Stadtplaner: "Das Leben in Städten fördert Nachhaltigkeit"

Interview13. Juli 2017, 10:00
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Städte sind für Zuwanderer der ideale Ort, um ein neues Leben zu starten, sagt der Planungsdirektor des New Yorker Stadtteils Brooklyn, Winston von Engel

Wien – Was kann Wien von New York lernen und umgekehrt? Während eines einmonatigen Forschungsaufenthalts als Gastprofessor am Institut für Geografie der Universität Wien hat der Planungsdirektor des New Yorker Stadtteils Brooklyn, Winston von Engel, im Juni vergleichende Stadtforschung zwischen Wien und New York betrieben. Dabei ist er vor allem auf zwei Herausforderungen gestoßen, vor der beide Städte stehen: Klimawandel und Integration.

STANDARD: Wie können Städte dem Klimawandel begegnen?

Von Engel: Städte wie Wien und New York sind an sich sehr nachhaltig: Die Leute wohnen in Mehrfamilienhäusern, pendeln mit öffentlichen Verkehrsmitteln oder mit dem Fahrrad. Die Bewohner sind nicht aus Überzeugung nachhaltig: Man fährt mit den öffentlichen Verkehrsmitteln, weil sie billiger und schneller sind, und nicht, weil wir Umweltfanatiker sind. Das ist das Schöne am Leben in Städten – es fördert Nachhaltigkeit natürlich. Das kann man noch steigern. In Wien geschieht das etwa mit mehr Grünflächen, Verdichtung und Ausbau der öffentlichen Verkehrsmittel.

STANDARD: Wenn es um verkehrsberuhigende Maßnahmen geht, erhitzen stadtplanerische Maßnahmen oft sehr die Gemüter – warum?

Von Engel: Es gibt viele Menschen, die auf Autos angewiesen sind. Autos werden zwar weiter Bestandteil der Stadt sein, aber in der Planung liegt die Betonung meist auf öffentlichen Verkehrsmitteln. Autofahrer fassen das oft als Fingerzeig auf: "Ihr seid nicht gut." In solchen Situationen ist es wichtig klarzumachen, dass es um keine Beurteilung geht. Wir fahren in der Regel nicht mit öffentlichen Verkehrsmitteln, weil wir Umweltfanatiker sind, und sie fahren nicht mit dem Auto, weil ihnen die Umwelt egal ist.

STANDARD: Ein weiteres Thema für Städte wie Wien oder New York ist Zuwanderung. Wie kann die Stadtplanung dabei agieren?

Von Engel: Städte sind die optimalen Orte, wo Menschen aus verschiedenen Ländern zusammenkommen können. New York würde ohne Einwanderer nicht funktionieren. Ein Grund, warum New York so aufregend ist, ist, dass so viele Menschen dort wohnen aus verschiedenen Teilen der Welt und dort zusammenstoßen. In Wien ist das ähnlich. In manchen Bezirken ist der Prozentsatz von im Ausland geborenen Menschen genauso hoch wie in New York – das belebt die Stadt. Städte sind insgesamt ein guter Ort für Einwanderer, um anzufangen, ihr wirtschaftliches Glück aufzubauen – sie haben dort mehr Unterstützung von ihren eigenen Gruppen sowie von der Verwaltung.

STANDARD: Besteht in Städten nicht die Gefahr, dass sich bestimmte Gruppen konzentrieren und es zu wenig Austausch kommt?

Von Engel: Ich würde das nicht als Gefahr sehen. Jeder Tourist in New York besucht Chinatown. Meist sammelt sich die erste Generation von Einwandern dort, wo bereits Menschen aus ihren Herkunftsländern leben. Das ist ein natürlicher Prozess, sie haben so mehr Unterstützung und sind von Menschen umgeben, die ihre Sprache sprechen. Die zweite Generation fühlt sich meist schon sicherer und zieht in andere Gegenden, wenn sie mehr assimiliert ist.

STANDARD: Sie haben einige Jahre in Wien gelebt – was fasziniert Sie an der Stadt?

Von Engel: Am meisten fasziniert mich das soziale Wohnbauprogramm der Zwischenkriegszeit. Weiters, dass die Stadt weit hinausdenkt, es gibt einen Entwicklungsplan. Das hatte New York lange Zeit nicht. Der U-Bahn-Bau, die Donauregulierung und die Donauinsel als Erholungsgebiet sind in Wien sehr gelungen. Ich denke da an den U-Bahn-Bau und die Erweiterung der Stadt. Auch bei der Schaffung verkehrsberuhigter Zonen kann New York noch einiges von Wien lernen.

STANDARD: In welcher Hinsicht kann Wien von New York lernen?

Von Engel: Meiner Meinung nach mit etwas mehr Dichte. Das bedeutet nicht unbedingt immer Höhe, sondern dass die Häuser näher aneinanderrücken und man Grünflächen dafür benutzt, Dichte herumzubauen. Ein Beispiel ist der Central Park: Rundherum sind die dichtesten und renommiertesten Gebiete von Amerika.

STANDARD: Was ist Ihr Lieblingsort in Wien?

Von Engel: Ich habe einige Lieblingsorte in Wien, was ich aber besonders mag – und das ist sehr kitschig, ich weiß –, ist der Weg vom Ring über den Heldenplatz durch die neue und alte Hofburg, über den Michaelerplatz zum Graben. Auf diesem Weg gelangt man von einem Raum in den nächsten. Wenn ich jemandem Wien zeige, dann fange ich dort an. (Tanja Traxler, 13.7.2017)


Winston von Engel, geboren 1961 in Frankfurt am Main, ist Stadtplanungsdirektor des New Yorker Stadtteils Brooklyn. Seit mehr als 40 Jahren lebt er in New York. In den 1980er-Jahren führte ihn ein Fulbright-Stipendium an die Technische Universität Wien, wo er den Wiener Kommunalwohnungsbau zwischen 1919 bis 1934 studierte.

  • Der Durchgang vom Michaelerplatz zum Heldenplatz gehört zu von Engels Lieblingsorten in Wien.
    foto: imago/skata

    Der Durchgang vom Michaelerplatz zum Heldenplatz gehört zu von Engels Lieblingsorten in Wien.

  • Weinanbau auf einem Hochhaus im New Yorker Stadtteil Brooklyn.
    foto: apa/afp/don emmert

    Weinanbau auf einem Hochhaus im New Yorker Stadtteil Brooklyn.

  • Winston von Engel ist Direktor der Stadtplanung von Brooklyn.
    foto: regine hendrich

    Winston von Engel ist Direktor der Stadtplanung von Brooklyn.

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