Selbsternannter Krebsheiler Hamer wird in Deutschland begraben

11. Juli 2017, 14:09
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Der antisemitische Exarzt erhält ein Grab in der fränkischen Stadt Erlangen. Er hatte bereits 1986 seine Approbation verloren

Der in der Vorwoche gestorbene deutsche Exarzt, Antisemit und Guru Ryke Geerd Hamer soll am Freitag in der mittelfränkischen Stadt Erlangen begraben werden. Das geht aus einer Parte hervor, die auf einschlägigen Webseiten und Social-Media-Accounts verbreitet wird.

Darin wird Hamer als "der größte Entdecker der Menschheitsgeschichte" bezeichnet. In einem schwülstigen Gedicht eines "Werner von der Mühle" wird ein Bogen von "stolzen Germanen" und "freien Ahnen" vom Cheruskerfürsten Arminius bis zu Hamer gespannt. Er habe "Gottes Verstand" entschlüsselt, wird der selbsternannte Krebsheiler gerühmt.

Wie DER STANDARD berichtete, war Hamer am 2. Juli in Norwegen einem Schlaganfall erlegen. Hamers Anwalt Erik Bryn Tvedt hatte gegenüber der norwegischen Zeitung "Dagbladet" erklärt, Hamer werde in Deutschland begraben, aber den Ort der Beisetzung nicht konkretisiert. Auch gegenüber dem STANDARD wollte Tvedt den Ort nicht bestätigen.

Ein Sprecher der Stadt Erlangen erklärte auf STANDARD-Anfrage, er äußere sich zu privaten Begräbnissen nur allgemein. Es komme häufiger vor, dass Verstorbene bestattet würden, die ihren Wohnsitz nicht in Erlangen hatten. Dies sei auf dem Westfriedhof im Stadtteil Steudach möglich. Dabei würden jedoch seitens der Stadt keine Nachforschungen über die betreffenden Personen angestellt. Antisemitismus und Rechtsextremismus lehne die Stadt Erlangen jedoch entschieden ab und engagiere sich in der Allianz gegen Rechtsextremismus in der Metropolregion Nürnberg.

"Pension" als Krebsklinik

Der Mediziner Hamer hatte bereits 1986 seine Approbation verloren, da er in seiner privaten, als "Pension" angemeldeten Klinik Patienten auf Basis seiner selbsterfundenen "Germanischen Neuen Medizin" behandelte. Hamer stellte seine wahnhafte Lehre in Gegensatz zur "dummen alten jüdischen Schulmedizin". Mit der Chemotherapie hätten Juden zwei Milliarden Menschen ermordet.

Angestellte Hamers berichteten, den Krebskranken seien sogar Schmerzmittel verweigert worden, zum Sterben seien sie dann meist in richtige Spitäler gebracht worden. Seit Beginn der 1980er-Jahre wurden dutzende Todesfälle infolge der "Germanischen Neuen Medizin" dokumentiert, tatsächlich dürften ihr hunderte Menschen zum Opfer gefallen sein. Der mehrfach gerichtlich verurteilte Hamer hatte sich der Justiz schließlich durch die Flucht nach Norwegen entzogen.

In Österreich sorgte im Jahr 1995 der "Fall Olivia" für Aufsehen. Das krebskranke Mädchen Olivia Pilhar wurde damals von seinen Eltern nach Spanien gebracht, um eine medizinische Behandlung des lebensbedrohenden Nierentumors zu verhindern. Schließlich konnte der fußballgroße Tumor doch noch operativ entfernt und das Leben des Kindes gerettet werden.

"Entitäten aus dem Diesseits"

Nichtsdestotrotz gehört die zur Reichsbürgerbewegung zu zählende Familie Pilhar nach wie vor zu den führenden Anhängern der Lehren Hamers. Im Februar forderte Helmut Pilhar in einem Brief an Bundespräsident Alexander Van der Bellen eine "Wiedergutmachung" für die Operation seiner Tochter in der Höhe von jeweils hundert Millionen Euro und 10.000 Euro monatliche Leibrente für ihn, seine Frau, seine Tochter und Hamer. Dazu wurden eine "Ehrenbürgerschaft der Republik Österreich", Diplomatenpässe und Gegendarstellungen in allen österreichischen Medien verlangt. Diese Forderungen seien "nicht verhandelbar".

Nach einer abschlägigen Antwort Van der Bellens schrieb einen Monat später Olivias Mutter Erika Pilhar als "Souveräner Men[sch] – geistig-sittliches Wesen aus Fleisch und Blut – ENTITÄT/Diesseits" und forderte eine Universitätsklinik für Hamer, damit er "Ärzte ausbilden" könne. "Wir, das Volk, nehmen diese Diskriminierung nicht mehr hin. Die Lügenpresse muss gestoppt werden", schrieb "erika aus der Familie pilhar". (Michael Vosatka, 11.7.2017)

  • Ryke Geerd Hamer bei einer Gerichtsverhandlung im Jahr 1997.
    foto: apa/dpa/scheidemann

    Ryke Geerd Hamer bei einer Gerichtsverhandlung im Jahr 1997.

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