärt Burgstaller. Welche Funktionen über die Anwendung gesteuert werden, entscheidet letztlich jedoch der Einzelhändler selbst.

Technisch möglich ist zum Beispiel auch die Bezahlung via Smartphone – das Konzept erinnert an Amazon Fresh: "Das System ist das gleiche wie bei einer Selbstbedienungskassa", sagt der Geschäftsführer. Kunden scannen die Produkte mit ihrer Kamera und bezahlen dann online. Dabei muss das Mobiltelefon an ein Kundenkonto und eine Bezahlmöglichkeit gekoppelt sein. Abgesehen davon sammelt das Unternehmen so wenige Daten wie möglich: "Die sicherste Art, Datendiebstahl aus dem Weg zu gehen, ist, die Daten erst gar nicht zu haben", sagt der Gründer.

Indoor-Navigation am Flughafen

Indoor-Navigation wird bereits in öffentlichen Gebäuden und Einkaufszentren eingesetzt. Der Gatwick-Flughafen bei London hat beispielsweise ein solches System im Mai eingeführt. Fluggäste sollen über die App zu ihrem Gate gebracht werden und Restaurants leichter finden.

Auch Wirecube arbeitet derzeit an einer Lösung für einen Shoppingcenter-Betreiber, der Konkurrenz im Indoor-Navigationsbereich sind sie sich bewusst. Sie wollen Anbietern deshalb neben der Standortbestimmung etwa auch Kundenbindungsfeatures anbieten. Außerdem sei die Technik präziser als herkömmliche Lösungen, sagt Burgstaller: "Die Genauigkeit beträgt unter einen Meter, das reicht im Einzelhandel aus, um genau das Regal zu identifizieren, vor dem ich mich aufhalte."

Derzeit sind die Unternehmer im Gespräch mit drei größeren Retailern in Österreich, der Schweiz und Großbritannien, noch 2017 soll es erste Pilotshops geben. Über den wirtschaftlichen Erfolg des Start-ups zeigt sich Burgstaller selbst ein wenig überrascht: "Es ist schnell gegangen." Fördergelder haben die Unternehmer dabei – mit der Ausnahme eines Zuschusses von 3.000 Euro – nicht erhalten. Bisher haben sie ihr Projekt, an dem sie schon ein halbes Jahr vor der Firmengründung getüftelt haben, mit anderen Aufträgen querfinanziert. "In der App steckten zwei Jahre Entwicklungsarbeit, bevor wir damit einen einzigen Euro verdient haben." (Nora Laufer, 13.7.2017)

  • Philips testet in Lille in Frankreich bereits Indoor-Navigation in einem Supermarkt. Das Grazer Start-up Wirecube will die Technologie auch nach Österreich bringen.
    foto: reuters/benoit tessier

    Philips testet in Lille in Frankreich bereits Indoor-Navigation in einem Supermarkt. Das Grazer Start-up Wirecube will die Technologie auch nach Österreich bringen.

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