Das umstrittene Online-Tool, mit dem Schüler perfekt schummeln

    11. Juli 2017, 09:45
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    "Wissensmaschine" Wolfram Alpha unterstützt laut Gründern eine neue Form des Lernens

    Den perfekten Schummelzettel zu schreiben ist eine Kunst, der sich viele Jugendliche im Lauf ihrer Schulkarriere wohl mit mehr Fleiß widmen, als den Stoff auswendig zu lernen. Während viele Pädagogen der Ansicht sind, dass das Zusammenschreiben des Materials für den Zettel eine gute Übung ist, wird dessen Anwendung bei Prüfungen doch im Allgemeinen abgelehnt. Früher musste die "Lernhilfe" mühevoll mit der Hand gekritzelt werden, später half der Computer dabei. Heute bedienen sich besonders ausgefuchste Schüler der Suchmaschine Wolfram Alpha. Lehrer sehen auch die Verwendung des Tools bei Hausaufgaben nicht gerne. Ob das Schwindeln ist oder eine neue Form des Lernens, darüber scheiden sich die Geister.

    Hilfe von der Wissensmaschine

    Die sogenannte "Computational Knowledge Engine" deckt viele Bereiche der Schulbildung ab: Mathematik, Statistik, Sprachen, Geschichte, Physik, Kunst, Geographie und mehr. Wobei es bei Wolfram Alpha nicht wie bei klassischen Suchmaschinen darum geht, Webseiten mit den gesuchten Informationen aufzulisten. Sondern die Daten entsprechend der Anfrage des Nutzers aufzubereiten. So liefert der Onlinedienst beispielsweise bei mathematischen Aufgaben nicht nur das korrekte Ergebnis, sondern auch den richtigen Lösungsweg. Nutzer können Timelines zu historischen Ereignissen erstellen lassen oder etwa verschiedene Tierarten miteinander vergleichen. Wolfram Alpha versteht dabei auch Eingaben in natürlicher Sprache.

    Natürlich hat auch die Wissensmaschine bzw. die ihr zugrunde liegende Software Mathematica ihre Grenzen. Sie versteht nicht jede Frage und sie antwortet selbst nicht in natürlicher Sprache, sondern spuckt Daten oft in Form von Diagrammen und Tabellen aus. Und das Tool arbeitet langsamer als herkömmliche Suchmaschinen.

    Schummeln oder nicht?

    An vielen Schulen und Unis wird der Einsatz von Wolfram Alpha nicht goutiert, wie "Wired" berichtet. Von dem Magazin befragte Lehrer berichten, dass das Tool immer populärer wird – vor allem in den sogenannten MINT-Fächern– also Mathematik, Informatik, Naturwissenschaft und Technik. Dementsprechend versuchen die Betreiber des Diensts, das Tool dem Lehrpersonal schmackhaft zu machen und es als neue Art des Lernens zu propagieren. Gegründet wurde Wolfram Alpha von Stephen Wolfram, der auch die Software Mathematica entwickelte. Er galt schon in jungen Jahren als Physikgenie, hatte jedoch immer Probleme mit Mathematik. Also entwickelte er ein Tool, mit dem er Gleichungen automatisch berechnen lassen und sich stärker auf sein Spezialgebiet konzentrieren konnte.

    Ob es sich um Schummeln handelt oder nicht, läuft darauf hinaus, wann das Tool eingesetzt wird. Heimlich bei einer Prüfung am Smartphone nachzuschauen, ist jedenfalls nicht empfehlenswert. Zu Hause könnte es Schülern aber dabei helfen, Problemstellungen besser zu begreifen – so sieht man es bei Wolfram Alpha. Gründer Wolfram selbst ist der Ansicht, dass es mehr bringe zu wissen, wie man Algebra-Aufgaben mit dem Computer löst, als selbst Algebra zu beherrschen. Er will, dass die Suchmaschine auch im Unterricht eingesetzt wird.

    Der Versuch, Wolfram Alpha stärker als Unterrichts-Tool zu positionieren, hat natürlich auch einen anderen Hintergrund: Die Grundfunktionen des Dienstes sind zwar kostenlos. Für weitergehende Funktionen wie etwa die schrittweise Herleitung mathematischer Lösungen, ist jedoch ein kostenpflichtiges Abo notwendig. (red, 11.7.2017)

    • Mathe mit dem Online-Tool – was für viele Schüler ein Traum ist, wird von Lehrern nicht goutiert.
      foto: ap photo/joerg sarbach

      Mathe mit dem Online-Tool – was für viele Schüler ein Traum ist, wird von Lehrern nicht goutiert.

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