Linear denken reicht nicht mehr

14. Juli 2017, 10:18
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Warum die Welt immer unsicherer und komplexer wird – und Generalisten auf dem Vormarsch sind

Das Zeitalter des linearen Denkens sei vorbei, begonnen habe längst jenes des "konzeptionellen" Denkens, sagt Martina Gaisch. Was genau sie damit meint, erklärte die Professorin an der Fachhochschule Oberösterreich bei der Konferenz von Hochschulrektoren in der Wiener Hofburg. "Megatrends wie Digitalisierung und Globalisierung führen zu einer großen Verunsicherung", konstatiert Gaisch in ihrer Eröffnungs-Keynote. "Wir leben in einer 'Vuca'-Welt." Das Buzzword besagt, dass das Umfeld immer volatiler, unsicherer, komplexer und unklarer werde. Mit der Fähigkeit, sich darin zurechtzufinden, müssten Universitäten ihre Studierenden künftig ausstatten.

In einer Zeit rasanten Fortschrittes, sagt die Wissenschafterin, seien nicht mehr Spezialisten, sondern Generalisten gefragt. "Junge Menschen, die interdisziplinär denken und die Fähigkeit haben, Zusammenhänge zu erkennen." Die Frage nach dem Was müsse jenen nach dem Warum, Wer und Wie weichen, Detailwissen dem Verständnis.

"Jetzt ist Kreativität gefragt"

Wie sich Hochschulen auf künftige Herausforderungen vorbereiten können, stand im Mittelpunkt der Triennale-Konferenz der International Association of University Presidents (IAUP), die zum ersten Mal in Österreich stattfand. Die IAUP ist eine bei der Uno akkreditierte Non-Profit-Organisation und Konsulent bei Bildungsfragen für die Unesco. Ihr Ziel ist es, Kooperationen zwischen Hochschulen auf internationaler Ebene zu unterstützen. Thema der diesjährigen Tagung war, was künftig gelehrt und gelernt werden muss. Eingelade-ne Wissenschafter beleuchteten, welche beruflichen Skills und persönlichen Eigenschaften in der Arbeitswelt an Bedeutung gewinnen könnten.

Neben der Kompetenz, Verbindungen herzustellen, sei das auch Kritikfähigkeit, sagt Keynote-Speakerin Gaisch. Nur Absolventen, die außerhalb gefestigter Muster denken können, seien in der Lage, Innovationen voranzutreiben. "Jetzt ist Kreativität gefragt." Um einen unternehmerischen Geist zu fördern, müssten Hochschulen Werkstätten – wie "FabLabs" oder "Maker Spaces" – einrichten, in denen Studierende experimentieren können. Es gelte, ihnen "Freiheiten zu lassen". Etabliert werden müsse zudem eine Kultur, in der Fehler erlaubt sind.

Mehr Digital im Unterricht

Ebenfalls diskutiert wurden auf der Triennale-Konferenz digitale Lehrmethoden. Ein Vortrag widmete sich Simulatoren, die für die Ausbildung angehender Ärzte eingesetzt werden. Ein anderer dem Einsatz von Virtual und Augmented Reality, ein weiterer neuen Methoden des E-Learning. Der Meinung, dass derlei Technologien in der Zukunft eine größere Rolle spielen müssten, ist Keynote-Speakerin Gaisch. "Wir dürfen nicht die Augen vor ihnen verschließen."

Es gelte, digitale Möglichkeiten auszuloten. Sogenannte Moocs, Seminare im Internet, böten etwa eine durchaus sinnvolle Ergänzung zur Präsenzlehre. Ein weiteres angebliches Plus: Man lernt in seinem eigenen Tempo, wann und wo man will. Abgesehen von diesen didaktischen Vorteilen könnte Online-Lehre auch zu mehr Chancengleichheit beitragen. "Denn Bildung ist nicht mehr nur Eliten vorbehalten." Sind Unterlagen im Netz kostenlos verfügbar, kann potenziell jede und jeder darauf zugreifen.

Vom Lehrenden zum Mentor

Damit müsse sich aber auch die Rolle der Lehrenden ändern – weg vom Vortragenden hin zum Mentor, sagt Gaisch. Ist alles Wissen im Internet verfüg- und abrufbar, könnten Seminare für Feedback und Diskussion genutzt werden. Der Begriff dazu lautet "Flipped Classroom": Im "umgedrehten Unterricht" erarbeiten die Studierenden den Stoff zu Hause, die Übungen finden im Klassenzimmer respektive im Hörsaal statt.

Abschließend appelliert Gaisch noch an die anwesenden Uni-Rektoren, lebenslanges Lernen als wesentliche Aufgabe ihrer Universität zu verstehen. Neben formellem müsse auch informelles Lernen anerkannt werden. (Lisa Breit, 14.7.2017)

  • In einer Zeit rasanten Fortschrittes, sagt die Wissenschafterin Martina Gaisch, seien nicht mehr Spezialisten, sondern Generalisten gefragt. "Junge Menschen, die interdisziplinär denken und die Fähigkeit haben, Zusammenhänge zu erkennen."
    foto: bernhard plank

    In einer Zeit rasanten Fortschrittes, sagt die Wissenschafterin Martina Gaisch, seien nicht mehr Spezialisten, sondern Generalisten gefragt. "Junge Menschen, die interdisziplinär denken und die Fähigkeit haben, Zusammenhänge zu erkennen."

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