Neue Jets kosten halb so viel pro Flugstunde

Interview mit Video10. Juli 2017, 07:00
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Brigadier Karl Gruber: Enorme Betriebskosten waren schon unter Schwarz-Blau "absehbar"

Wien – Angesichts des von Verteidigungsminister Hans Peter Doskozil (SPÖ) verkündeten Eurofighter-Ausstiegs hält Karl Gruber, Chef der Luftstreitkräfte, im STANDARD-Gespräch fest, dass der Umstieg auf eine neue Abfangjägerflotte vor allem im Betrieb deutlich günstiger komme, denn: Bei der Auswahl eines neuen Flugzeugs "werden wir darauf schauen, dass die Betriebskosten deutlich unter denen der Eurofighter liegen, die heuer an die 80 Millionen Euro ausmachen".

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Der für Montag geplante Sitzungstag im Eurofighter-Untersuchungsausschuss dürfte kürzer ausfallen. Ex-Magna-Vorstand Hubert Hödl kommt nicht als Zeuge, laut seinem Anwalt befindet er sich geschäftlich in Übersee.

Dazu habe seine Sonderkommission "Varianten errechnet, die nur etwa bei der Hälfte pro Flugstunde" liegen. Konkrete Typen, Preise und Kosten nennt Gruber zwar nicht, weil es gilt, "hier Geschäftsgeheimnisse zu wahren". Wohl aber erklärt der Luftwaffenchef, dass schon bei der Beschaffung, also unter der schwarz-blauen Regierung von Wolfgang Schüssel (ÖVP), "absehbar" war, dass die hohen Betriebskosten der Eurofighter das Bundesheer "zunehmend" vor Probleme stellen. "Man hat offenbar andere Zahlen in den Vordergrund gestellt – etwa die lukrativen Gegengeschäfte", sagt Gruber.

STANDARD: Verteidigungsminister Doskozil hat angeordnet, die Eurofighter loszuwerden. Was soll mit ihnen geschehen: an die anderen Betreibernationen verscherbeln – oder gar ab damit ins Heeresgeschichtliche Museum?

Gruber: Die unwahrscheinlichste Version ist freilich, dass der Eurofighter im Museum landet. Theoretisch gibt es mehrere Möglichkeiten: Es kann sein, dass andere Luftwaffen Interesse an dem Flugzeug haben oder zumindest an Ersatzteilen – oder dass es der Hersteller zurücknimmt. Derzeit aber ist alles noch völlig offen – und wird von uns nicht bearbeitet.

STANDARD: Immerhin fliegen Deutschland, Italien, Spanien, Großbritannien ebenfalls mit Tranche eins. Aber als neutraler Staat gibt es für uns wohl Nationen, die keinesfalls als Abnehmer infrage kommen, wie etwa Saudi-Arabien?

Gruber: Fest steht, dass Österreich nicht aus eigenem Entschluss an irgendjemanden die Eurofighter verkaufen kann. Der Hersteller selbst wie die Hersteller verschiedenster Komponenten, die in das Flugzeug eingebaut sind – und da reden wir vor allem von amerikanischen Produkten -, müssen einer Veräußerung zustimmen. Dazu sind wir durch die "End User Certifications" verpflichtet.

STANDARD: Ihre Sonderkommission hat nach Überprüfung des Luftraumkonzepts eine Aufrüstung der Eurofighter oder den Umstieg auf eine andere Flotte empfohlen. Angesichts der Betrugsanzeige des Verteidigungsministeriums gegen Airbus wegen unzulänglicher Lieferfähigkeit der Tranche zwei: Wäre ein Upgrade samt Ankauf dreier weiterer Eurofighter überhaupt problemlos möglich?

Gruber: Derzeit läuft trotz des offenen Verfahrens der Justiz die technische und logistische Zusammenarbeit mit Airbus routinemäßig weiter. Also wäre auch die technische Nachrüstung der Eurofighter möglich – was insgesamt jedoch zwischen 200 und 300 Millionen kosten würde.

STANDARD: Alles fragt sich nun, mit welchen Abfangjägern es weitergehen soll. Dem Vernehmen nach hätte Schweden unverbrauchte Gripen von Saab, könnte aber auch gebrauchte verleasen?

Gruber: Dazu möchte ich nur sagen, dass wir bisher mit mehreren Regierungen Gespräche geführt und realistische Angebote eingeholt haben, die bis 2020 wirksam eingeführt werden könnten.

STANDARD: Haben Sie auch mit der US-Regierung unter Donald Trump geredet – immerhin wäre ja auch die F-16 des amerikanischen Herstellers General Dynamics ein möglicher Ersatz?

