"Kind aus Blau": Verneigung vor einem Großen

9. Juli 2017, 10:00
33 Postings

Der neue Roman von STANDARD-Redakteur Ronald Pohl ist eine sprachmusikalische Improvisation über Miles Davis. Ein Auszug

Das Blaulicht flackerte, als die Rettung meine Mum in die nächste Gebärklinik brachte. Den ganzen Tag über war ihr bereits türkis zumute gewesen. Selbst die Graureiher über East St. Louis gaben etwas von der Farbe des Himmels wieder. Und es war kein Zufall gewesen: Die Räder der blauen Rettungsautos drehten sich mit exakt achtundsiebzig Umläufen in der Minute. Als uns ein kleiner schwarzer Bub an der Straßenecke die Zunge herausstreckte, war sie brombeerfarben. Sie schien mir von sich eingenommen, aber so genau konnte ich das nicht sehen, ich steckte zu diesem Zeitpunkt im Geburtskanal fest wie das Würstchen im gar gekochten Hund. Mums Drüsen gaben ihren Senf dazu.

Die Rettung überfuhr vielleicht ein halbes Dutzend blauer Ampeln. Mit mir ging es bergab, es war höchste Eisenbahn. Die Stadt des heiligen Ludwig liegt etwas östlich. Ich erinnere mich undeutlich des Wuchers, den die eingeborenen Pflanzen trieben. Als hätte jemand das ganze Grünzeug einfach so aus dem Ärmel geschüttelt. Da stand Schilfs Rohr neben der Eustachischen Röhre. Das Röhricht schwankte in stummer Erwartung des Rohrblattes, der Ginkgobaum vertrat sich die Beine. Von den Kiefernästen hingen Injektionsnadeln, jede einzelne so dick wie der ausgestreckte Finger einer halben Portion. Dies alles musste mir im Nachhinein erzählt worden sein, denn ich hing ja von der Nabelschnur ab. In der liefen die Blutströme blau zusammen und versorgten mich mit ausreichend Atemluft für mein Gebläse. Was fange ich mit Zitzen an, wenn ich doch kein Mundstück zum Atemschöpfen habe.

In der Luft hing der abstoßende Geruch nach Bückling und verdorbenen Kerosinen. Ich war bereits Manns genug und beschloss, mit mir müsse es ein besseres Ende nehmen. Ich betrachtete die perlmuttfarbenen Tauben. Ich gewann Anschauungen, aus denen leitete ich meine unumstößlichen Prinzipien ab. Erstens, ich bin blauer als ihr alle zusammen! Meine Art Blau war aus dem Widerschein einer Pfütze gewonnen. Sie konnte das Blitzen eines welken Himmels im Spiegel eines Barbiers sein, der, mit sich selbst Aug’ in Auge, sein Messer am Riemen abzieht. Das Blau, das ich meine, fiel nicht mal so eben vom Zwetschgenbaum herunter. Man musste es sich umständlich ausmalen, für seine Herstellung in vielen unterschiedlichen Töpfen rühren.

Man hielt mich klein, um mich in der Hinterhand zu behalten. Aber beginnen wir lieber von vorn: Ich kam in einer gewöhnlichen Geburtsklinik zur Welt, dabei wäre ich lieber aus allen Wolken gefallen. Ich war allem Anschein nach sonnig. Vor allem strahlte ich, was von der Schuhpaste abstach, die ich im Gesicht trug. Ich stand im Begriff, klar wurde ich aufgelesen. Ein Piepmatz staunte Bauklötze. Ich hätte ihn gerne hochgehoben, um ihn an mich zu gewöhnen. Stattdessen nahm mich Bird in seine Hand. Ich war noch viel zu grün hinter den Ohren, um von Grund auf blau zu sein. Schon bald erreichte ich den East River, der in seiner ganzen Pracht verwelkt schien. Vor dem Eingang des Village Vanguard stand ein Kerl mit preußisch blauer Schirmkappe und hyazinthblauen Augen. Ich fragte ihn:

– Ist hier Bird’s Nest?

– Was geht’s dich an, du Zwerg?

– Ich sei ein junger Piepmatz, der aus Bird’s Nest gefallen. Und dass ich unbedingt hineinmüsse, ich hätte das dringend benötigte Horn beizubringen ... Ich musste vor Verlegenheit korallenblau angelaufen sein.

Im Village Vanguard fanden gerade umfangreiche Umbauten statt. Arbeiter im Blaumann errichteten mit ihrer bloßen Hände Kraft modale Skalen. Die liefen sie unentwegt hinauf und hinunter, die Sechzehntel quollen nur so aus ihren Tuben. Milch der forschen Denkungsart floss in Strömen. Ich versuchte mich sofort einzumengen, aber da war sie auch schon vergossen. Ich strauchelte umgehend. An den Bebopbüschen gediehen dicke Sträuße Gladiolen. Die Posaunenzüge waren pünktlich, die Backenzähne hatten obendrein einen Stich ins Blaue. Und erst, als ich mich dazu herabließ: Charlie ähnelte einem dieser großmäuligen Riesenfische, wie sie für gewöhnlich im Süßwasser vorzukommen pflegen. Für einen Karpfen blau hatte er jedoch zu wenig Schuppen. Tatsächlich wurde er von der Atmosphäre im Village Vanguard durch und durch durch. Der blaue Dunst hing in langen Algen vom Plafond herab, Schalentiere krochen zum nächsten Korallenast. Es verlangte sie nach stark schmelzenden Getränken.

