VW-Spitze wusste früh von Milliarden-Abgaskosten

9. Juli 2017, 15:06
124 Postings

Martin Winterkorn und Marken-Chef Herbert Diess sollen schon im August 2015 über zu erwartende Strafzahlungen informiert worden sein

Frankfurt – Der frühere VW-Chef Martin Winterkorn ist nach einem Zeitungsbericht früh vor drohenden Milliardenkosten für den Konzern durch seine Abgasmanipulationen gewarnt worden. "Bild am Sonntag" berichtete unter Berufung auf US-Ermittlungsakten, Winterkorn und VW-Markenchef Herbert Diess seien bei einer Besprechung am 25. August 2015 über zu erwartende Strafzahlungen von insgesamt 18,5 Milliarden Dollar (umgerechnet rund 16,2 Milliarden Euro) in Nordamerika informiert worden. In der Sitzung sei vorgeschlagen worden, dafür Rücklagen zu bilden. Die Öffentlichkeit informierte VW erst vier Wochen später über den Skandal, der prompt den VW-Aktienkurs einbrechen ließ. Nach deutschem Recht müssen Unternehmen potenziell kursbewegende Informationen unverzüglich veröffentlichen.

Volkswagen erklärte dazu am Sonntag: "Vor dem Hintergrund laufender Ermittlungen äußern wir uns zu den genannten Sachverhalten inhaltlich nicht."

Die Öffentlichkeit und die Finanzmärkte wurden zuerst am 18. September 2015 von der US-Umweltbehörde EPA über die Betrugsvorwürfe gegen VW informiert. Das Unternehmen selbst räumte am 22. September Unregelmäßigkeiten im Zusammenhang mit Diesel-Abgaswerten ein. Im VW-Geschäftsbericht heißt es, die Probleme seien nicht schon früher bekannt gegeben worden, weil die zuständigen Vorstandmitglieder die Kosten für "insgesamt beherrschbar" gehalten hätten. Tatsächlich bildete VW noch 2015 Risikovorsorge in Höhe von 16,2 Milliarden Euro für den Fall. Die Staatsanwaltschaft Braunschweig ermittelt wegen des Verdachts der Marktmanipulation gegen Winterkorn, Diess und Aufsichtsratschef Hans Dieter Pötsch.

Was die kalifornische CARB wusste

Die Zeitung berichtete weiter, VW-Mitarbeiter hätten Winterkorn bereits am 27. Juli 2015 vorgetragen, was die kalifornische Umweltbehörde CARB über die Betrügereien mit Manipulationssoftware ("Defeat Device") wisse. Diese Software erkennt es, wenn ein Motor auf dem Prüfstand betrieben wird, und regelt die Abgasemission im Vergleich zum normalen Fahrbetrieb herunter. So werden im Test Grenzwerte eingehalten, die das Auto eigentlich klar verfehlt. Winterkorn habe seinen Kollegen Diess damals gefragt: "Habt ihr bei BMW auch so etwas verwendet?" Diess, der kurz zuvor von dem Münchener Konkurrenten zu VW gewechselt war, habe geantwortet: "Nein, wir haben bei BMW keine Defeat Devices genutzt!" Winterkorn und seine Anwälte waren am Sonntag nicht zu erreichen, ebenso die in Deutschland mit dem Fall befassten Ermittlungsbehörden.

VW hatte noch im Herbst 2015 die Kanzlei Jones Day damit beauftragt, die Hintergründe des Dieselskandals zu ermitteln – und wiederholt angekündigt, die Ergebnisse bekanntzugeben. Mehrfach wurde die Vorlage eines Berichts verschoben. Am Ende entschloss sich der Konzern anders und argumentiert seither, seit Veröffentlichung einer umfassenden Aufstellung durch das US-Justizministerium erübrige sich ein separater Bericht. Aktionäre werfen Volkswagen deshalb Verschleierung vor.

Im Januar war in den USA ein hochrangiger VW-Manager wegen des Dieselskandals festgenommen worden. Am vergangenen Freitag gab die Münchner Staatsanwaltschaft die erste Festnahme in Deutschland bekannt. Ein ehemaliger Audi-Mitarbeiter sei wegen des Verdachts des Betrugs und der unlauteren Werbung festgenommen worden und sitze seither in Untersuchungshaft. Einer Behördensprecherin zufolge wurde der Haftbefehl nicht auf Bitte der amerikanischen Behörden erlassen, sondern fußte auf eigenen Ermittlungen, die sich gegen mehrere Beschuldigte richteten. "Gegen Mitglieder des Vorstands wird nicht ermittelt", sagte sie. (Reuters, 9.7.2017)

Share if you care.