Gruber: Ich bitte um Verständnis, aber wir vermeiden derzeit bewusst, publikzumachen, mit welchen Staaten wir konkret gesprochen haben – auch, weil hier Geschäftsgeheimnisse der anderen Seite zu wahren sind. Deswegen haben wir vorerst vereinbart, dass wir keine konkreten Typen, Preise oder Betriebskosten nennen, bis es zum Beschaffungsverfahren kommt.

STANDARD: Doch andere Jets wären wohl erst recht wieder moderne Flugzeuge – kann ihr Betrieb pro Flugstunde also tatsächlich günstiger sein als jener der Eurofighter?

Gruber: Definitiv. Wenn wir jetzt in diese Richtung gehen müssen, werden wir vor allem darauf schauen, dass die Betriebskosten des Produkts deutlich unter denen der Eurofighter liegen, die heuer an die 80 Millionen ausmachen. Dazu haben wir Varianten errechnet, die nur etwa bei der Hälfte pro Flugstunde liegen.

STANDARD: Doch weitere Kosten kämen auch auf den Flughafen Zeltweg zu?

Gruber: Baulich wäre fast gar nichts zu verändern. Für die Rollbahnen ist es völlig egal, welcher Jet landet. Freilich aber bräuchte es etwa andere Software und Simulatoren – aber in Summe bewegen sich diese Investitionen unter 50 Millionen Euro.

STANDARD: Hat sich Österreich als kleiner Staat samt mickrigem Verteidigungsbudget mit der Beschaffung der Eurofighter von Anfang an übernommen?

Gruber: Uns haben die hohen Betriebskosten der Eurofighter in den letzten Jahren zunehmend vor Probleme gestellt. Ich denke aber, dass das von Beginn an absehbar war.

STANDARD: Hat die schwarz-blaue Regierung also einst falsche Kalkulationen angestellt?

Gruber: Man hat offenbar andere Zahlen in den Vordergrund gestellt – etwa die lukrativen Gegengeschäfte.

STANDARD: Durch den Deal von Ex-Verteidigungsminister Norbert Darabos (SPÖ) sind die Eurofighter auch nicht fähig, sich in der Nacht sicher an ein verdächtiges Flugzeug anzunähern, um es zu identifizieren. Wären die dafür nötigen Systeme nicht abbestellt worden: Würden wir den Eurofighter weiterhin betreiben?

Gruber: Natürlich, allerdings bleibe ich dabei, dass auch dann immer noch die viel zu hohen Betriebskosten schlagend würden. Was das abbestellte Flir-System betrifft: Derzeit ist deswegen eine nähere Dokumentation bei Nacht nicht möglich, etwa ob ein überfliegendes Kampfflugzeug Bomben drauf hat, auch ein Ablesen des Kennzeichens, um welche Nation es sich handelt, ist nicht machbar. Daher sind wir in der Nacht nicht reaktionsfähig.

STANDARD: Wenn nun auch Allwetterlenkwaffen angeschafft werden sollen: Ist das Gerät nicht erst recht wieder ein Kampfflugzeug, das die SPÖ einst verhindern wollte?

Gruber: Eines muss schon klar sein: Auf dem Markt gibt es heute nur mehr Kampfflugzeuge zu kaufen. Denn die Zeiten, in denen militärische Flugzeuge nur für einen bestimmten Zweck, also als Aufklärer, Jagdbomber oder Landstreckenjäger gebaut wurden, sind seit den Siebzigern vorbei. Heute kann ein Militärflugzeug also grundsätzlich alles, die Frage ist nur, mit welcher Ausrüstung man es für den Ernstfall bestückt.

STANDARD: Kann es sein, dass Ihre Soko nach der Nationalratswahl wieder Berechnungen anstellen muss, um den Eurofighter doch zu halten?

Gruber: Jedenfalls würde man dann wieder auf dieselben Zahlen kommen. Ich kann mir daher nicht vorstellen, dass ein neuer Verteidigungsminister wieder alles umwirft – es sei denn, jemand hätte unsachliche Motive. (Nina Weißensteiner, 10.7.2017)

Karl Gruber, Jahrgang 1955, ist seit 2013 Chef der Luftstreitkräfte. Der Brigadier, der seine Generalstabsausbildung an der Landesverteidigungsakademie in Wien absolviert hat, flog als Pilot einst den Hubschrauber Bell OH-58 Kiowa.

  • "Für die Rollbahnen ist es egal, welcher Jet landet": Airchief Gruber versichert, dass ein Umstieg auf eine neue Flotte keine hohen Investitionen in Zeltweg verursacht.
    foto: plankenauer

    "Für die Rollbahnen ist es egal, welcher Jet landet": Airchief Gruber versichert, dass ein Umstieg auf eine neue Flotte keine hohen Investitionen in Zeltweg verursacht.

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