Makabrer Streit um Ausreise von Liu Xiaobo

11. Juli 2017, 06:00
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Peking will sterbenskranken Polithäftling weiterhin nicht zur Behandlung ausreisen lassen

Ist der sterbenskranke Bürgerrechtler Liu Xiaobo wirklich so schwach, dass er nicht mehr transportfähig ist, wie sein chinesisches Ärzteteam meint? Oder kann er doch nach Heidelberg ausgeflogen werden, um noch einmal alles Menschenmögliche zu versuchen? Zwischen der chinesischen Führung, die wohl einräumte, dass Lius Zustand kritisch sei, ihren prominentesten politischen Häftling aber aus gesichtswahrenden Gründen nicht ausreisen lassen will, und weltweiten Initiativen, die Peking zur humanitäre Geste drängen, gab es Montag ein makaberes Tauziehen.

Sie hofften auf Behandlung im Ausland, sagten der 61-jährige Friedensnobelpreisträger und seine Frau Liu Xia vergangenen Freitag, als die Mediziner Markus Büchler (Universität Heidelberg) und Joseph Herman (Universität Texas) den Schwerkranken aufsuchten. Beide Experten wurden auf internationalen Druck vom chinesischen Ärzteteam zur Diagnose des an Leberkrebs leidenden Liu hinzugezogen.

Das Pekinger Parteiblatt Global Times schrieb danach, dass der "Transport nach Expertenmeinung zu risikoreich ist". Sie veröffentlichte dazu auch ein Video. Darin beantwortet der Heidelberger Arzt dem chinesischen Krankenhausteam die Frage, ob er es medizinisch hätte besser machen können: Büchler verneint. Aber er meint wohl: In China könne er ihn nicht besser behandeln. Denn er fügt an: "In Deutschland, vielleicht." Ein mehrdeutiger Nebensatz. Chinas Propaganda interpretiert ihn als Unterstützung für Chinas Sichtweise, dass bei Liu nichts mehr zu machen sei.

Tatsächlich glauben aber beide Ärzte, dass "Liu sicher transportiert werden kann". Sie bestätigten das in einer gemeinsamen Erklärung. Ein gewisses Risiko bestehe immer. Ihr größtes Problem sei die Zeit: Lius Transport müsse so schnell wie möglich vor sich gehen. Beide Ärzte schreiben, für die Behandlung gebe es "zusätzliche Optionen", als bloß die Schmerzen zu lindern. Sie nennen "intervenierende Maßnahmen und Strahlentherapie". Die Uni Heidelberg und das Krebszentrum Anderson hätten der Aufnahme von Liu zugestimmt. "Beide Institutionen sind vorbereitet, um ihm die bestmögliche Fürsorge anzubieten."

Pekings Behörden schweigen dazu. Nur das Krankenhaus Shenyang verbreitete am Montag ein knappes Bulletin. Es spricht von mehr Flüssigkeit, fallendem Blutdruck, akuter Nierenentzündung, mehr Metastasen und inneren Blutungen. Das Expertenteam gehe von einem "kritischen Zustand" aus. Es schlage Maßnahmen zur Erhöhung des Blutdrucks und gegen die Entzündungen vor. "Die Familie ist informiert worden." Ob Liu noch transportfähig ist, kommentieren sie nicht.

In Hongkong riefen Aktivisten für Montagabend zu Kundgebungen für Liu auf, der in Shenyang fast sieben Jahre Haft nach seinem Willkür-Urteil abgesessen hatte, als er im Mai zur Krebsbehandlung in das bewachte Spezialkrankenhaus kam. In der Volksrepublik zeigen sich Proteste nur in sozialen Medien, die die Zensur nicht unterdrücken kann. Bis Montagabend haben mehr als 5100 Sympathisanten einen Appell an Peking unterschrieben, Liu und dessen Frau Liu Xia sollen bedingungslos freigelassen werden. Einstige Mitunterzeichner des von Liu verfassten Freiheitsaufrufs Charta 08 haben die Petition initiiert. Wegen seiner im Oktober 2008 verfassten Charta 08 zur Demokratisierung Chinas wurde Liu als "Staatsumstürzler" am Weihnachtstag 2009 zu elf Jahren Haft verurteilt. (Johnny Erling aus Peking, 11.7.2017)

  • Demo in Hongkong: Liu Xiaobo soll in Freiheit sterben dürfen.
    foto: reuters/tyrone siu/file photo

    Demo in Hongkong: Liu Xiaobo soll in Freiheit sterben dürfen.

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