Pilz, Habsburg, Kurz, Klenk, Jeannée: Bolschewiken gegen Eiche

Kolumne9. Juli 2017, 08:00
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Nicht nur aus Abgängen bei den Grünen sieht man, wie im Vorfeld der Wahlen die Gereiztheit allgemein zunimmt

Peter Pilz verlässt die Grünen, Ulrich Habsburg verlässt die Grünen, aber der hat wenigstens einen seriösen Grund. Er fühlt sich familiär zurückgereiht, weil in einem Brief, dessen Urheber er im Umfeld des grünen Parlamentsklubs wähnt, die Mitglieder des Hauses Habsburg unflätig beschimpft wurden und Ulrich Habsburg angeraten wurde, künftig den Titel "Idiot von Wolfsberg" zu führen – und das straffrei, wie "Die Presse" meldete.

Da Ulrich Habsburg verständlicherweise auf den ihm vom Umfeld des Grünen Parlamentsklubs verliehenen Adelstitel von Wolfsberg nicht den Wert legt, der ein weiteres Verbleiben bei den Grünen erforderlich machen würde, zog er obige Konsequenz, zu der auch beitrug, dass eine gewisse Sigrid Maurer sich geweigert habe, ihn bei einem Telefonat mit seinem akademischen Titel anzusprechen. Dieser entfiel konsequent auch in dem Bericht der "Presse". Ob Herr Habsburg deshalb auch sein Abonnement des Blattes abbestellt hat, wurde nicht berichtet.

Man ersieht daraus, wie im Vorfeld der Wahlen die Gereiztheit allgemein zunimmt. Drohungen, wie sie da von Peter Pilz ausgestoßen wurden, sind nur dazu geeignet, dieses Klima anzuheizen. In der Grazer "Kleinen Zeitung" versprach er eine gerontologische Herausforderung, die alle bisherigen Umfragen zertrümmern könnte. "Sebastian Kurz wird neben mir alt aussehen", versuchte er dessen einziges auf Fakten beruhendes Angebot an die Wählerinnen (und Wähler) zu konterkarieren.

Derlei Angebote betreffend flüchtete sich Kurz bisher in Vertröstungen auf den Herbst, was den Widerhall des Parteitagsjubels etwas trübte. Sogar mit einer Hochzeit will er noch warten, obwohl er deutlich machte, die Ehe zwischen Mann und Frau sei Parteidisziplin selbst dann, wenn auf die Partei gepfiffen wird.

Dementsprechend mau waren die Reaktionen außerhalb des Boulevards. Auf seine Lösungen lässt Kurz weiter warten, moserten die "Salzburger Nachrichten", der neue Parteichef blieb beim Problemaufriss stecken. Und der "Kurier" schob der bangen Frage Für wie lange reicht der Jubel für Kurz? die Feststellung der offenen Flanke nach: Bei einigen zentralen Themen ist der neue schwarz-türkise Hoffnungsträger noch eine "Black Box". Kein Wunder, dass der Politikwissenschafter Reinhard Heinisch im "Kurier" kritisierte: "Ich hätte mir von Kurz noch mehr Konventionsbruch erwartet."

Dieser Forderung scheint er mit der unter seiner Verantwortung, weil in seinem Ministerium, gedeichselten und vom "Falter" aufgezeigten Zuspitzung einer von diesem Ministerium in Auftrag gegebenen Studie zu islamischen Kindergärten zumindest nahegekommen zu sein. Entgegen der allgemeinen Skepsis bezüglich eines solchen Umgangs mit Auftragsarbeiten konnte sich Kurz auf Michael Jeannée von der "Krone" verlassen, der ihm unter Aufbietung folgender Beinamen versicherte, es sei ohnehin alles in Ordnung: Bolschewikenblattl-Klenk, Bolschwikenblattl-Thurnher, Pseudo-Dialektiker Thurnher, Salonbolschewik Thurnher. Alles in einer schmalen Spalte.

Jeannées journalistische Expertise, damit ist die Geschichte journalistisch so tot wie ein Salzhering, wird sich in der nächsten Zeit zu bewähren haben, sie mündete jedenfalls in eine Würdigung des verantwortlichen, aber sich unbeschwert gebenden Ministers, wie er sie wohl noch nie erfahren hat. Lieber Sebastian: Sie kennen natürlich die Geschichte von der Eiche, an der ein Schwein sich kratzt. Aber wenn schon Eiche, wieso eigentlich nicht auch ganz ungeniert Bolschewiken-Schwein?

Jetzt könnte es etwas kompliziert werden, ist doch neben Kurz auch Pilz für die "Krone" zum Sympathieträger geworden. Vielleicht nur kurzfristig, schließlich muss man sich entscheiden, für wen man trommelt. Als einen der Gründe, warum Pilz in der "Kleinen Zeitung" Kurz rasches Altern angekündigt hat, führte er an, über detaillierte Informationen zu verfügen, wonach die ÖVP in Österreich als "Erdogan-Brückenkopf" diene. Ob er damit noch vor den Wahlen herausrückt oder ob er mit dieser Vorinformation Wähler mit der Aussicht auf spätere Belohnung ködern will, wird sich bald zeigen.

Vielleicht ist der Verdacht, die ÖVP könnte ein "Erdogan-Brückenkopf" sein, Kurz schon lange gekommen, und es war dieser Verdacht, der ihn trieb, die Bundesliste für die Wahlen statt mit schwarzen Erdogan-Fans mit türkisen Parteifreien zu besetzen. Dann wäre ihm der Ehrentitel Eiche nicht mehr zu nehmen. (Günter Traxler, 9.7.2017)

  • Wenn schon Eiche, wieso eigentlich nicht auch ganz ungeniert "Bolschewiken-Schwein"?
    foto: apa / krachler

    Wenn schon Eiche, wieso eigentlich nicht auch ganz ungeniert "Bolschewiken-Schwein"?

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