Herbert Blomstedt: Statt Whisky eine Symphonie von Haydn

11. Juli 2017, 11:00
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Der renommierte Dirigent über seine Orchestererfahrungen, Kakerlaken im Wien der 1930er-Jahre und mögliche Gründe für seine gute Verfassung

Wien – Wie freundlich er klingt, wie aufgeweckt und gut gelaunt! Am 11. Juli feiert Herbert Blomstedt bei guter Gesundheit und regen geistigen Kräften seinen 90. Geburtstag. Und da hat der gefeierte Dirigent im Vorfeld natürlich den einen oder anderen Interviewmarathon zu absolvieren. Der STANDARD erwischt ihn in Dresden, in einer Stadt, in der der gebürtige US-Amerikaner auch lange beruflich tätig war: von 1975 bis 1985 als Chefdirigent der Sächsischen Staatskapelle.

Nach dem Fall der Berliner Mauer war Blomstedt dann Kapellmeister des Gewandhausorchesters Leipzig. Auch in Oslo, San Francisco und Hamburg hatte er leitende Positionen inne. Was einen guten Dirigenten ausmache? Ach, es gebe so viele gute Dirigenten, aber jeder würde es anders machen, meint Blomstedt. So gebe es etwa tolle, charismatische Orchesterleiter, die schlagtechnisch ziemlich konfus unterwegs wären. "Wichtig ist, dass man ein klares Konzept hat von der Interpretation eines Werks und dass man dieses Konzept den Orchestermusikern ohne überlange Erklärungen vermitteln kann."

Den Wiener Philharmonikern kann Blomstedt seine Interpretationskonzepte erst seit wenigen Jahren vermitteln, er debütierte 2011, mit Mitte 80. Warum so spät? "Da müssen Sie das Orchester fragen", schmunzelt er. Am Wiener Spitzenorchester schätzt er dessen Spielkultur, die Artikulation, den weichen, elastischen Ton und die einzigartige Farbgebung. Diesbezüglich gebe es eine historische Achse der Orchester von Dresden, Leipzig, Prag und Wien. Viele andere Orchester hätten heute leider einen verwechselbaren, gesichtslosen Klang. "Die Berliner Philharmoniker sind im Durchschnitt vielleicht noch virtuosere Musiker, aber sie haben seit Karajan keine besondere Klangkultur mehr."

Erinnerung an Wien

Blomstedts klar strukturierte Dirigate von Bruckner-Symphonien werden oft zu unvergesslichen Konzerterlebnissen. Schätzt er als Sohn eines Pastors an dessen Musik auch die christliche Note? "Natürlich spürt man diesen Hintergrund, er war ja von einer fast kindlichen Frömmigkeit", so Blomstedt. "Aber das wird oft überbetont. Man darf nicht vergessen: Bruckner hat viel Kirchenmusik geschrieben, aber das Größte und Beste seiner Kreativität hat er in die Symphonien gegeben. Er war in seinen Anfängen als Komponist von Beethoven inspiriert, von dessen Ethos und Mut zu starker Willensäußerung."

Zu Wien hat Blomstedt weit zurückreichende Erinnerungen. 1932 begleitete er seine Mutter als Fünfjähriger auf einer Wien-Reise, die Pianistin nahm Unterricht bei Moritz Rosenthal und dessen Frau Hedwig Kanner-Rosenthal. "Ich erinnere mich an die Totenschädel in den Katakomben unter dem Stephansdom und an das Riesenrad. Wir haben in einer sehr dunklen Wohnung gewohnt, in der es viel Ungeziefer gab...". Als die Soldaten bei einer Feier Salutschüsse abgefeuert hätten, hätte sein älterer Bruder angstvoll gerufen: "Mutter, werden uns die Katholiken jetzt erschießen?"

Blomstedt ist als Sohn eines Pastors der Freikirche der Sieben-Tags-Adventisten an verschiedenen Orten in Finnland und Schweden aufgewachsen. "Wir waren eine glückliche Familie", so Blomstedt. "Mein Vater war fordernd in fast extremer Weise. Er wollte immer, dass die Dinge, die wir tun, Ewigkeitswert haben."

Streng ist Blomstedt auch zu sich: Er trinkt keinen Alkohol, raucht nicht und isst kein Fleisch. Ist das ein Grund für seine blendende Verfassung? "Ein Mitgrund, vielleicht. Eine Durchführung einer Haydn-Symphonie bietet für mich mehr Stimulanzien als 100 Whiskys und Havannas. Aber mein Bruder hat genauso gesundheitsbewusst gelebt, und er hat alle Krankheiten dieser Welt gehabt." Vielleicht sei ein Grund für seine gute Konstitution auch seine Neugier: "Ich fühle mich als Student." Rainer Maria Rilke hätte, nach Lebensmaximen befragt, drei genannt: fleißig sein, geduldig und keine Gelegenheit zur Freude verpassen. "Und die größte Freude ist, Freude zu geben: durch Musik, durch gutes Benehmen oder freundliche Worte." Bleibt nur, Herbert Blomstedt viel Freude und Glück für die nächsten Jahre zu wünschen. (Stefan Ender, 11.7.2017)

Am 22.7. ist Herbert Blomstedt mit den Bamberger Symphonikern in der Stiftskirche St. Florian mit Bruckners 5. Symphonie zu erleben. Im Henschel-Verlag erschien 2017 das Buch "Herbert Blomstedt: Mission Musik".

  • Der Dirigent Herbert Blomstedt dirigiert die Wiener Philharmoniker im Sommer in Salzburg: Er schätzt deren Spielkultur, die Artikulation, den weichen, elastischen Ton und die einzigartige Farbgebung.
    foto: ap

    Der Dirigent Herbert Blomstedt dirigiert die Wiener Philharmoniker im Sommer in Salzburg: Er schätzt deren Spielkultur, die Artikulation, den weichen, elastischen Ton und die einzigartige Farbgebung.


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