Bist du bereit, schnappte Charlie. Für einen Vogel hatte er ein entschieden zu großes Maul. Ich stellte das Horn in die Waagrechte. Der Gischt flog in Fetzen aus dem goldglänzenden Stutzen, sobald ich die Peristaltik betätigte. Die Rotkehlchen verstummten im Nu. Man schrieb die blaue Stunde: Ein Sack Flöhe wurde in den Trichter zurückgedrängt. Ich trug mein Horn wie ein knöchernes Angebinde. Andere hätten darauf gepfiffen. Der Besen eines Hinzugezogenen rührte die Felle zu Tränen. Die Standuhr wurde mit dem Bogen gestrichen und verschwand senkrecht aus dem Bild.

Sein weit aufgesperrtes Maul

Die blaue Stunde näherte sich mit Riesenschritten, und ich wurde nicht und nicht älter. Ich maß gut und gerne drei Käse hoch. Schon aus Trotz lief ich dunkelblau an, um einen Mangel an Sau erstoff auszudrücken. Auf Zurufe reagierte ich hellhörig, überhaupt wenn sie meiner Wenigkeit galten. Ich erwiderte sie, indem ich einmal scharf durchblies. Daraufhin löste sich aus der Röhre ein Ton und gehörte sofort der Allgemeinheit an. Ich machte mir umgehend einen Namen; die Streifen Asphalt gaben sich meinen Füßen hin, man hätte meinen können, sie ergäben zusammen achtundachtzig und wären insgesamt aus Elfenbein geschnitzt. So sah ich Menschen, die vor sich zylindrische Gefäße stehen hatten. In diese weinten sie, um die bernsteinfarbene Flüssigkeit in ihnen zum Überlaufen zu bringen. Diese Tätigkeit nahm eine geschlagene blaue Stunde in Anspruch. Die Verschlusskappen an den Laternen lächelten, der Wind zupfte an den bloßliegenden Gedärmen der Weiden. Am Mississippi streckten die Dampfboote die Füße ins Wasser, die Forsythien verzapften blühenden Unsinn, ein Kapitän mit goldenen Knöpfen lief dunkelblau an, sein Schiff aus Stanniolpapier hingegen aus. Auf dem Pier von New Orleans stand der Lotse Arm strong: Allein durch die Macht seiner Grimassen lenkte er leckere Boote in sein weit aufgesperrtes Maul.

Um mich bemerkbar zu machen, schüttelte ich Flossen. Auf tausend Bücklinge kam ein aufrecht Stehender. Vater war Schuster: Er blieb bei seinen Kauleisten. Ich sah Priester und Freidenker, die vor lauter Zahnweh wimmerten. Dad trug die weiße Soutane eines Voodoo-Priesters, das Behandlungszimmer war mit Mahagoni verkleidet. Entzündungsherde flackerten auf niedriger Stufe. Ich nannte eine meiner ersten Platten folgerichtig "Kochend". In New York spürte ich, wie Taxis durch die Aorta gepumpt wurden. Blutkörperchen glitzerten in den Straßen, nur die Upper East Side litt zu gewissen Tageszeiten an Leukämie. Dad hatte mir scharf eingebläut: Ernähre dich redlich von Milch, und frische dann und wann dein Blut auf. Lass jedoch die Finger von Lösungen, die auf erhitzten Löffeln um deine Aufmerksamkeit buhlen. Dad versprach, mir ansonsten die Zufuhr abzuschneiden. Ich sollte von unwohlschmeckenden Gerichten leben, so wie am Jüngsten Tag. Heroin: Es gab eins auf die Löffel. Die Gaskocher sprangen von Rot auf Gelb, hernach auf Blau. Ich sah, was mit dem Vogel passierte, wenn er endlich am Drücker war. Er hüpfte auf dem Kies herum, als ob er das Geld nicht mit ehrlicher Leute Arbeit verdient gehabt hätte. Bird schmiss dann eine Runde und flog aus der Kurve. Wir klaubten ihn wieder zusammen und stellten ihn im Gedächtnis nach.

Die Posaunisten zählten mehrheitlich unter die Zugvögel. Sie übernachteten in Tunesien oder sonnten sich im Mondlicht von Vermont. Sie reckten die Hälse und schlürften Sauerstoff aus Tulpen, in der Frühe, wenn die Münze am Himmel kupferrot aufquoll. Geflammter Rost ätzte ihre Kehlen, ihre Zungen schälten sich blau aus der Dunkelheit heraus.

Dad las den Zahnstein auf, den andere verbrochen hatten. Mum gab an uns Angehörige Heißgetränke weiter. Die Klinik hallte wider von den Schreien der Geschröpften. Stücke ihrer selbst blieben auf der Strecke, und Dad verpasste ihnen Wickel, die sie mit ihren Kauwerkzeugen hatten. Ich pfiff lieber aus dem letzten Loch. Ich schloss von den Lippen auf die Ventile, und die Luft bekam die Flatter. Ein Ring aus Messing zitterte unter der Gewalt der Zufuhr. Ich setzte ihm nur umso heftiger zu. Prompt war mir etwas entgangen. Ich verglich die Mundblasstücke mit den Hydranten im Französischen Quartier. Der Mund bildete einen Hafen, in dem Frachter wie die Satchmo vor Anker lagen. Die Spucke bildete Fäden, an denen die Webschiffchen vor Anspannung zitterten. Tommy Dorsey und andere Leichtmatrosen warfen vor Begeisterung ihre Mützen in die Luft. Letztere vibrierte und schimmerte türkis wie Benzin. Ich folgte einer inneren Eingebung und ließ es züngeln. So erlebte ich ausgerechnet zu Pfingsten mein blaues Wunder. (Auszug aus dem Roman "Kind aus Blau" von Ronald Pohl, Album, 9.7.2017)

Ronald Pohl, "Kind aus Blau. Roman der Rückbildung". € 13,90 / 112 Seiten. Ritter-Verlag, Klagenfurt 2017

  • Miles Davis
    foto: ap

    Miles Davis

    Share if you care.