Bolschoi-Chef verteidigt Absetzung von "Nurejew"-Ballett

11. Juli 2017, 10:35
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Direktor spricht von rein künstlerischer Entscheidung

Moskau – Das Moskauer Bolschoi Theater hat seine Entscheidung verteidigt, das neue Ballettstück "Nurejew" wenige Tage vor seiner Weltaufführung abzusetzen. Bei den Proben habe sich herausgestellt, dass das Stück noch nicht aufführungsreif sei, daraufhin hätten sein künstlerischer Leiter Machar Wasijew und er sich zu diesem Schritt entschlossen, sagte Bolschoi-Generaldirektor Wladimir Urin am Montag.

Premiere sei nun am 4. Mai 2018. Das Ballettstück über den sowjetischen Startänzer Rudolf Nurejew, der 1961 in den Westen floh und 1993 an Aids starb, war mit großer Spannung erwartet worden, zumal es von Kirill Serebrennikow stammte, einem der innovativsten und renommiertesten Film- und Theaterregisseure Russlands. Am Dienstag sollte Premiere sein, doch drei Tage vorher verschob das Bolschoi-Theater sie auf unbestimmte Zeit.

Gerüchte, wonach er auf Anweisung der Regierung gehandelt habe oder selbst über das Stück schockiert gewesen sei, wies Urin am Montag zurück. Es sei allein eine "künstlerische Entscheidung" gewesen.

Tänzer skeptisch

Einer der "Nurejew"-Tänzer, der ungenannt bleiben wollte, zeigte sich jedoch skeptisch. Zwar habe es während der Proben Probleme gegeben, doch sei dies normal, sagte er der Nachrichtenagentur AFP. "Deshalb glaubt auch niemand in der Truppe an die Begründung". Niemand glaube zudem daran, dass "Nurejew" eines Tages tatsächlich auf die Bühne kommen werde.

Eine regierungsnahe Quelle sagte dem unabhängigen Sender Rain TV, in dem Ballett sei es um "Freiheit für Schwule" gegangen, und dies habe wie eine "Provokation" gewirkt. In Russland ist Homosexualität weitgehend ein Tabu-Thema: Homo-Ehen sind verboten, der Ruf nach rechtlicher Gleichstellung Homosexueller wird abgelehnt. Ein seit 2013 geltendes Gesetz stellt positive Äußerungen über Homosexualität, angebliche "Homosexuellen-Propaganda", in Anwesenheit von Minderjährigen unter Strafe.

Weder Serebrennikow noch der Choreograph Juri Posochow waren bei der Pressekonferenz am Montag dabei. Kreml-Kritiker Serebrennikow hatte wegen seiner gewagten Stücke schon in der Vergangenheit Ärger mit den Behörden. Vor kurzem wurden sein Moskauer Theater und seine Wohnung wegen des Vorwurfs der Unterschlagung öffentlicher Gelder durchsucht. (APA, 11.7.2017)

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