George Benson: Ideensubstanz im Kommerznebel

    7. Juli 2017, 17:01
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    Der US-Gitarrist und Sänger gastierte mit einem Greatest-Hits-Programm in der Staatsoper beim Jazzfest Wien. Instrumental in guter Fasson, gab der Amerikaner auch Weisheiten in schnulziger Soulform preis

    Wien – Wunderwerke der Stilneuheit erwartet niemand vom regelmäßigen Gast des Jazzfestes Wien, also von Gitarrist George Benson. Der Virtuose lebt in der jazzigen wie der souligen Tradition mit besonderer Berücksichtigung der Discoromantik. Und dies schon seit Jahrzehnten. Der Abend ist denn auch als Gratest-Hits-Progamm zwischen schmuseweichem Gesang, instrumentalen Kapriolen und nostalgischem Hüftkreisen angelegt.

    Das Erstaunliche bei Benson: Ob er nun ungeschminkt jazzig agiert, also auf der Klampfe Beweise seiner Befähigung zu smarter Linienproduktion und märchenhaftem Timing erbringt, oder Erinnerungen an Hitparadenzeiten weckt – Benson bleibt intensiv und wirkt keinesfalls von sich selbst entfremdet.

    Hier wird Können nicht versteckt, wie dies etwa beim an sich wunderbaren Sänger Al Jarreau aus Kommerzgründen leider oft der Fall war. Auch Songs wie Nothing's Gonna Change My Love for You oder Kisses in the Moonlight wie auch Give Me the Night werden zu flockigen Belegen – auch vom Interpreten selbst – inbrünstig genossener Zugänglichkeit.

    Sehr zugänglich

    Wird für Momente die Musikzeit zurückgedreht – zu jenem Punkt der 1960er-Jahre, da George Benson mit seinem Instrumentalsound und den Endloslinien im Bebopstil als Nachfolger von Wes Montgomery galt -, wirkt er allerdings noch mehr bei sich selbst. Zu denken war an Alben wie Bad Benson, wo gewissermaßen jener Kompromiss zwischen Kommerz und Anspruch gelang, da Benson als Instrumentalist noch immer an die Grenzen der Expressivität (siehe seine Version von Take Five) zu gehen bereit war.

    In der Wiener Staatsoper gibt es zwar die Schnulzenblöcke, aber eben auch immer wieder die Spezialität des Mannes in respektablen Dosen: Sein Unisono von Stimme und Gitarrensoli, bei denen Benson die Linien, die er spielt, fast identisch mitsingt, tritt als hitzige Echtzeitkunst auf, wirkt wie ein Moment der Kunstfreiheit in glatter Umgebung.

    Kennt eigene Soli

    Zum Finale hin der Kracher On Broadway, worin noch einmal alles zu hören ist: diese punktgenauen Linien, das rhythmische Gespür (wobei Benson seine eigenen Soli der Studioversion von 1978 paraphrasiert und zitiert) und die Intensität der Darbietung. Bleibt nur die Frage, wozu der 1943 in Pittsburgh Geborene zwei Keyboarder braucht und neben Wichtigem (also Schlagzeug, Bass und assistierender Rhythmusgitarre) auch noch Percussion benötigt. Er produzierte damit einen aufdringlichen Sound, der die Musik letztlich erdrückt. Und da die Laustärkeverhältnisse sehr opernhausunfreundlich laut wirkten (das Haus ist nun einmal nicht für verstärkte Musik gebaut worden), ergab das eine bedauerliche akustische Belästigung. Seltsam: Es galt, einen Künstler mitunter durch den Nebel seiner eigenen Musik hindurch akustisch zu finden. Seltsam. (Ljubisa Tosic, 8.7.2017)

    Jazzfest Wien am Wochenende: 8. 7., Saxofonist Jan Garbarek im Arkadenhof des Rathauses, 20.30

    • George Benson war an diesem Abend der Gitarrenvirtuose und auch der Schmusesänger aus der Disco. Dennoch war alles – wenn auch lange in übler Akustik – im Rahmen des Authentischen verortet.
      foto: apa/pfarrhofer

      George Benson war an diesem Abend der Gitarrenvirtuose und auch der Schmusesänger aus der Disco. Dennoch war alles – wenn auch lange in übler Akustik – im Rahmen des Authentischen verortet.

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